„Ein Code of Conduct schafft ein Mindset“
Interviewreihe zum Code of Conduct – Teil 2: Luise Grace Klass und Alette Winter
21.01.2026
Der Code of Conduct formuliert, basierend auf bereits bestehenden Richtlinien und Satzungen, gemeinsame Werte und verbindliche Standards für ein respektvolles, wertschätzendes Miteinander für alle Mitglieder und Gäste der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: Freie Universität Berlin
Was steht im Code of Conduct? Und wofür braucht die Freie Universität ein solches Regelwerk? In einer dreiteiligen Interviewreihe bitten wir Mitglieder der Universität, sich aus ihrer jeweiligen Position zu Aspekten des Codes zu äußern. Ein Gespräch mit Luise Grace Klass und Alette Winter über wissenschaftliche Selbstverpflichtung, Rollenüberschneidung und Befangenheit.
Luise Grace Klass ist Tierärztin am Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin am Fachbereich Veterinärmedizin. Sie promoviert dort und ist Mitglied des Fachbereichsrats.Dr. Alette Winter leitet das Graduiertenzentrum am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie und ist Diversity-Ansprechperson des Fachbereichs. Die promovierte Chemikerin ist außerdem in verschiedenen FU-Gremien vertreten: im erweiterten akademischen Senat etwa.
Frau Klass, Frau Winter: Inwiefern ist der neue Code of Conduct in der Praxis wirksam?
Luise Grace Klass: Ehrlich gesagt: Das wird sich erst zeigen. Der Code ist sehr neu. Ich habe ihn selbst neulich zum ersten Mal als Flyer in der Küche gesehen. Aber grundsätzlich ist es wichtig, dass eine Universität so etwas überhaupt hat. Man geht oft davon aus, dass respektvolles Miteinander selbstverständlich ist. Wenn es aber schwarz auf weiß steht und man sich darauf berufen kann, hat das eine andere Wirkung.
Alette Winter: Genau. Der Code ist eine Art kondensierte Fassung von ganz vielen bestehenden Regelwerken der Freien Universität: Antidiskriminierung, Chancengleichheit, gute wissenschaftliche Praxis, gendergerechte Sprache. Diese Satzungen haben den Stellenwert von Gesetzen innerhalb der Universität. Der Code selbst hat diesen Rang nicht, aber er verweist darauf. Deshalb ist er bewusst kurzgehalten. Das erhöht die Chance, dass er überhaupt gelesen wird.
Dr. Alette Winter leitet das Graduiertenzentrum am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie und ist Diversity-Ansprechperson des Fachbereichs.
Bildquelle: Marion Kuka
Aber löst der Code damit schon die eigentlichen Probleme?
Winter: Nein. Ein Code of Conduct schafft ein Mindset, aber er ersetzt nicht die rechtlichen Verfahren. Sobald es konkret wird, muss man immer in die jeweilige Satzung schauen: Was passiert bei wissenschaftlichem Fehlverhalten? Was bei Diskriminierung? Was bei nicht offengelegter Befangenheit? Das steht nicht im Code, sondern in den speziellen Regelwerken.
Sie haben wissenschaftliches Fehlverhalten erwähnt. Was bedeutet das konkret?
Winter: Das Bekannte zuerst: Plagiate, Datenmanipulation, Datendiebstahl. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft nennt außerdem zum Beispiel Machtmissbrauch in Forschungsteams. Wichtig ist aber der Grundgedanke: Die Wissenschaft hat sich ihre Regeln selbst gegeben. Wer dagegen verstößt, verletzt diese Selbstverpflichtung.
Klass: Und es wird im Code von akademischer Integrität gesprochen, nicht nur von Forschung. An einer Universität arbeiten ja nicht nur Forschende, sondern auch Menschen in der Verwaltung, Lehre, im Service. Für alle soll derselbe Standard gelten: Wir legen unsere Rolle und etwaigen Befangenheiten offen, wir diskriminieren nicht, wir halten uns an Verfahren.
Wann lernen Studierende denn überhaupt diese Regeln?
Klass: Im Studium oft nur am Rand. Je nach Fach gibt es mehr oder weniger forschungsbezogene Kurse, in denen das eine Rolle spielt, aber die sind nicht überall verpflichtend.
Winter: Bei Promovierenden ist es anders. Dort haben viele Fachbereiche der Freien Universität inzwischen verpflichtende Kurse zur guten wissenschaftlichen Praxis eingeführt, teilweise sogar gleich im ersten Promotionsjahr. Da merken wir immer: Die Doktorand*innen sagen „Jetzt kenne ich meine Rechte.“ Und sie sagen auch: „Eigentlich müssten unsere Betreuenden auch hier sitzen.“ Das ist tatsächlich die schwierigere Baustelle.
Warum wird das bei Professor*innen nicht einfach verpflichtend gemacht?
Winter: Zeit ist ein Faktor. Und es gibt das Argument der Freiheit von Forschung und Lehre und dass Professor*innen nicht zu solchen Kursen verpflichtet werden können. Es bleibt also bei der Selbstverantwortung der Professor*innen, sich dazu weiterzubilden.
Luise Grace Klass promoviert am Fachbereich Veterinärmedizin und ist Mitglied des dortigen Fachbereichsrats.
Bildquelle: privat
Klass: Problematisch wird es, wenn sich Funktionen bündeln: Betreuerin, Gutachterin, Vorgesetzte, vielleicht sogar Ansprechperson für gute wissenschaftliche Praxis in einer Person. Dann sind Interessenkonflikte vorprogrammiert, und es gibt keine niedrigschwellige Ansprechperson. Zentrale Stellen einzuschalten, wird als „großer Schritt“ und teilweise als „Eskalation“ wahrgenommen.
Ein Punkt im Code ist die Befangenheit in Gremien. Wie sieht die in der Praxis aus?
Klass: Am Klarsten ist es in Berufungskommissionen. Im Leitfaden stehen konkrete Beispiele: Bin ich verwandt, verschwägert, eng befreundet, habe ich in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam mit der Person publiziert oder Drittmittel eingeworben? Dann muss ich das offenlegen. Oft reicht eine schriftliche Erklärung, und die Kommission entscheidet.
Winter: Schwieriger wird es in kleinen Fächern. Da kennen sich fast alle. Wenn ich mal Co-Autorin Nummer 7 auf einem Paper war, bin ich dann befangen oder einfach fachlich nah dran? Man will ja auch kompetente Leute in der Kommission haben. Deshalb ist Transparenz so wichtig. Genau das fordert der Code.
Hilft der Code of Conduct in solchen Konflikten?
Klass: Nur begrenzt. Er sagt nicht, was konkret passiert, wenn jemand gegen eine Regel verstößt. Dafür gibt es Ombudspersonen an der Freien Universität, dezentral und zentral, notfalls auch eine unabhängige Stelle außerhalb der Uni. Aber das sind große, formale Wege. Viele trauen sich da nicht sofort hin.
Also ist der Code of Conduct bloß nice to have?
Klass: Naja, das wird sich zeigen. Jetzt muss er genutzt werden.
Winter: Wenn sich Beschäftigte oder Studierende darauf berufen, und die Uni reagiert, dann zeigt sich der Wert. Wenn er nur als schöner Flyer in der Teeküche hängt, bleibt er ein Aushängeschild.
Die Fragen stellte Christopher Ferner
Weitere Informationen
Das erste Interview der Reihe ist am 12. Dezember 2025 in campus.leben erschienen:



