„Beschimpft werden gehört zum Job“

Die Moderatorin des ZDF-heute-journals Marietta Slomka berichtete an der Freien Universität zum Auftakt einer neuen Gesprächsreihe zum Journalismus von ihrem Arbeitsalltag

17.12.2019

Die studierte Volkswirtschaftlerin Marietta Slomka moderiert das heute-journal im Wechsel mit Klaus Kleber und Christian Sievers.

Die studierte Volkswirtschaftlerin Marietta Slomka moderiert das heute-journal im Wechsel mit Klaus Kleber und Christian Sievers.
Bildquelle: Jonas Huggins

„Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein ganzer Tag in eine halbe Stunde passt“, sagte Marietta Slomka. Seit mehr als 18 Jahren gehört die Journalistin zu den bekanntesten Gesichtern im deutschen Fernsehen, sie moderiert das heute-journal. Die Einschaltquoten der abendlichen ZDF-Nachrichtensendung sind nach wie vor hoch, gleichzeitig stehen Sendungen wie diese zunehmend im Fokus von Kritik und auch von Feindseligkeiten.

Wie sich ihre Arbeit verändert hat, darüber sprach Marietta Slomka im „Journalismus im Dialog“, einer neuen Veranstaltungsreihe, die vom Center for Media and Information Literacy (CeMIL) des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin zusammen mit der Süddeutschen Zeitung und dem Magazin Jetzt organisiert wird. Die Professorin für Journalistik Margreth Lünenborg und der Redakteur der Süddeutschen Zeitung Nico Fried befragten sie zum Alltag im Journalismus und gaben auch den Studierenden im bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal im Henry-Ford-Bau der Freien Universität die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Der Hörsaal im Henry-Ford-Bau der Freien Universität war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Der Hörsaal im Henry-Ford-Bau der Freien Universität war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Bildquelle: Jonas Huggins

Nico Fried von der Süddeutschen Zeitung (links) und Prof. Dr. Margreth Lünenborg von der Freien Universität (rechts) moderierten die Dialogveranstaltung.

Nico Fried von der Süddeutschen Zeitung (links) und Prof. Dr. Margreth Lünenborg von der Freien Universität (rechts) moderierten die Dialogveranstaltung.
Bildquelle: Jonas Huggins

Kritik habe es natürlich schon immer gegeben, sagte Marietta Slomka – früher in Form von handgeschriebenen Briefen oder als Nachrichten auf dem Anrufbeantworter des Zuschauertelefons. Doch durch das Internet habe sich einiges verändert. „Die Null-Fehler-Toleranz hat sich verstärkt“, sagte die Journalistin. Gleichzeitig schnell und sorgfältig zu sein, dieser Anforderung zu genügen, sei gerade in der Krisenberichterstattung eine schwierige Aufgabe. „Es ist besser, zu sagen: ‚Wir wissen das nicht‘, als die eigenen Aussagen revidieren zu müssen.“ Wenn man dennoch mal falsch gelegen habe, sei es ihr sehr wichtig, den Fehler einzuräumen und die Hintergründe transparent zu machen.

Nicht nur eine Sprecherin

Das Misstrauen vor allem öffentlich-rechtlichen Medien gegenüber habe zugenommen – genährt werde es durch Missverständnisse und Nichtwissen über die Arbeit einer Moderatorin, sagte Marietta Slomka. So sei sie mitnichten bloß eine Sprecherin, die fremde Texte verlese, sondern eine Redakteurin: „Ich habe noch keinen Satz vorgelesen, der nicht von mir war.“ Was sie schreibe, werde von ihrem Team geprüft und genau gegengelesen – ein Prozess, der sie Demut gelehrt habe, sagte die Journalistin. Denn auch wenn sie sich sicher sei, dass die Fakten stimmten und sie gut formuliert habe, komme stets eine lange Liste mit Korrekturen zusammen.

Die Präsentation der Sendung am Abend sei der geringste Teil ihres Arbeitsalltags. Die meiste Zeit werde im gut 20-köpfigen Redaktionsteam diskutiert und freundlich gestritten. „Es läuft ziemlich basisdemokratisch bei uns ab“, sagte Marietta Slomka. In die Nachrichten schafften es die Themen, die relevant erscheinen. Aber auch andere Erwägungen spielten eine Rolle: Sind alle Themenbereiche abgedeckt? Stehen geeignete Interviewpartner zur Verfügung? Gibt es Bilder vor Ort? Hat ein Korrespondent zuvor eine aufwendige Auslandsreportage gedreht, gebe es Druck, diese auch zu senden. Und gibt es „hintenraus noch etwas Schönes“, damit nicht nur die negativen Nachrichten dominieren?

Ein verbreiteter Vorwurf gegenüber den Medien ist, dass Nachrichtensendungen nicht neutral seien. Gibt es Slomkas Ansicht nach einen Trend zu mehr Subjektivität? Nein, entgegnete die Moderatorin, den Kommentar als journalistische Darstellungsform habe es ja schon immer gegeben. Ganz objektiv könne natürlich kein Journalist sein. Der Neutralitätsbegriff sei aber zum Kampfbegriff geworden. Auch Nachrichtenjournalisten sollten eine eigene Haltung bewahren, argumentierte Slomka: „Sollte man auch Naziparolen neutral zur Kenntnis nehmen, weil jeder nun einmal seine Meinung habe? Das finde ich nicht.“

Persönliche Angriffe sind im Internet Alltag geworden

Im digitalen Zeitalter sei nicht nur der Ton der Kritik schärfer, sondern auch Missbrauch möglich geworden. „Das Internet ist zu einem Verleumdungsinstrument geworden“, sagte Marietta Slomka. Das sei ihr zum ersten Mal aufgefallen, als die Berichterstattung in den klassischen Medien zum Ukraine-Konflikt online plötzlich auf massive Kritik gestoßen sei. „Am Anfang konnten wir das nicht einordnen“, sagte die Journalistin. Mit der Zeit sei aber klargeworden, dass die Reaktionen in den Sozialen Medien orchestriert gewesen seien: Wie sich später herausgestellt habe, von der russischen sogenannten Troll-Fabrik, deren Mitarbeiter versuchten, durch gesteuerte Aktionen die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Auch persönliche Angriffe seien alltäglich geworden, ganz besonders auf Frauen. „Beschimpft werden gehört zum Job“, sagte Marietta Slomka. Privat wolle sie davor jedoch geschützt bleiben. Sie habe sich daher schon vor langer Zeit entschieden, nicht auf Facebook oder Twitter aktiv zu sein. „Ich will nicht rund um die Uhr im Kommunikationsprozess sein.“

Weitere Informationen

Nächster Dialog: Hajo Seppelt im Gespräch

Als zweiter Gast in der Reihe „Journalismus im Dialog“ wird der Sportjournalist Hajo Seppelt an die Freie Universität kommen. Zusammen mit Claudio Catuogno (Süddeutsche Zeitung) wird über das Thema „Doping vom Staat und Korruption bei der Fußball WM: Wenn sich investigativer Sportjournalismus mit den Mächtigen anlegt“ diskutieren.

Zeit und Ort

  • Montag, 13. Januar 2020, 10 Uhr
  • Henry-Ford-Bau, Hörsaal C, Garystr. 35, 14195 Berlin

Der Eintritt ist frei, und es ist keine Anmeldung nötig.