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Wie ein Puzzle zur Menschheitsgeschichte

Mit Henny Piezonka und Tanja Schreiber erforschen zwei Prähistorikerinnen der Freien Universität an der UNESCO-Welterbestätte Göbekli Tepe Spuren der Menschheitsentwicklung

28.11.2025

Göbekli Tepe bietet eine einzigartige Fülle von Überresten rund 12.000 Jahre alter Gebäude.

Göbekli Tepe bietet eine einzigartige Fülle von Überresten rund 12.000 Jahre alter Gebäude.
Bildquelle: Piezonka

Die steinzeitliche Stätte liegt im Südosten der Türkei. Das Gelände mit beeindruckenden Monumentalbauten wird bereits seit den 1990er Jahren von verschiedenen Forschungsteams bearbeitet. Projektpartner der Freien Universität im Rahmen einer internationalen Kooperation sind die Universität Istanbul, das Deutsche Archäologische Institut und das Österreichische Archäologische Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Henny Piezonka ist Professorin für Prähistorische Archäologie und hat sich durch ihre Grabungen in der westsibirischen Siedlung Amnya 2023 international einen Namen gemacht. Ihre Expertise speziell zum Thema Sesshaftwerdung und Monumentalität am Übergang zur Jungsteinzeit bringt sie nun in das Kooperationsprojekt ein – und setzt dabei innovative Analysemethoden ein.

Frau Piezonka, welche besondere Bedeutung hat die Forschungsstätte Göbekli Tepe?

Unter archäologischen Gesichtspunkten ist es einer der bedeutendsten und spannendsten Orte der Welt. Denn er „erzählt“ uns ganz neue Dinge über die Rolle von Jägern und Sammlern für die Menschheitsentwicklung. Es gibt wirklich viel zu untersuchen: Mit seinen bis zu sieben Meter hohen Pfeilern und ovalen Monumentalbauten bietet Göbekli Tepe eine einzigartige Fülle von Überresten rund 12.000 Jahre alter Gebäude.

Abgesehen davon ist es natürlich auch eine wunderbare Gelegenheit, mit einem internationalen Team unter Leitung des türkischen Partners Necmi Karul und des Grabungsdirektors Lee Clare zusammenzuarbeiten und unser Netzwerk für künftige gemeinsame Projekte weiter auszubauen.

Die verzierten Reliefpfeiler können mit dem Laserscanner präzise dokumentiert werden.

Die verzierten Reliefpfeiler können mit dem Laserscanner präzise dokumentiert werden.
Bildquelle: Piezonka

Welche Fragen beschäftigen Sie?

Zum Beispiel in welchem Maße sich die Menschen in der Region an der Schwelle zur Sesshaftwerdung befunden haben. Es gilt als gesichert, dass sie weder Ackerbau noch Viehzucht betrieben haben. Das können wir am Spektrum der Tierknochen und Pflanzenreste erkennen. Es handelte sich also um Jäger und Sammler, die ortsfester wurden und nicht – wie man landläufig denken könnte – stets ihren Nahrungsquellen gefolgt sind.

Was erzählen Ihnen die Bauten über diese Menschen?

Neben monumentalen Gebäuden, die vermutlich als Versammlungsorte dienten, gibt es auch Überreste kleinerer Bauten, die offenbar Wohngebäude waren: Es finden sich dort Herdstellen, Reibsteine und Wasserbehälter, die auf längeres Verweilen hindeuten. Wir schauen uns die Substanz verschiedener Gebäude und auch von Skulpturen an und suchen nach konkreten Spuren menschlicher Nutzung: Haben sich regelmäßig viele Menschen dort aufgehalten? Deuten Rußpartikel auf Kochstellen hin? Welche Bedeutung haben rot gefärbte Bildwerke wie etwa eine große Wildschwein-Skulptur, die dort schon gefunden wurde? So ergibt sich wie in einem Puzzle die große Chance, mehr und mehr über gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse dieser Epoche zu erfahren.

Wie gehen Sie vor – graben Sie und Ihre Kollegen ganz klassisch nach Steinen, Mauern und Artefakten?

So wurde früher, zu Beginn der Ausgrabungsarbeiten, überwiegend gearbeitet. Heute dagegen kommen auch innovative, nichtdestruktive Analysemethoden zum Einsatz, die neue Möglichkeiten bieten.

Was bedeutet das?

Bei Ausgrabungen wird normalerweise Erdreich abgetragen. Dadurch wird der Befund, also die direkte Umgebung eines ausgegrabenen Objekts, zerstört. Mittlerweile gibt es aber hervorragende bildgebende Verfahren, die das vermeiden – statt auszugraben und zu zerstören, wird der Boden durchleuchtet: mit Georadar etwa. Damit haben die österreichischen Kolleginnen und Kollegen in diesem Sommer bereits Großbauten nachweisen können. Oder mit photometrischen Verfahren, bei denen Farben sichtbar gemacht werden können, die mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind.

Ein ebenfalls sehr nützliches Arbeitsgerät, das wir an der Freien Universität in unserem neuen „Field & Finds“-Labor-anwenden, ist der 3D-Scanner: Mit ihm lassen sich vor Ort Landschaftsformen und großflächige Mauerreste scannen und auch ganz kleine Objekte. Anschließend können wir anhand der gesammelten Daten alles am Computer wiedererstehen lassen.

Henny Piezonka ist Professorin für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin

Henny Piezonka ist Professorin für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin
Bildquelle: privat

Was verraten die Scans Ihnen?

Der Scanner ermöglicht mikroskopische Aufnahmen, mit denen sich zum Beispiel Abnutzungsspuren durch Berührungen an einzelnen Architekturelementen oder an Skulpturen erkennen lassen. Wurden sie zum Beispiel oft von Menschen mit den Händen oder den Lippen berührt, kann das auf eine Funktion als Kultgegenstand hindeuten. Daraus wiederum lassen sich Bewegungsmuster im Raum – etwa rituelle Handlungen – rekonstruieren.

Bei Ihrem archäologischen Projekt in Sibirien konnten Sie nachweisen, dass es nicht nur männliche Jäger gab, sondern auch viele Jägerinnen. Könnte das auch in der Region um Göbekli Tepe so gewesen sein?

Das wäre natürlich spannend und ist sicher eine Möglichkeit. Was wir bislang an Menschen- und Tierdarstellungen gefunden haben, deutet allerdings eher auf eine männlich dominierte Gesellschaft hin.

Die Fragen stellte Mareike Knoke.