„Gesellschaftliche Probleme verlaufen nicht entlang der Disziplinengrenzen“

In einer neuen Lehrveranstaltung vom Wintersemester an erfahren Bachelor-Studierende, wie in den unterschiedlichen Forschungsgebieten Erkenntnisse gewonnen werden

11.09.2018

Wie entsteht Wissen? Das im Rahmen der Exzellenzinitiative etablierte Programm der forschungsorientierten Lehre richtet sich vom kommenden Wintersemester an auch an Bachelorstudierende.

Wie entsteht Wissen? Das im Rahmen der Exzellenzinitiative etablierte Programm der forschungsorientierten Lehre richtet sich vom kommenden Wintersemester an auch an Bachelorstudierende.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Wann ist eine Studie aussagekräftig? Wie übersetzt eine Naturwissenschaftlerin eine Fragestellung in ein Experiment? Wie arbeitet ein Historiker? In Expertenberufen außerhalb der Universität spielen wissenschaftliche Ergebnisse eine immer wichtigere Rolle – etwa in der Politik, in Gesundheitsberufen oder in der Bildung. Doch wie können Expertinnen und Experten die Qualität von wissenschaftlichen Ergebnissen einschätzen, die sie fachfremd beurteilen müssen? Wie „fake science“ von seriöser Wissenschaft unterscheiden?

Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik/Schulentwicklungsforschung und Beauftragte des Präsidiums für Forschungsorientierte Lehre (FoL) an der Freien Universität Berlin, und Rainer Watermann, Professor für empirische Bildungsforschung, haben ein neues zweisemestriges Angebot in der Allgemeinen Berufsvorbereitung (ABV) der Bachelorstudiengänge entwickelt: Bachelorstudierende können sich in einer Vorlesung mit kombinierten Online-Kurs sowie einem anschließenden Seminar mit Erkenntniswegen unterschiedlicher Disziplinen beschäftigen. Ein Gespräch mit Felicitas Thiel über das neue Angebot.

Frau Professorin Thiel, wie entstand die Idee, Studierende in einer Lehrveranstaltung umfassend in Wissenschaftsgeschichte und -theorie sowie die Erkenntniswege verschiedener Wissenschaften einzuführen?

Viele Studierende absolvieren ihr Studium sehr geradlinig und haben kaum Gelegenheit, die „Geschäftsgrundlagen“ anderer Disziplinen kennenzulernen oder sich mit übergreifenden Theorien und Methoden vertraut zu machen. Sie kommen mit einem handfesten Ausbildungsinteresse an die Freie Universität und realisieren manchmal gar nicht, dass sie an einer der forschungsstärksten deutschen Hochschulen studieren. Deshalb freuen wir uns auch, dass wir so viele Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher sowohl für die Vorlesung im Wintersemester als auch für die begleitenden Online-Selbstlernmaterialien gewinnen konnten. Deren Kern sind Videointerviews, die wir mit Kolleginnen und Kollegen der Freien Universität geführt haben, die bereit waren, ihre Arbeit unter einem besonderen Gesichtspunkt vorzustellen.

Unser Ansatz ist es, Studierenden einen Einblick in die Vielfalt wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion an einer Universität zu geben und dies durchaus unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung dieser Wissensproduktion für die gesamte Gesellschaft und damit auch für ihren späteren Beruf, sei es in oder außerhalb der Wissenschaft.

Welche Rolle spielen wissenschaftliche Erkenntnisse in anderen Bereichen der Gesellschaft?

Denken Sie etwa an jemanden, der in der Bildungsadministration arbeitet und darüber entscheiden muss, welche Maßnahmen zur Reduzierung von Bildungsungleichheit eingeleitet werden sollen. Hier können Befunde aus der Psychologie oder Medizin zu den Lernvoraussetzungen bestimmter Risikogruppen ebenso hilfreich sein wie Erkenntnisse aus der Bildungsökonomie, die die Wirksamkeit von Investitionen in frühkindliche Bildung nachweisen. Und diese unterschiedlichen Befunde muss der- oder diejenige lesen können und ihre Belastbarkeit und Aussagekraft beurteilen.

Wie werden diese Kompetenzen in der neuen Lehrveranstaltung vermittelt?

Die Veranstaltung umfasst eine Vorlesung in diesem Wintersemester und ein Seminar im Sommersemester 2019. Die Vorlesung wiederum besteht aus vier Bausteinen, die sich an vier übergeordneten Fragen zum Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft orientieren. Wir befassen uns mit Wissenschaftsgeschichte, Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, Methoden der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung und Wissenstransfer. Diese Bausteine können die Studierenden dann online vertiefen, indem sie die Videointerviews mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die diesen Bereichen zugeordnet sind, ansehen. Außerdem finden sie im Online-Kurs Lehranimationen für grundlegende Konzepte wie Kausalität und Korrelation oder Generalisierbarkeit sowie Texte. Am Ende jedes Bausteins steht ein Online-Selbst-Assessment, bei dem die Studierenden überprüfen können, ob sie die Kompetenzziele erreicht haben.

Das Seminar im Sommersemester baut darauf auf. Hier lernen die Studierenden interdisziplinär aktuelle gesellschaftliche Probleme zu bewerten und stützen sich dabei auf Forschungsliteratur. Da die wissenschaftlichen Originalpublikationen etwa in der Ökonomie oder Medizin oftmals schwer zu verstehen sind, arbeiten die Studierenden mit sogenannter „Adapted Primary Literature“, nach bestimmten Prinzipien bearbeitete, gewissermaßen komplexitätsreduzierte Forschungsliteratur.

Mit der Verbindung von Präsenzlehre und einem Online-Angebot ist das neue Modul eine „blended learning“-Veranstaltung.

Ja, genau, ich bin überzeugt von der Idee und finde das ein ganz tolles Format. Vor dem theoretischen Hintergrund der Vorlesung können die Studierenden die Videointerviews anschauen und so einzelne Aspekte durch die forschungspraktischen Erfahrungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch einmal vertiefen. Und das Schöne an einem Video ist ja auch, dass man es anhalten oder zweimal schauen kann und so im eigenen Tempo lernen.

Warum lohnt es sich für die Studierenden, die ganze Breite der Disziplinen kennenzulernen – Geisteswissenschaftler etwa experimentelles Arbeiten oder Naturwissenschaftlerinnen Diskursanalyse oder hermeneutische Verfahren?

Gesellschaftliche Probleme verlaufen ja nicht entlang der Disziplinengrenzen – da ist es gut, wenn man unterschiedliche Perspektiven einnehmen kann. Diese verschiedenen Perspektiven aus erster Hand kennenzulernen – vorgestellt von herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in ihrem Gebiet an der eigenen Hochschule – ist eine Bildungserfahrung, eine elementare Lernerfahrung, die viele Studierende im Fachstudium vermissen.

Die Fragen stellte Nina Diezemann

Weitere Informationen

Forschungsorientierte Lehre an der Freien Universität Berlin

Forschungsorientierte Lehre (FoL) ist ein zentrales Profilelement der Freien Universität Berlin, das im Rahmen ihres Zukunftskonzepts, mit dem die Freie Universität bei der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder 2007 und 2012 erfolgreich war, etabliert wurde. Ziel des FoL-Programms ist es, Initiativen zur Verknüpfung von Forschung und Lehre zu systematisieren und die nachhaltige Integration der Spitzenforschung großer Verbundprojekte in die Lehre zu fördern.

Lag bisher der Schwerpunkt der Maßnahmen zur Förderung Forschungsorientierter Lehre auf den Masterstudiengängen und ermöglichte so etwa forschungsinteressierten Studierenden, in Projekten der Spitzenforschung mitzuarbeiten, wird das Angebot nun für Bachelorstudierende systematisch ausgeweitet. Die Vorlesung im Modul „Wissenschaft und Gesellschaft“ findet jeweils freitags 12 bis 14 Uhr im Hörsaal A im Henry-Ford-Bau statt und ist öffentlich.

Zum Wintersemester wird zudem der neue Kompetenzbereich Forschungsorientierung im Rahmen des ABV-Angebots eingerichtet. In diesem Bereich wird auch vom Sommersemester 2019 an das mit dem Lehrpreis 2017 der Freien Universität Berlin prämiierte Lehrangebot „Understanding University“ erneut angeboten.