Grafische Aktion im Rahmen des Forschungsprojekts von Uljana Bychenkova und Anna Scherbyna am Osteuropa-Institut
News vom 12.06.2022
Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat eine statistische Seite, die tagtäglich in Opferzahlen, Truppenstärken, Fluchtbewegungen, Quadratmetern besetzten Geländes, Prozentsätzen zerstörter Infrastruktur und Konjunkturkurven angegeben wird. Er hat aber auch eine affektive Seite, die ungleich schwieriger zu erfassen ist. Im oft bemühten Begriff „humanitäre Katastrophe“ ist sie nur ansatzweise benannt.
In ihrem Projekt untersuchen Uljana Bychenkova und Anna Scherbyna die Artikulationsformen subjektiver Bewältigung der Kriegserfahrung. Im Mittelpunkt stehen dabei Selbstzeugnisse in sozialen Netzwerken, Briefen und Interviews mit Gebliebenen und Geflüchteten. Die Forschungsarbeit mit diesen Zeugnissen verläuft experimentell an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. So kann ein Erfahrungswissen über den Krieg erschlossen werden, das der zahlenbasierten Analyse fremd bleibt.
Für die Publikation ihrer Forschungsergebnisse wählen Uljana Bychenkova und Anna Scherbyna das Format einer sukzessiven wissenschaftliche-künstlerischen Intervention in den öffentlichen akademischen Raum. Im Juni und Juli 2022 werden in wöchentlicher Folge neue Plakate auf dem Campus ausgehängt, auf denen Auszüge aus Dokumentationen über die Kriegserfahrungen zu lesen sind. Über den Zeitraum von zwei Monaten verdichten sich so auf dem Campus der Freien Universität die Stimmen der Menschen, die sonst in den Statistiken der militärischen Faktengeschichte verschwinden.