Tradition der Freiheit

Ernst-Reuter-Preis-Verleihung und Festrede des Historikers Dan Diner zum 71. Gründungstag der Freien Universität

19.12.2019

Universitätspräsident Günter M. Ziegler und ERG-Vorsitzender Peter Lange gratulierten Annika Schücker, Henrik Wilming, Tobias Jochum, Sophia Walter und Jakob Trimpert zum Ernst-Reuter-Preis 2019. Die Laudatio hielt Hermann Kreutzmann (v.l.n.r.).

Universitätspräsident Günter M. Ziegler und ERG-Vorsitzender Peter Lange gratulierten Annika Schücker, Henrik Wilming, Tobias Jochum, Sophia Walter und Jakob Trimpert zum Ernst-Reuter-Preis 2019. Die Laudatio hielt Hermann Kreutzmann (v.l.n.r.).
Bildquelle: Regina Sablotny

Stolze 71 Jahre ist sie nun alt: Am 4. Dezember feierte die Freie Universität ihren Gründungstag. Benannt nach dem damaligen Oberbürgermeister von Berlin, der bei der Universitätsgründung im Jahr 1948 eine zentrale Rolle spielte, lädt der Ernst-Reuter-Tag alljährlich ein zur Reflexion über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Freien Universität. Universitätspräsident Professor Günter M. Ziegler erinnerte in seiner Begrüßungsrede an die wichtigsten Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres – vor allem an den Erfolg der Hochschule als Teil der Berlin University Alliance am 19. Juli in der Exzellenzstrategie, dem Wettbewerb des Bundes und der Länder. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller würdigte im Max-Kade-Auditorium im Henry-Ford-Bau den Einsatz der Freien Universität für die Freiheit, nicht zuletzt bei der Unterstützung geflüchteter Studierender, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Am Jubiläumstag werden traditionell die Ernst-Reuter-Preise verliehen, mit denen die Universität herausragende Promotionen auszeichnet. Fünf Promovierte erhielten diese Auszeichnung – ihre Arbeiten sind exemplarisch für die Vielfalt der Forschung an der Freien Universität: So befasste sich der Nordamerikanist Tobias Jochum damit, wie Literatur auf ethisch vertretbare Weise die Gewalt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko thematisieren kann.

Die Ökonomin Annika Schnücker entwickelte mathematische Modelle, die unter anderem den Zusammenhang von Preisentwicklungen einer Ware in unterschiedlichen Ländern beschreiben.

Um genauere Messungen der weltweiten Pflanzenaktivität zu ermöglichen, machte sich die Meteorologin Sophia Walter das schwache grüne Leuchten zunutze, das Chlorophyll bei der Photosynthese aussendet und das die Wissenschaftlerin auf Satellitenbildern ausmachen konnte.

Der Physiker Henrik Wilming untersuchte, ob die Gesetze der Thermodynamik auch in der Quantenphysik gelten. Und der Virologe Jakob Trimpert erforschte, wie Viren darauf reagieren, wenn sich beim Kopieren ihres Erbguts regelmäßig Fehler einschleichen – und beobachtete ein überraschendes Anpassungsverhalten.

Gestiftet werden die mit jeweils 5000 Euro dotierten Preise von der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freunde, Förderer und Ehemaligen der Freien Universität Berlin e.V.

Für die Unterstützung der Promotionsarbeiten wurden der Geschichtsprofessor Stefan Rinke (2.v.l.) und die Kunstgeschichtsprofessorin Wendy M. K. Shaw (Mitte) mit dem „Dahlem Research School Award for Excellent Supervision“ ausgezeichnet.

Für die Unterstützung der Promotionsarbeiten wurden der Geschichtsprofessor Stefan Rinke (2.v.l.) und die Kunstgeschichtsprofessorin Wendy M. K. Shaw (Mitte) mit dem „Dahlem Research School Award for Excellent Supervision“ ausgezeichnet.
Bildquelle: Regina Sablotny

Für eine erfolgreiche Promotion ist gute Unterstützung durch Professorinnen und Professoren wichtig. Wendy M. K. Shaw, Professorin für die Kunstgeschichte islamischer Kulturen, und Stefan Rinke, Geschichtsprofessor am Lateinamerika-Institut, erhielten den Dahlem Research School Award for Excellent Supervision. Die Preisträger waren von den Promovierenden nominiert worden.

Festrede des Historikers Dan Diner

Der Historiker Dan Diner befasste sich in seiner Rede „Geteilte Freiheit“ vor allem mit dem Kalten Krieg. Der sei eine „Sonderzeit“ gewesen, ein „Zeitalter der Neutralisierung des Nationalen“.

Der Historiker Dan Diner befasste sich in seiner Rede „Geteilte Freiheit“ vor allem mit dem Kalten Krieg. Der sei eine „Sonderzeit“ gewesen, ein „Zeitalter der Neutralisierung des Nationalen“.
Bildquelle: Regina Sablotny

Ein weiterer Höhepunkt des Jubiläumstages war die Festrede des Historikers Dan Diner mit dem Titel „Geteilte Freiheit“. Der für seine Universalgeschichte des 20. Jahrhunderts und Beiträge zur Erforschung der jüdischen Geschichte bekannte emeritierte Professor hat lange Zeit in Leipzig und Jerusalem gelehrt. Im Jahr 2015 hatte ihm der Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität die Ehrendoktorwürde verliehen.

In seiner Rede befasste sich Dan Diner vor allem mit dem Kalten Krieg – einem Ereignis, das auch für die Geschichte der Freien Universität von zentraler Bedeutung war. Diese „Sonderzeit“, so der Historiker, sei ein „Zeitalter der Neutralisierung des Nationalen“ gewesen. Hinter dem Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen liberaler Freiheit und buchstäblicher Gleichheit sei der Nationalismus der europäischen Einzelstaaten zurückgetreten. Dan Diner formulierte mit Metaphern, um die großen Zusammenhänge zu verdeutlichen: Der Kalte Krieg sei ein Gefäß gewesen, der sich für die 68er-Bewegung wie ein Zeitkäfig angefühlt habe. „Im Osten war dieser Käfig real, die Ereignisse in Warschau und Prag 1968 sind hierfür der Beleg“, sagte Dan Diner.

Von Kränkungen und Frustration

Das Ende des Kalten Krieges habe darum weitreichende Folgen gehabt – vor allem eine „Rückkehr des nationalen Paradigmas“. Das sei insbesondere in Osteuropa der Fall gewesen. Das Wort „Volk“ in „Volksrepublik“ habe eine doppelte Bedeutung gehabt: Einerseits als niedere Klassen der Gesellschaft, andererseits als eine ethno-nationale Gruppe. „Paradoxerweise hatte es gerade der Kommunismus dazu gebracht, das ethnische Element zu verfestigen“, sagte Dan Diner. Die Sezessionen in der Tschechoslowakei und die in Jugoslawien seien die auffälligsten Symptome dieser Entwicklung gewesen.

Eine besondere Rolle komme der DDR zu, weil sie nach dem Kalten Krieg als einziges Land in Europa aufgehört habe zu existieren. Nach der Wende habe die bundesdeutsche Staatsangehörigkeit zu einem Anspruch auf gleiche Teilhabe am Gemeinwesen geführt und dazu, dass sich viele ehemalige DDR-Bürger mit den Bürgern im Westen Deutschlands verglichen hätten. Dieser Vergleich sei auch mit Kränkungen und Frustration einhergegangen, die sich nun insbesondere in der Haltung gegenüber Migranten zeigten.

Auch für den Brexit sei die Geschichte des Kalten Krieges von Bedeutung, argumentierte Dan Diner. Der „antikontinentale Affekt“ in Großbritannien stehe „in einer ganz merkwürdigen Weise mit dem Verlust des Empires in Verbindung“. Dieser Verlust habe damals aber wegen der drohenden nuklearen Apokalypse nicht empfunden werden können, sagte der Historiker.

Die Digitale Revolution, ein Erbe der technologischen Entwicklungen im Kalten Krieg, bezeichnete Dan Diner als „anthropologische Krise“, die grundlegende Kategorien erschüttere, auf denen die politische Ordnung und die soziale Kommunikation basierten. Vermittelnde Instanzen fielen weg, und es gebe eine „Stimmungsherrschaft des Konkreten, des Unmittelbaren“. Die Sphären des privaten und des öffentlichen Lebens würden nicht mehr getrennt – mit fatalen Auswirkungen: Dan Diner sprach von einer „Entzivilisierung der Kulturleistungen und der Triebkontrolle“, die jahrhundertelang gegolten hätten. „Das bislang unterdrückte Innere dringt anonym nach außen und wirkt sich aus im politischen System“, sagte der Historiker. Das führe zu Hass und Polarisierung.

Ungeteilte Freiheit

Angesichts dieser Veränderungen sei es wichtig, sich auf grundlegende Werte zu besinnen. Dazu gehöre auch „die Tradition der Freiheit an der und durch die Freie Universität“, sagte Dan Diner. Eine Person, die dabei besondere Aufmerksamkeit verdiene, sei Ernst Fraenkel. Der Politikwissenschaftler hatte in den Anfangsjahren der Freien Universität sowohl am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft als auch am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft gelehrt und sein Fach entscheidend geprägt. Er war zudem Mitinitiator und erster Direktor des 1963 gegründeten John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien. Ihn zu ehren, so Dan Diner, „wäre eine Rückbindung an die beste Tradition von Weimar“. Ernst Fraenkel sei „Gewähr dafür, dass die Freiheit ganz und nicht geteilt sei“, schloss Dan Diner.