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„Das Zeitfenster für wirksames Handeln wird immer kleiner“

Andreas Wanke leitet die Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie an der Freien Universität. Er arbeitet bereits seit 20 Jahren daran, den Energieverbrauch auf dem Campus zu senken.

Andreas Wanke leitet die Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie an der Freien Universität. Er arbeitet bereits seit 20 Jahren daran, den Energieverbrauch auf dem Campus zu senken.
Bildquelle: Bend Wannemacher

Die Freie Universität Berlin hat den Klimanotstand ausgerufen. Was das bedeutet und warum Klimaschutz mehr ist als das Einsparen von CO2, erklärt Andreas Wanke, Leiter der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie

News vom 22.01.2020


Die Freie Universität Berlin hat im Dezember 2019 den Klimanotstand ausgerufen. Zugleich hat sich die Hochschule selbst verpflichtet, noch konsequenter als schon zuvor Nachhaltigkeit und Klimaschutz an der Freien Universität zu verankern. Ein neues Steuerungsgremium soll die Selbstverpflichtung institutionell verankern. Ein Ziel ist besonders ehrgeizig: In fünf Jahren möchte die Universität klimaneutral sein. Ein Gespräch mit Andreas Wanke.

Herr Wanke, warum hat das Präsidium der Freien Universität Berlin beschlossen, den Klimanotstand auszurufen?

Wir haben als Universität den Klimanotstand ausgerufen, um die besondere Dringlichkeit des Klimaschutzes zu unterstreichen. Einer Universität kommt dabei insofern eine wichtige Rolle zu, weil dort die Ursachen des Klimawandels erforscht werden und die zukünftige Generation von Entscheiderinnen und Entscheidern ausgebildet wird.

Wir weisen mit dem Ausrufen des Klimanotstands darauf hin, dass das Zeitfenster für wirksames Handeln immer kleiner wird. Gleichzeitig verpflichten wir uns, Nachhaltigkeit und Klimaschutz in allen Bereichen der Freien Universität zu stärken. Und wir haben uns das Ziel gegeben, bis zum Jahr 2025 als Einrichtung klimaneutral zu arbeiten.

Wie will die Freie Universität das in fünf Jahren bewältigen?

Wir haben mit der Ausrufung des Klimanotstandes und dem Ziel der Klimaneutralität sieben Teilziele verbunden, die sich in der Summe auf die gesamte Universität beziehen. Dabei geht es auch um qualitative Ziele wie beispielsweise darum, Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Lehre noch stärker zu verankern und das Thema bei allen Entscheidungen und Planungen zu berücksichtigen. Diese umfassenden Maßnahmen sind zwar nicht so klar zu messen wie das Ziel der Klimaneutralität. Sie zielen aber auf die größten und auch wichtigsten Potenziale von Universitäten für ihren Beitrag zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit.

Das Ziel der Klimaneutralität selbst ist ehrgeizig, das ist uns klar. Aber wir sind auch keine Anfänger auf dem Gebiet. Wir berechnen unseren Energieverbrauch und die damit verbundenen Kohlendioxid-Emissionen seit 20 Jahren und wissen, wie viel wir bereits erfolgreich eingespart haben. Wir haben unseren Energieverbrauch in diesem Zeitraum um 25 Prozent reduziert. Die mit dem Energieeinsatz für unsere Gebäude verbundenen CO2-Emissionen haben wir um 80 Prozent gesenkt, wenn wir dabei einbeziehen, dass wir seit 2010 Ökostrom einsetzen. Inzwischen haben wir auch die CO2-Emissionen unseres Fuhrparks erfasst und im vergangenen Jahr die indirekten Emissionen ermittelt, die durch Dienstreisen verursacht werden.

Wir haben also ein gutes Bild davon, worauf wir uns einlassen und welche CO2-Reduktion wir bewältigen müssen, wenn wir eine Klimaneutralität ansteuern.

Ist die technische Optimierung beim Einsatz von Energie auf dem Campus nicht bereits ausgereizt?

In der Tat müssen wir alle energetisch sensiblen Bereiche auf dem Campus erneut in den Blick nehmen und schauen, an welchen Stellen wir noch mehr Energie sparen können. Vielleicht läuft hier und da eine Lüftungsanlage unnötig lange, oder es können Gebäudeteile mit Präsenzsensoren ausgestattet werden, sodass sich das Licht ausschaltet, sobald niemand im Raum ist. Gerade weil wir viel Erfahrung beim Energiesparen haben, können wir noch neue Potenziale entdecken.

Zudem haben sich die technischen Möglichkeiten in der Energieeffizienz erweitert, etwa in der Wärmerückgewinnung oder bei der Steuerung von technischen Anlagen. Zum Beispiel könnte man die Abwärme von Rechenzentren für die Gebäudeheizung nutzen. Wir wollen außerdem den auf dem Campus aus Photovoltaikanlagen erzeugten Strom von rund 600.000 Kilowattstunden deutlich ausweiten. Dafür werden wir neben unseren neun schon laufenden Photovoltaikanlagen neue in Betrieb nehmen müssen.

Welche Pläne haben Sie hinsichtlich des Fuhrparks der Freien Universität?

An der Freien Universität werden derzeit rund 80 Fahrzeuge betrieben, primär Nutzfahrzeuge für den technischen Betrieb und auch Kleinbusse für Exkursionen im wissenschaftlichen Bereich, die 680.000 Kilometer jährlich fahren und damit 190 Tonnen, also 190.000 Kilogramm CO2, emittieren. Diese Fahrzeuge wollen wir als Universität – federführend ist hier unsere Beschaffungsstelle – zügig durch elektrisch betriebene Autos ersetzen. Fünf E-Autos sind schon im Einsatz. Außerdem soll ein Pooling-Konzept eine bessere Ausnutzung garantieren. Für kürzere Strecken stehen schon jetzt an den verschiedenen Standorten zehn elektrische Lastenfahrräder zur Verfügung.

Das betrifft die Mobilität auf dem Campus. Und die Reisen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder Delegationen zu Tagungen und Arbeitstreffen im Ausland?

Internationale Kontakte sind seit der Gründung der Freien Universität 1948 gewissermaßen ihr Rückgrat. Das Konzept einer internationalen Netzwerkuniversität prägt die Hochschule zusätzlich, seit sie 2007 damit erstmalig im Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder die Auszeichnung Exzellenzuniversität errungen hat. Verbote von Dienstreisen wären an der Freien Universität also nicht förderlich.

Es ist aber womöglich konsensfähig, die Dringlichkeit von Dienstreisen neu zu bewerten. Können bestimmte Vorträge beispielsweise nicht auch virtuell beigesteuert werden? Generell wollen wir prüfen, in welchen Fällen Treffen an einem gemeinsamen Ort durch Videokonferenzen ersetzt werden können.

Ich selbst war im November in Prag in einem internationalen Workshop – die Bahnfahrt ist ja nicht weit –, bei der die anderen Referentinnen und Referenten aus Großbritannien und Skandinavien per Video zugeschaltet waren. Es war eine sehr lebhafte Atmosphäre, weil der Moderator die Technik geschickt im Sinne der Veranstaltung bedient hat. Das kann man lernen und sich aneignen – im Idealfall gäbe es an jedem Institut dafür geschulte Personen.

Wir brauchen in diesem Bereich neue Narrative, sodass man sich von den positiven Erfahrungen virtueller Konferenzen erzählt. Die Freie Universität hat hier mit bereits zwölf Videokonferenzräumen sehr gute Voraussetzungen und auch das fachliche Know-how. Klar ist allerdings auch, dass bestimmte Flugreisen unverzichtbar bleiben. Diese könnten zum Beispiel durch negative Emissionstechnologien oder andere Mechanismen kompensiert werden.

Ein interdisziplinäres Projekt soll helfen, Kohlendioxid-Emissionen durch Kreislaufschließung organischer Abfälle der Freien Universität Berlin und der Erzeugung von Pflanzenkohle zu reduzieren.
Bildquelle: TerraBoGa


Was können wir uns unter negativen Emissionstechnologien vorstellen?

Das sind Verfahren, bei denen CO2 aus der Atmosphäre entfernt wird, also mehr CO2 eingespart wird als emittiert. Zum Beispiel gibt es am Fachbereich Geowissenschaften am Arbeitsbereich von Professor Konstantin Terytze ein spannendes Projekt, bei dem Ast- und Strauchschnitt des Botanischen Gartens genutzt wird, um diesen zu karbonisieren und zu Pflanzenkohle zu verarbeiten. Mit weiteren pflanzlichen Abfällen und der gewonnenen Pflanzenkohle wird eine Erde erzeugt, die der Terra Preta ähnlich ist, eine sehr fruchtbare Erde, die von den Bewohnern des Amazonasgebiets schon vor vielen Jahrhunderten hergestellt und genutzt wurde und die mehr CO2 bindet als Mutterboden. Die Wärme, die beim Herstellungsprozess der Pflanzenkohle anfällt, kann zudem zum Heizen von Gebäuden genutzt werden.

In welcher Größenordnung kann solch eine Kreislaufschließung zu einer ausgeglichenen Klimabilanz der Universität beitragen?

Genau zu dieser Frage lassen wir gegenwärtig eine Machbarkeitsstudie erstellen. Es wird geprüft, inwieweit wir die organischen Abfälle der Freien Universität, also zum Beispiel den Grünschnitt aus der Grünflächenpflege und den Dung der bei der Veterinärmedizin anfällt sowie auch Holzreste des Bezirks, für diese Technologie nutzen können. Das Ergebnis der Studie wird Ende März vorliegen.

Die bislang vorliegenden Zwischenergebnisse stimmen uns optimistisch, dass wir mit einem solchen Ansatz CO2 in einem nennenswertem Umfang kompensieren können. Wir werden auch andere Kompensationsmechanismen prüfen. Welche wir davon am Ende anwenden, müssen wir aber erst in den Jahren 2024/25 entscheiden.

Außerdem wird das Klimapaket der Bundesregierung die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen bis 2025 merklich verändern. Die Preisdifferenz zwischen den fossilen Energieträgern und den erneuerbaren wird absehbar sinken, was uns neue Spielräume im Einsatz erneuerbarer Energien und für Energieeffizienzmaßnahmen eröffnen wird.

Wer entscheidet an der Freien Universität zu gegebener Zeit, welche Kompensationen eingeführt werden sollen?

Solche Entscheidungen trifft das Präsidium der Freien Universität. Als Beratungsgremium haben wir ein Steuerungsgremium eingesetzt, das vor wenigen Tagen offiziell seine Arbeit aufgenommen hat. Dieses ist eine Fortentwicklung eines vorherigen Gremiums.

Neu ist, dass der Steuerungskreis nun vom Akademischen Senat der Freien Universität einberufen ist und den gleichen Pflichten zur Transparenz unterliegt. Das Gremium ist paritätisch besetzt mit Professorinnen und Professoren, Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und wissenschaftsunterstützendem Personal. Wir werden regelmäßig Gäste einladen und bestimmte Themen vertiefen. Generell planen wir, dass kontinuierlich aus den unterschiedlichen Arbeitsgruppen berichtet wird, die das Steuerungsgremium ergänzen.

Über welche Themen haben Sie auf der ersten Sitzung diskutiert?

Wir haben zunächst vorgestellt, was wir bereits umgesetzt haben und welche Maßnahmen geplant sind. Außerdem haben wir erläutert, welche methodischen Zugänge bei der Bewertung von Klimaneutralität zu beachten sind. Wir müssen beispielsweise genau festlegen, welche Bilanzgrenzen wir ziehen und mit welchen CO2-Faktoren wir rechnen.

Anschließend haben wir für die Themen Lehre, Energie, Beschaffung und Mobilität Werkstattgespräche veranstaltet, in denen die Mitglieder des Steuerungsgremiums die bereits geplanten Maßnahmen konkretisieren und auch neue Ideen einbringen konnten. Das Spektrum der diskutierten Maßnahmen war auch für mich persönlich – ich arbeite immerhin seit fast drei Jahrzehnten in diesem Bereich – eine inspirierende Erfahrung. Es wurde deutlich, dass die Dringlichkeit des Problems von allen Mitgliedern des Gremiums geteilt wird – und auch mit einer wachsenden Entschlossenheit. Es war eine neue Aufbruchsstimmung spürbar, die es nun zu nutzen gilt.

Was planen Sie für das nächste Zusammenkommen?

Auf der nächsten Sitzung wollen wir zum einen die Ergebnisse der erwähnten Machbarkeitsstudie zu negativen Emissionstechnologien und unsere Überlegungen zu einem internen Ideen- und Innovationsmanagement besprechen. Diese laufen darauf hinaus, einen internen Nachhaltigkeitsfonds einzurichten, mit dem Projekte zum Klimaschutz an der Universität gefördert werden.

Dass wir mit dem neuen Steuerungsgremium unsere Arbeit stärker institutionell verankern, sehen wir als einen notwendigen Schritt nach dem Ausrufen des Klimanotstandes und unserer Selbstverpflichtung zur Klimaneutralität in fünf Jahren. Das heißt gleichzeitig, dass wir unseren Weg mit einem neuen Blick der Dringlichkeit weitergehen und neben den quantitativen Zielen auch unseren qualitativen Beitrag herausstellen werden.

Was heißt das?

Der Beitrag zum Klimaschutz einer Universität wird wie gesagt an mehr gemessen als an ihrem Energieverbrauch auf dem Campus. Unsere zentrale Aufgabe ist es, wissenschaftliche Beiträge zum Klimaschutz zu leisten und Lösungsstrategien aufzuzeigen. Wir bilden die junge Generation aus, die diese Probleme lösen muss und dafür auch die nötigen professionellen und sozialen Kompetenzen benötigt.

In unserer „Schüleruni Nachhaltigkeit + Klimaschutz“ lernen jährlich in etwa 160 Workshops rund 3000 Schülerinnen und Schüler etwas über das Thema. Wir werden in den kommenden fünf Jahren absehbar auch neue Lehrformate in diesem Bereich aufbauen und Professuren zum Thema besetzen. Diese Leistungen können nicht in Tonnen CO2 gemessen werden, sind aber trotzdem von größter Bedeutung.

Die Fragen stellten Christa Beckmann und Kerrin Zielke

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Nachhaltigkeit
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