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Israel zwischen Dämonisierung und Idealisierung

In seiner letzten Post aus Jerusalem reflektiert Julian Jestadt seine Besuche in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und im Arafat-Museum

17.03.2020

Julian Jestadt vor der Knesset in Jerusalem, dem Parlament Israels.

Julian Jestadt vor der Knesset in Jerusalem, dem Parlament Israels.
Bildquelle: privat

Julian Jestadt ist seit Mitte Februar wieder in Berlin, von dort hat er auch seine letzte Post aus Jerusalem geschickt. Für das Schreiben hat er sich gedanklich noch einmal auf die Reise in den Nahen Osten begeben – drei Wochen, bevor Israel als Schutzmaßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus die Grenzen für einreisende Ausländerinnen und Ausländer geschlossen hat.

Hunderte Gesichter blicken mich an: alte Menschen, junge Menschen, mit Bart, ohne Bart, mit langen oder kurzen Haaren, lachend oder ernst. Sie blicken von den inneren Wänden eines Kegels auf mich hinab – und erinnern mich daran, warum ich nach Israel gekommen bin. Ich stehe in der Halle der Namen von Yad Vashem in Jerusalem, Israels nationaler Gedenkstätte für den Holocaust. Die Menschen, die mich anblicken, wurden von den Nazis ermordet.

Die Halle der Namen in Yad Vashem erinnert an die Opfer des Holocausts. Die Kuppel mit den Bildern vieler Opfer wird ergänzt durch ein Rondell schwarzer Aktenorder, in denen die Gedenkblätter Millionen Ermordeter aufbewahrt werden.

Die Halle der Namen in Yad Vashem erinnert an die Opfer des Holocausts. Die Kuppel mit den Bildern vieler Opfer wird ergänzt durch ein Rondell schwarzer Aktenorder, in denen die Gedenkblätter Millionen Ermordeter aufbewahrt werden.
Bildquelle: privat

Eine App zeigt an, wenn es in Israel Raketen-Alarm gibt. Im November schoss der Islamische Dschihad aus Gaza mehr als 400 Raketen auf Israel. Das Handy stand nicht still, wie dieser Screenshot zeigt.

Eine App zeigt an, wenn es in Israel Raketen-Alarm gibt. Im November schoss der Islamische Dschihad aus Gaza mehr als 400 Raketen auf Israel. Das Handy stand nicht still, wie dieser Screenshot zeigt.
Bildquelle: privat

Ich komme aus dem Land der Täter. Mein Verantwortungsgefühl dafür, dass ein derartiges Menschheitsverbrechen niemals wieder geschieht, hat mich nach Israel geführt. Ich wollte die Komplexität des Landes kennenlernen, dessen Gründung auch eine Folge der Verbrechen meiner Vorfahren ist – und zu dessen Konflikten viele Deutsche heute so starke Meinungen haben.

Der Holocaust ist der Tiefpunkt der jahrtausendelangen Geschichte der Verfolgung der Juden. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte hatte sich der zionistische Gedanke gebildet: ein Staat als Schutzort für Juden. Durch den Holocaust wurde der Gedanke immer dringlicher – und 1948 mit der Staatsgründung Israels umgesetzt.

Wenn ich durch Yad Vashem laufe, kann ich erahnen, wie wichtig dieses Narrativ für Juden bis heute ist. Der letzte Teil der Holocaust-Ausstellung beschäftigt sich mit der israelischen Staatsgründung. Die Botschaft: Israel als Schutzort für Juden ist existenziell. In der Ausstellung begegne ich Scharen von jungen israelischen Soldatinnen und Soldaten, Polizisten und Schülern, für die der Besuch Pflicht ist. Alle Israelis, mit denen ich spreche, haben dieses Narrativ verinnerlicht. Und auch die vielen Deutschen, die ich in Yad Vashem, in Jerusalems Altstadt und an der Uni treffe, teilen es.

Eine Tafel in Yad Vashem erinnert an die vielen Intellektuellen und Wissenschaftler, die vor den Nazis fliehen mussten, unter ihnen Albert Einstein, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno.

Eine Tafel in Yad Vashem erinnert an die vielen Intellektuellen und Wissenschaftler, die vor den Nazis fliehen mussten, unter ihnen Albert Einstein, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno.
Bildquelle: privat

Es gibt aber auch die andere Perspektive mit ihrem eigenen Narrativ. Im Arafat-Museum in Ramallah hat der Holocaust keinen Platz. Juden sind hier keine Opfer, sondern Täter. Die Staatsgründung Israels ist für die Palästinenser die Nakba: die Katastrophe, die tagtäglich fortgeführt wird durch Besatzung und Unterdrückung. Auch hier gibt es viele deutsche Besucherinnen und Besucher, die dieses Narrativ teilen.

Vor dem Arafat-Museum in Ramallah liegt das Grab von Jassir Arafat, einer Ikone des palästinensischen Freiheitskampfes.

Vor dem Arafat-Museum in Ramallah liegt das Grab von Jassir Arafat, einer Ikone des palästinensischen Freiheitskampfes.
Bildquelle: privat

Beide Narrative sind häufig mit extremen Meinungen verbunden, zwischen denen ich während meines Aufenthalts – gerade als Deutscher – hin und her geworfen wurde. Doch die Seminare an der Uni, in denen die Narrative diskutiert wurden, haben mich mit entwaffnender Offenheit gelehrt, dass es ein Israel jenseits der Extreme gibt, jenseits von Idealisierung und Dämonisierung: eines der nüchternen Differenziertheit. In diesem Israel stehen weder der Holocaust und die Existenz Israels als Schutzort für Juden zur Debatte noch der Fakt der Besatzung im Westjordanland.

Weitere Informationen

Das war die letzte „Post aus…Jerusalem“ von Julian Jestadt. Er war einer von elf Autorinnen und Autoren, die von ihren Auslandsstudienaufenthalten für campus.leben berichten bzw. berichtet haben. Alle Beiträge finden Sie hier.

Die früheren Beiträge von Julian Jestadt finden Sie hier auf Deutsch und auf Englisch.