Wenn die Dosis entscheidet
Der Kulturanthropologe Marcos Freire de Andrade Neves forscht zu einer Substanz, die Leben retten kann – und zugleich ein Gift ist, das Leben beendet
28.11.2025
Das ehemalige Labor in der Berg-Apotheke in Clausthal-Zellerfeld. Die historische Apotheke stammt aus dem Jahr 1674.
Bildquelle: picture alliance Jochen Eckel
Medikamente werden entwickelt, um Krankheiten zu heilen oder Schmerzen zu lindern. Nicht selten beobachten Ärzte später, während des breiten Einsatzes, neue oder unbeabsichtigte Wirkungen, die entweder die Anwendung einschränken oder aber erweitern. Nicht selten erschließen sich dadurch weitere Indikationsfelder, beispielsweise bei Aspirin, einem Schmerzmittel, das auch fiebersenkend und blutverdünnend wirkt.
So war das auch bei Pentobarbital und seinem Natriumsalz Natrium-Pentobarbital. Barbiturate haben eine dämpfende Wirkung auf das Zentralnervensystem und wirken, je nach Dosierung, beruhigend, schlaffördernd, krampflösend oder betäubend. Anfangs oral als Hypnotikum verwendet, wurde Pentobarbital von Beginn der 1930er-Jahre an vorwiegend als Schlafmittel eingesetzt.
Da es schon bei geringer Überdosierung die Atmung dämpfen kann, Suchtpotenzial aufweist und zu Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln führt, wird die Substanz heute kaum noch in der Humanmedizin eingesetzt. In der Tiermedizin wird sie als Narkosemittel und zum Einschläfern von sehr kranken Tieren verwendet.
Marcos Freire de Andrade Neves ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie
Bildquelle: Eduardo Assunção
Marcos Freire de Andrade Neves untersucht im Projekt MORTALMED, das vom Europäischen Forschungsrat mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert wird, interdisziplinär die dunklen Seiten des Barbiturats. Konkret: dessen Einsatz bei der Sterbehilfe in der Schweiz, als Tötungsmittel bei Hinrichtungen in den USA und die freie Verfügbarkeit und Kommerzialisierung in Mexiko.
Schon seit vielen Jahren arbeitet der promovierte Sozial- und Kulturanthropologe ethnografisch zur Sterbehilfe in Europa, speziell in der Schweiz, Deutschland und Großbritannien. „Ich habe untersucht, wie Menschen versuchen, Kontrolle über das Ende ihres Lebens zu erlangen – rechtlich, medizinisch und emotional. Und wie ihre Entscheidungen durch Institutionen, Arzneimittel und transnationale Vorschriften beeinflusst werden.“ Irgendwann sei ihm klar geworden, dass eine Substanz immer wieder im Fokus der Geschichten stand – Natrium-Pentobarbital. „Die unterschiedlichen Verwendungszwecke werfen Fragen auf“, sagt der Forscher, „nach der Würde im Sterben, Vorstellungen vom guten Tod bis hin zu staatlicher Bestrafung und Gewalt.“
Grenze zwischen Leben und Tod
Ein Heilmittel, das Leben retten kann, und zugleich ein Gift, das Leben beendet: Der Forscher will dessen Verbreitung in verschiedenen Ländern und Kontexten verfolgen. „So können wir nachvollziehen, wie Staaten, Märkte und weitere Institutionen die Grenze zwischen Leben und Tod aushandeln.“ In Zeiten, in denen der Umgang mit dem Tod zunehmend medizinisch versachlicht und ungleich geworden sei, hätten einige das Privileg eines sogenannten würdevollen Todes. Andere würden im Rahmen der Strafvollstreckung einem pharmazeutisch vermittelten Tod „unterzogen“, sagt de Andrade Neves.
Sterbehilfe und Todesstrafe
Das interdisziplinäre Projekt, das über fünf Jahre laufen wird und die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Dimensionen des Einsatzes von Natrium-Pentobarbital untersuchen soll, ist in mehrere Teile gegliedert. Der Forscher befasst sich mit der Schweiz, wo Sterbehilfe legal pharmazeutisch vermittelt wird, und mit den USA, insbesondere Texas, wo dasselbe Medikament als tödliche Injektion zur Hinrichtung verwendet wird. In Mexiko wird Pentobarbital für veterinärmedizinische Zwecke vermarktet. Außerdem will Marcos Freire de Andrade Neves die Verbreitung des Wirkstoffes kartieren und dabei beleuchten, wie es sich an unterschiedlichen Orten vom gängigen Beruhigungsmittel zum heute vorwiegend tödlichen Medikament gewandelt hat.
Marcos Freire de Andrade Neves bezeichnet die sozialen Beziehungen, die sich um den Tod bilden, als Nekrosozialitäten. Sie reichten von den Erfahrungen des Sterbens zu den umfassenden Infrastrukturen, Ökonomien und strikten moralischen Vorstellungen, die sie stützen. „Besonders interessiert mich die ethische Spannung, die dem Thema zugrunde liegt“, erklärt er. „Ein einziges Medikament kann sowohl Fürsorge als auch Gewalt, Mitgefühl, Bestrafung, Autonomie und Kontrolle verkörpern.“ Ihn fasziniere, wie diese Widersprüche einen dazu zwängen, sich mit den moralischen Strukturen einer Gesellschaft auseinanderzusetzen: „Wie wir das Leben wertschätzen. Wie wir den Tod rechtfertigen. Und wer darüber letztlich entscheidet“, sagt Marcos Freire de Andrade Neves.
Chemie und Werte
MORTALMED könnte die Blaupause für ähnliche Projekte werden und das „soziale Leben“ weiterer Medikamente beleuchten. Von Misoprostol zum Beispiel. Ursprünglich zur Behandlung von Magengeschwüren entwickelt, wird es heute sowohl legal als auch illegal zur Einleitung von Schwangerschaftsabbrüchen eingesetzt. Ähnlich wie Natrium-Pentobarbital stehe auch Misoprostol in einem komplexen Geflecht aus Fürsorge und Kontrolle, meint Marcos Freire de Andrade Neves. „Beide Medikamente zeigen, dass chemische Verbindungen niemals neutral sind, sondern Träger von Werten und politischen Entscheidungen.“


