„Hier finde ich meine Identität“

Die syrische Archäologie-Studentin Salama Kassem führt im Projekt „Multaka: Treffpunkt Museum“ Geflüchtete durch das Museum für Islamische Kunst / Informationsveranstaltung zum Programm Welcome@FUBerlin am 20. April

20.04.2017

Salama Kassem ist 2015 aus Damaskus nach Berlin gekommen. Das Museum für Islamische Kunst ist für die Syrerin ein Zufluchtsort.

Salama Kassem ist 2015 aus Damaskus nach Berlin gekommen. Das Museum für Islamische Kunst ist für die Syrerin ein Zufluchtsort.
Bildquelle: Annika Middeldorf

Behutsam deutet Salama Kassem auf die Inschriften aus dem Alten Testament. Vor etwa vier Jahrhunderten wurden sie auf den rötlichen Bogenzwickeln der Gebetsnische eingearbeitet. Heute ist die ursprünglich von ihrem syrischen Besitzer zu dekorativen Zwecken eingerichtete Nische im Südflügel des Berliner Pergamonmuseums zu sehen. „Das Ungewöhnliche ist, dass diese Gebetsnische in einem jüdischen Haus in Damaskus stand“, erklärt Salama Kassem. Ihre Zuhörer – sechs Kinder und acht Erwachsene – stehen dicht beieinander, sie möchten nichts von Salama Kassems Ausführungen verpassen. Denn die Archäologie-Studentin spricht in ihrer Muttersprache, auf Kurdisch, über die in die Wand eingelassene „Samaritanische Nische“. Es ist eines der Lieblingsstücke der 29-jährigen Syrerin im Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin. „Die Nische zeigt, dass Muslime, Juden und Christen friedlich miteinander gelebt haben", erzählt sie. „Mir bedeutet das sehr viel.“

Das Museum als Treffpunkt

Salama Kassem führt im Rahmen des Projekts „Multaka: Treffpunkt Museum“ Geflüchtete durch das Museum für Islamische Kunst. Heute nehmen an der Führung vor allem Flüchtlinge aus Syrien teil, die der kurdischen Minderheit im Land angehören. Aber auch Geflüchtete aus dem Iran sind dabei. Salama Kassem selbst hat im Sommer 2015 die vom Krieg geschundene syrische Hauptstadt verlassen, um an der Freien Universität Archäologie zu studieren. Die Sammlung auf der Berliner Museumsinsel sei für sie im Wortsinn zu einem Zufluchtsort geworden: „Ich danke dem Museum, dass es unsere Kultur schützt. In Syrien ist durch den Krieg so vieles zerstört worden. Hier finde ich einen Teil meiner Identität wieder.“

Schon vor ihrer Ausbildung zum Multaka-Guide kannte die Studentin das Museum für Islamische Kunst von etlichen Besuchen: „Seitdem ich in Berlin lebe, bin ich fast jeden Samstag hergekommen. Meine Freunde haben mich schon für verrückt erklärt“, sagt sie, die schon als Kind Archäologin werden wollte und dieses Ziel ehrgeizig verfolgte.

Abschied von Syrien, Neuanfang in Deutschland

2012 hatte Salama Kassem an der Universität in Damaskus ihr Archäologiestudium abgeschlossen. Damals brach der syrische Bürgerkrieg aus. Kassam blieb zunächst in Damaskus und unterrichtete an der dortigen Hochschule. Eine schwere Zeit, wie sie sich erinnert. Während einer Prüfung habe es einen Luftangriff auf die Stadt gegeben. Jeden Morgen habe sie sich damals von ihrer Familie verabschiedet, als wäre es das letzte Mal: „Man wusste nie, was am Tag passieren würde. Es war schrecklich.“ Aber das Leben habe ja weitergehen müssen, sagt Salama Kassam.

Ihr Forschungsschwerpunkt ist die islamische Keramik. Zerbrechlich, aber über Jahrhunderte weitergereicht und dabei bereichert von Einflüssen des Alten Orients, den ostasiatischen und europäischen Kulturen – die Vielfalt an Formen und Farben der Tonkunst fasziniert die junge Frau von jeher. „Wie die Menschen heute ist die islamische Keramik durch die Welt gereist. Ich finde das beeindruckend.“

Ihren Weg nach Berlin fand sie im Sommer 2015 über ein Stipendium des „Leadership for Syria“-Programms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Etwa 200 dieser Hochschulstipendien hat der DAAD mit Unterstützung des Auswärtigen Amts an junge Syrerinnen und Syrer vergeben. Das Programm will Studierende auf eine führende Rolle beim Wiederaufbau Syriens nach dem Krieg vorbereiten.

Im Pergamonmuseum finden sich jeden Samstag Geflüchtete ein, um an einer der „Multaka“-Führungen teilzunehmen. Guide Salama Kassem bietet ihre Tour durch das Museum für Islamische Kunst in vier Sprachen an: Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch.

Im Pergamonmuseum finden sich jeden Samstag Geflüchtete ein, um an einer der „Multaka“-Führungen teilzunehmen. Guide Salama Kassem bietet ihre Tour durch das Museum für Islamische Kunst in vier Sprachen an: Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch.
Bildquelle: Annika Middeldorf

Verantwortung für ihr Heimatland übernehmen, das möchte Salama Kassem schon heute. Als Guide im Multaka-Programm versteht sie sich als Vermittlerin und Bewahrerin des kulturellen Erbes ihres Landes. Denn der Ansatz des Multaka-Programms geht über klassische Museumsführungen hinaus und stellt den Dialog in den Mittelpunkt. Die Guides wählen für ihre Führungen Objekte aus, die für sie persönlich wichtig sind, und diskutieren darüber mit den anderen Geflüchteten. Auch im Vorderasiatischen Museum, der Skulpturensammlung, dem Museum für Byzantinische Kunst und dem Deutschen Historischen Museum werden diese einstündigen Programm-Führungen angeboten. In ganz Berlin sind es derzeit 25 Multaka-Guides, die immer samstags und mittwochs durch die Museen führen.

Weil Salama Kassem mit zwei Muttersprachen aufgewachsen ist, bietet sie ihre Touren in insgesamt vier Sprachen an: Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch. An der Freien Universität lernt sie im Rahmen des Welcome@FUBerlin-Programms für studieninteressierte Flüchtlinge an fünf Tagen in der Woche Deutsch. Nach dem Masterstudium plant Salama Kassem eine Promotion an der Universität Bonn, dann möchte sie ihren Fokus auf islamische Keramik verstärken. In diesem Sommer aber wird Salama Kassems Weg sie zunächst zurück in den Nahen Osten führen: Auf einer Grabung in Jordanien will sie nach weiteren Artefakten ihrer Kultur suchen. Und wer weiß: Eines Tages wird wohlmöglich ein von ihr entdecktes und bewahrtes Stück im Museum zu bestaunen sein.

Weitere Informationen

In einer Informationsveranstaltung am 20. April 2017 um 16 Uhr stellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Welcome@FUBerlin Programms das akademische Programm für Flüchtlinge vor. Sie informieren dabei in englischer Sprache unter anderem über Beratungsangebote, über Voraussetzungen für eine Zulassung und über Deutschkurse. 

Zeit und Ort 

  • Donnerstag, 20. April 2017, um 16.00 Uhr
  • Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin, Garystraße 35, Hörsaal A, 14195 Berlin. U-Bahnhof Freie Universität / Thielplatz (U3)

Anmeldung zu den Sprach- und Studienvorbereitungskursen