Wissenschaft und Künste im weltweiten Dialog

Eine internationale Konferenz des Peter Szondi-Instituts und der Universidad Nacional Autónoma de México eröffnete neue Perspektiven auf mediale Praktiken des künstlerischen Schaffens

27.09.2018

Unter anderem in der stimmungsvollen Aula Magna José Vasconcelos des Centro Nacional de las Artes der Universidad Nacional Autónoma de México fanden Panels der Tagung statt.

Unter anderem in der stimmungsvollen Aula Magna José Vasconcelos des Centro Nacional de las Artes der Universidad Nacional Autónoma de México fanden Panels der Tagung statt.
Bildquelle: Susana González Aktories

Welche Zeichen und Bilder können Klänge abbilden? Wie lässt sich die Dauer einer ästhetischen Erfahrung darstellen? Und welche politischen Dimensionen können Notationen haben? Diese und ähnliche Fragen standen Mitte September im Zentrum einer internationalen Tagung in Mexiko-Stadt mit dem Titel „Materialbetrachtungen. Offene Schriften. Zeitgenössische Praktiken und Kreuzungswege zwischen Lateinamerika und Europa“ (Material Contemplations. Open Scriptures. Contemporary Practices and Crossroads between Latin America and Europe).

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Literatur, Musik, bildende Kunst und Performance waren aus aller Welt angereist, um ihre Forschungsergebnisse und künstlerischen Erfahrungen über zeitgenössische Praktiken der Notation auszutauschen und einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Organisiert wurde die Tagung gemeinsam von der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) und dem Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin.

Notationen sind Systeme von Zeichen in einer Metasprache, wie die Notenschrift in der Musik oder Formeln in der Mathematik. In der Kunst kann die Notation als Ermöglichungsraum und Handlungsanweisung verstanden werden. Sie vermittelt zwischen der Lebenswelt und dem Kunstwerk und gewährleistet die Übersetzung zwischen verschiedenen künstlerischen Medien. Das Nachdenken über Notationspraxen eröffnet damit ganz neue Perspektiven für die Erforschung zeitgenössischer Literatur und Kunst, die intensiv mit der Vermischung von Medien experimentiert und durch zunehmende weltweite Verflechtungen und Transferprozesse geprägt ist.

Eröffnungsworte im Kulturhaus Casa del Lago, gesprochen von dessen Leiter José Wolffer. Auf dem Bild zu sehen sind zudem Vertreterinnen und Vertreter der Universidad Nacional Autónoma de México und des Peter Szondi-Instituts der Freien Universität.

Eröffnungsworte im Kulturhaus Casa del Lago, gesprochen von dessen Leiter José Wolffer. Auf dem Bild zu sehen sind zudem Vertreterinnen und Vertreter der Universidad Nacional Autónoma de México und des Peter Szondi-Instituts der Freien Universität.
Bildquelle: Susana González Aktories 

Um den daraus erwachsenen neuen Herausforderungen an die wissenschaftliche Beschäftigung mit künstlerischen Praktiken Rechnung zu tragen, hätten die Organisatorinnen und Organisatoren bei der Planung der Konferenz besonderen Wert auf eine Verzahnung von Theorie und Praxis gelegt, sagt Barbara Ventarola, Stiftungsgastprofessorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter Szondi-Institut.

Neben Expertinnen und Experten aus der Literaturwissenschaft, der Musikwissenschaft, dem Bereich „Sound Art“ sowie Kunstgeschichte kamen auch Kuratorinnen und Kuratoren sowie zahlreiche renommierte Kunstschaffende zu Wort. So präsentierten etwa der mexikanische Multimedia-Künstler Carlos Amorales, die Londoner Performance-Artistin Salomé Voegelin und die ebenfalls aus Mexiko stammende Dichterin Rocío Cerón ihre Werke und berichteten aus ihrer künstlerischen Werkstatt.

Gerahmt von verschiedenen Performances und Konzerten war die Konferenz in sechs Panels unterteilt, in denen jeweils unterschiedliche Aspekte des weiten Themenfeldes der Notation im Vordergrund standen.

Den Auftakt machte etwa ein praxisorientiertes Panel, das verschiedene Positionen des kuratorischen und künstlerischen Umgangs mit Notationen für Konzeptkunst, Sound Art und interaktive Kunst im Internet präsentierte.

Die Vorträge eines weiteren Panels konzentrierten sich auf die Notation als Ort der Reflexion über das Verhältnis zwischen der Erzeugung und der Rezeption von Kunst. Vorgestellt wurden hier etwa Museumskataloge als Notationen für virtuelle, imaginäre Museen, Notationspraktiken, die das Verhältnis von Schrift und Körper reflektieren, sowie selbstreferentielle literarische Notationstechniken, die als Interpretationsschlüssel zu dekodieren sind.

Die Frage, ob man Notationen als Projektion und Ermöglichungsbedingung von Kunst oder selbst als Resultat künstlerischer Tätigkeit und somit als eigenständige Kunstwerke ansehen kann, wurde ebenfalls in einem Panel diskutiert. Hier wurden etwa bildkünstlerische Notationen von Musik vorgestellt, die Räume und Klänge auf experimentelle Weise visualisieren. Diskutiert wurden auch Notationsexperimente aus weiblicher Sicht im Kontext der politischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhundert.

Abschlussworte des Organisationsteams (v.l.n.r.): Susana González Aktories (UNAM), Cinthya García Leyva (UNAM/ACT), Miriam Torres (UNAM), Georg Witte und Barbara Ventarola (beide Freie Universität). Im Hintergrund wird eine Performance vorbereitet.

Abschlussworte des Organisationsteams (v.l.n.r.): Susana González Aktories (UNAM), Cinthya García Leyva (UNAM/ACT), Miriam Torres (UNAM), Georg Witte und Barbara Ventarola (beide Freie Universität). Im Hintergrund wird eine Performance vorbereitet.
Bildquelle: Susanne Klengel

Finanziert wurde die Konferenz durch das Programm Arte, Ciencia y Tecnologías (ACT), das die UNAM Anfang dieses Jahres in Zusammenarbeit mit dem mexikanischen Kulturministerium ins Leben gerufen hatte, um innovative inter- und transdisziplinäre Projekte zu fördern, die Vernetzung von künstlerischen und akademischen Kulturen voranzutreiben und die öffentlichkeitswirksame Verbreitung von Wissenschaft und Kunst zu unterstützen.

„Die Vielfalt an untersuchten Kunstformen, aufgeworfenen Fragestellungen und theoretischen Herangehensweisen, die regen Diskussionen und die große Resonanz beim öffentlichen Publikum haben eindrucksvoll gezeigt, wie fruchtbringend die Untersuchung der zeitgenössischen Kunst aus dem Blickwinkel ihrer Notate ist“, sagte Literaturwissenschaftsprofessorin Susana González Aktories von der Universidad Nacional Autónoma de México. Deshalb seien weitere Kooperationsgespräche zur gemeinsamen Erforschung dieses wichtigen Themas bereits im Gange.

An der Freien Universität Berlin wurde im April 2018 ein Verbindungsbüro der Universidad Nacional Autónoma de México eröffnet. Unter der Leitung von Adriana Haro Luviano von der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der UNAM soll es die Kooperation zwischen mexikanischen und deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und den Austausch von Studierenden fördern.