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Gut in Form

Diskussion über die Rolle der Geisteswissenschaften auf Einladung des New Yorker Verbindungsbüros der Freien Universität Berlin

03.05.2012

In Bestform: Die Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin schneiden in internationalen Rankings stets sehr gut ab. Sie sind unter dem Dach des Dahlem Humanities Center zusammengefasst.

In Bestform: Die Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin schneiden in internationalen Rankings stets sehr gut ab. Sie sind unter dem Dach des Dahlem Humanities Center zusammengefasst.
Bildquelle: morgueFile.com/danielito

Im Dienste der Geisteswissenschaften (v.l.n.r.): Christof Mauch, Chad Gaffield, Mark Anderson, Don M. Randel, Peter-André Alt anlässlich der Diskussion "Still in good shape?".

Im Dienste der Geisteswissenschaften (v.l.n.r.): Christof Mauch, Chad Gaffield, Mark Anderson, Don M. Randel, Peter-André Alt anlässlich der Diskussion "Still in good shape?".
Bildquelle: S. Altevogt

Zur Diskussion über die Rolle der Geisteswissenschaften hatte das Verbindungsbüro der Freien Universität Berlin in New York gemeinsam mit dem dortigen German Center for Research and Innovation eingeladen.

Zur Diskussion über die Rolle der Geisteswissenschaften hatte das Verbindungsbüro der Freien Universität Berlin in New York gemeinsam mit dem dortigen German Center for Research and Innovation eingeladen.
Bildquelle: S. Altevogt

In einer Welt, in der sich Wissenschaft vor allem für die Wirtschaft auszahlen soll, haben Geisteswissenschaften einen schweren Stand. Sie kämpfen um finanzielle Förderung und gegen das Image einer "brotlosen Kunst". Doch ganz zu Unrecht. Für eine funktionierende Gesellschaft sind die Geisteswissenschaften heute wichtiger denn je. Das zeigte eine Diskussion, zu der das Verbindungsbüro der Freien Universität Berlin in New York gemeinsam mit dem dortigen German Center for Research and Innovation eingeladen hatte.

„Still in good shape? The Role of the Humanities in Higher Education and Society“ lautete der provokante Titel der Veranstaltung, bei der neben Professor Peter-André Alt, dem Präsidenten der Freien Universität Berlin, eine Reihe internationaler Experten auf dem Podium saß: Professor Chad Gaffield, Präsident des Social Sciences and Humanities Research Council of Canada, Professor Don M. Randel, Präsident der Andrew W. Mellon Foundation und Professor Christof Mauch, Gründungsdirektor des Rachel Carson Center for Environment and Society an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die besorgte Frage scheint berechtigt. Bereits im Jahr 2010 wurde die bisherige Abteilung für Geistes- und Sozialwissenschaften bei der Europäischen Kommission im Bereich Forschung auf ein einzelnes Referat verkleinert. Nach den Kommissions-Plänen sollten die europäischen Fördergelder für Sozial- und Geisteswissenschaften außerdem von 2014 an zusammengestrichen werden.

Denn das neue Rahmenprogramm für Forschung und Innovation, das bis 2020 läuft, hat vor allem zum Ziel, „aussichtsreiche Forschungsergebnisse über die wissenschaftliche Publikation hinaus bis zur Umsetzung in marktfähige Produkte oder Dienstleistungen zu fördern“, wie es auf der Homepage des Bundesforschungsministeriums heißt

Freie Universität Berlin schaltete sich schon früh in die Auseinandersetzung ein

Nur durch internationalen Protest konnte die strenge Ausrichtung auf rein marktorientierte Forschung etwas gelockert werden. Als eine der führenden europäischen Forschungsuniversitäten in den Geistes- und Sozialwissenschaften und mit ihrem besonderen Fokus auf internationalen Kooperationen hat sich die Freie Universität Berlin schon früh in die europäische Kontroverse über die Entwicklung der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften eingeschaltet.

Bereits im Oktober 2010 bezog sie in einem Schreiben Stellung gegen die Kürzungspläne der EU-Kommission. Das Brüsseler Verbindungsbüro der Freien Universität organisierte im Mai 2011 auch die erste Paneldiskussion im Europäischen Parlament zur Zukunft der Geistes- und Sozialwissenschaften vor dem Hintergrund der EU-Pläne.

Noch im selben Monat reichte das Präsidium der Freien Universität eine offizielle Stellungnahme zur Gestaltung der zukünftigen Förderung von Forschung und Innovation auf europäischer Ebene bei der EU-Kommission ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits viele andere Akteure der Kritik der Universität angeschlossen oder eigene Stellungnahmen verfasst.

Gesellschaftliche Relevanz erkannt

Und die Intervention zeigte Wirkung. Bereits zwei Monate später räumte die Kommission den Geisteswissenschaften in ihrem Programm-Entwurf einen Platz in der mehrjährigen Finanzplanung ein. Unter dem Förderschwerpunkt „Gesellschaftliche Herausforderungen“ sollen nun neben Energie-, Ernährungs- und Gesundheitsfragen auch Forschungen zu „Integrativen, innovativen und sicheren Gesellschaften“ finanziell unterstützt werden. Derzeit beraten das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten über entsprechende Veränderungen.

Die Freie Universität Berlin setzt sich darüber hinaus für eine angemessene Berücksichtigung der Gesellschaftswissenschaften bei den weiteren Förderschwerpunkten wie Klimaschutz oder Gesundheit und demografischem Wandel ein. Zudem soll bei Mobilitäts- und Doktorandenprogrammen nicht nur Industriebeteiligung gefördert werden, sondern auch die Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Sektor (mit Museen und Schulen) sowie mit Nichtregierungsorganisationen.

"Unverzichtbar für das Verständnis und die Entwicklung anderer Wissenschaftsbereiche"

Die Diskussion in New York hat die Debatte um die Zukunft der Geisteswissenschaften nun auf die transatlantische Ebene gehoben. Vor einem hoch interessierten Publikum, darunter neben Geistes- auch viele Naturwissenschaftler von Universitäten in New York und Umgebung, warfen die Podiumsteilnehmer aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Deutschland einen länderübergreifenden Blick auf Gegenwart und Zukunft: Welche Rolle spielen die Geisteswissenschaften für die Gesellschaft? Wie hat sich diese Rolle verändert? Welche Bedeutung haben die Geisteswissenschaften für die Hochschulbildung? Und wie finanzieren moderne Universitäten diese Fachgebiete?

Präsident Peter-André Alt erklärte, geisteswissenschaftliche Forschung sei unabdingbar für die Bewahrung der historischen Dimension moderner Lebenswelten, für ein vertieftes Verständnis der Künste, der Weltsprachen und der ethischen Dimension menschlichen Handelns. In einem Punkt waren sich alle einig: Geisteswissenschaften sind enorm wichtig für eine Gesellschaft.

Sie tragen nicht nur zu einer umfassenden Bildung bei, sondern sind auch unverzichtbar für das Verständnis und die Entwicklung anderer Wissenschaftsbereiche. Außerdem sind sie maßgeblich für die Werteorientierung und das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft.

USA: Sorge um geisteswissenschaftliche Fächer an öffentlich finanzierten Universitäten

Während die finanzielle staatliche Unterstützung für die Geisteswissenschaften in Deutschland und Kanada deutlich positiver bewertet wurde als die staatliche Unterstützung, die US-amerikanische Universitäten für diesen Bereich erhalten, forderten die beiden deutschen Vertreter auf dem Podium eine größere Beachtung der Geisteswissenschaften im kommenden EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation sowie eine größere Kreativität bei der Suche nach alternativen Finanzierungsquellen.

In den USA sorgt man sich sogar um das Überleben dieser Fächer an öffentlich finanzierten Hochschulen, weil sich diese Einrichtungen einem immer größer werdenden ökonomischen Druck beugen müssten. Viele junge Studierende entschieden sich aufgrund der hohen Studiengebühren für „rentablere“ Studienrichtungen, die ihnen nach dem Abschluss schneller einen Arbeitsplatz und ein höheres Gehalt garantierten.

"Historische Phase der Neudefinition bietet immense Chancen"

Trotz aller Probleme: Die Geisteswissenschaften sowohl in Europa als auch in Nordamerika hätten allen Grund, sich bei gesellschaftlichen und politischen Debatten mit einem neuen Selbstbewusstsein zu präsentieren, sagte Chad Gaffield: „Weltweit befinden sich die Geisteswissenschaften in einer historischen Phase der Neudefinition und Umgestaltung, die nicht nur herausfordernd ist, sondern auch immense Chancen bietet."

Als Beispiele für solche konzeptionellen Veränderungen nannte er unter anderem die wachsende Integration von Geisteswissenschaften in andere Wissenschaftsbereiche, den durchaus vorhandenen ökonomischen Nutzen geisteswissenschaftlicher Forschung und die Offenheit dieses Wissenschaftszweiges für die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters.

Letztlich waren sich alle Diskussionsteilnehmer auf dem Podium und im Publikum darin einig, dass Geistes- und Naturwissenschaften ungeachtet aller Verschiedenheit stärker zusammenarbeiten müssten – zum Wohl von Wissenschaft und Gesellschaft.