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„Wir brauchen ein Finanzsystem, das den Kampf gegen den Klimawandel finanziert“

Interview mit Ökonomin Barbara Fritz und Doktorandin Marla Schiefeling zum neu eingerichteten Promotionskolleg EQUALFIN

29.01.2026

Die Eröffnung des Promotionsprogramms Equalfin, eine Kooperation von Freier Universität Berlin und der Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW). itut der Freien Universität Berlin.

Die Eröffnung des Promotionsprogramms Equalfin, eine Kooperation von Freier Universität Berlin und der Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW). itut der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: Christian Demarco

Im Rahmen des Promotionsprogramms „Finance and Inequality in Times of Polycrisis (EQUALFIN)“ erforschen bis zu 12 Promovierende, wie das gegenwärtige Finanzsystem globale Ungleichheiten verschärft. Im Interview erläutern Barbara Fritz, Professorin für Ökonomie Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin und am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, und die Doktorandin Marla Schiefeling die strukturellen Schwierigkeiten von Zinserhöhungen, Devisenhandel und Risikobewertung von Banken.

Frau Professorin Fritz, worum geht es bei EQUALFIN?

Das Promotionsprogramm „Finance and Inequality in Times of Polycrisis“ – kurz EQUALFIN – ist ein Gemeinschaftsprojekt der Freien Universität und der Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW).

Gemeinsam untersuchen wir, inwieweit das globale Finanzsystem zur Verschärfung gegenwärtiger sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Ungleichheiten beiträgt. Dabei geht es um Ungleichheiten zwischen verschiedenen Weltregionen oder Ländern, aber auch zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen innerhalb einzelner Gesellschaften, beispielsweise Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Mechanismen wollen wir besser verstehen. Insbesondere mit Blick auf die vielfältigen Krisen, die unsere Welt derzeit in Atem halten.

Ökonomieprofessorin Dr. Barbara Fritz vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin

Ökonomieprofessorin Dr. Barbara Fritz vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin
Bildquelle: Christian Demarco

Haben Sie ein Beispiel?

Man kann sich etwa die Zinserhöhungen der Zentralbanken nach der Corona-Pandemie ansehen. Zinsen werden erhöht, um die Inflation zu stabilisieren. Sie dämpfen allerdings die Wirtschaft, weil sie es für Unternehmen teurer machen, sich Geld für Investitionen zu leihen.

Lange Zeit hat man diese Geldpolitik nur makroökonomisch betrachtet. Man ging davon aus, dass langfristig alle gesellschaftlichen Akteure profitieren, wenn durch die niedrigere Inflation das Vertrauen in die Wirtschaft wieder wächst und die Investitionen schließlich wieder steigen.Be trachtet man das Thema aber mikroökonomisch, so wird deutlich, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen sehr ungleich von Zinserhöhungen profitieren.

Seit Längerem ist bekannt, dass vermögende Menschen etwa sehr viel mehr profitieren als ärmere Menschen. Letztere haben wenig oder kein Sparvermögen, profitieren also nicht von steigenden Zinsen. In der Regel sind sie auch weniger gut qualifiziert und so durch die wirtschaftsdämpfende Wirkung der Zinserhöhung möglicherweise stärker von Arbeitslosigkeit bedroht.

Nun zeigt neue Forschung, dass sich Ungleichheiten auf noch mehr Ebenen zeigen. Eine Zinserhöhung wirkt sich je nach Geschlecht oder Ethnizität anders auf Menschen aus. Warum das so ist, wollen wir besser verstehen.

Welche Rolle spielt das Finanzsystem bei der Bekämpfung des Klimawandels?

Es ist klar, dass es erheblicher Investitionen bedarf, um die gegenwärtige Klimakrise zu bewältigen. Allein für Infrastrukturmaßnahmen hinsichtlich der Umstellung auf erneuerbare Energien werden mehrere Trillionen Euro benötigt. Unternehmen, die diese Investitionen tragen wollen, brauchen Partner, die das finanzieren.

Es handelt sich allerdings um langfristige Investitionen, die mit einer Reihe von Unsicherheiten behaftet sind. Gerade wenn wir uns die aktuelle, von Krisen geschüttelte Weltlage ansehen. Wer kann heute schon sagen, wie die Welt in zehn Jahren aussehen wird?

Die Unsicherheiten steigen, wenn wir nicht nur an die reichen Industrienationen denken. Auch im Globalen Süden müssen Milliarden investiert werden. Dieses Risiko können Staaten nicht allein schultern. Wir müssen uns Gedanken machen, wie ein Finanzsystem aussehen kann, das solche Risiken mitträgt.

Marla Schieveling promoviert im Rahmen des Promotionsprogramms Equalfin.

Marla Schieveling promoviert im Rahmen des Promotionsprogramms Equalfin.
Bildquelle: Christian Demarco

Frau Schiefeling, in Ihrem Promotionsvorhaben verfolgen Sie diese Frage.

Genau. Mein Ausgangspunkt ist, dass wir nicht nur auf die Symptombekämpfung achten dürfen, beispielsweise im Kontext des Umbaus zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Wir müssen uns die Strukturen dahinter ansehen, also die Frage der Rolle des Finanzsystems in der Funktionsweise der heutigen Wirtschaft – denn dort wird entschieden, welche Arten von Investitionen überhaupt möglich sind.

Wir sehen, dass der Finanzsektor kurzfristig denkt. Da mag dann in einigen Fällen eine Investition in fossile Energieträger als die bessere Option erscheinen – aber nur, weil man die hohen gesamtgesellschaftlichen Kosten des Klimawandels ausblendet.

Welche Bereiche des Finanzsystems sehen Sie sich im Detail an?

Ich interessiere mich für das internationale Finanz- und Währungssystem, momentan besonders für die Anhäufungen von ausländischen Währungsreserven im Globalen Süden.

Staaten mit einer schwachen Währung brauchen Devisen, um international handlungsfähig zu sein und wichtige Strukturreformen finanzieren zu können. Beispielsweise muss die Technik für erneuerbare Energien oft importiert und in US-Dollar oder Euro bezahlt werden.

Gleichzeitig brauchen diese Staaten ihre Devisenreserven auch, um sich abzusichern. Viele ärmere Staaten haben massive Vorräte an ausländischen Währungen in ihren Zentralbanken eingelagert, können diese allerdings nicht ausgeben, da sie damit ihre eigene Währung gegen plötzliche Kapitalflucht und Abwertung absichern müssen.

Diese finanzielle Instabilität führt also auch dazu, dass wichtige Strukturreformen auf der Strecke bleiben. Ich möchte erforschen, wie wir diesem Problem mit einem kooperativeren Finanzsystem systematisch begegnen können. Mir ist immer wichtig zu betonen, dass unser Finanzsystem von Menschen gemacht ist – wir können es jederzeit umgestalten.

Die Fragen stellte Dennis Yücel