„Vom Labor bis zum Bienenstock“

37 junge Menschen haben am 3. September an der Freien Universität ihre Ausbildung begonnen

05.09.2018

Sophia Haumersen ist eine von 114 Auszubildenden an der Freien Universität Berlin.

Sophia Haumersen ist eine von 114 Auszubildenden an der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: Marina Kosmalla

„Gestochen werde ich alle paar Tage mal“, erzählt Vasilij Vitriak mit einem leichten Schulterzucken. „Das Beste ist dann, ruhig zu bleiben und den Schmerz zu ignorieren.“ Der 34-Jährige wird an der Freien Universität zum Tierwirt mit Fachrichtung Bienenhaltung ausgebildet. Er ist einer von 114 Azubis in zwölf Ausbildungsberufen, die momentan an der Hochschule beschäftigt sind. 37 der Auszubildenden sind noch ganz neu dabei: Sie haben am vergangenen Montag mit dem Beginn des neuen Ausbildungsjahrgangs ihre Arbeit aufgenommen.

60 Kilo Honig

Vasilij Vitriak ist mittlerweile in seinem zweiten Ausbildungsjahr – und da er vorher das Abitur abgelegt hat, auch in seinem letzten. Ohne Abitur beträgt die Ausbildung zum Tierwirt mit Fachrichtung Bienenhaltung drei Jahre. Die Bienenhaltung hat der aus dem Nordkaukasus stammende Azubi bereits bei seinem Großvater kennengelernt. Die Idee, selbst Imker zu werden, hat sich bei Vasilij Vitriak aber erst vor kurzem gefestigt. Für seinen Kleingarten in Berlin-Zehlendorf wollte er sich ein Bienenvolk anschaffen und hat sich an seinen heutigen Ausbilder Benedikt Polaczek gewandt. Der promovierte Landwirt ist Imkermeister am Institut für Veterinär-Biochemie der Freien Universität und 1. Vorsitzender des Imkervereins Berlin-Zehlendorf und Umgebung. Der Verein und die Hochschule bieten gemeinsam kostenlose Imkerkurse an. „Ich hatte Herrn Polaczek einfach mal angerufen und wir haben uns lange unterhalten“, erinnert sich Vitriak. „Im Anschluss habe ich seine Vorträge besucht und ein Praktikum in der Instituts-Imkerei gemacht. Dann stand für mich fest, dass das gut passt. Herr Polaczek ist ein guter Meister und es ist toll, in der Natur arbeiten zu können.“

Heute kümmert sich Vasilij Vitriak privat um fünf Bienenvölker und an der Freien Universität um 45. Genug zu tun gibt es das ganze Jahr über: Im Frühling setzt er neue Mittelwände in die Bienenbehausungen als Brut- und Honigraum ein, im Sommer pflegt er die Jungvölker, züchtet Königinnen und erntet und schleudert den Honig. Der Honig wird im Herbst verarbeitet und in Gläser abgefüllt – und im Winter wird schon alles für die nächste Saison vorbereitet. Handwerkliches Geschick ist bei der Imkerei auf jeden Fall von Vorteil, gerade wenn die Bienenbehausungen selbst zusammengebaut und -gelötet werden müssen. Den Honig füllen Imkermeister und -azubi selbst ab und verkaufen ihn am Institut. „Im Jahr kriegen wir pro Volk an die 60 Kilo Honig zusammen“, erklärt der angehende Imker. Durch die Anbindung an die Universität erhält er auch einen Einblick in die Forschung. „Die Arbeit ist einfach sehr abwechslungsreich.“

Technik, Tiere und Tagungsorganisation

Die Bandbreite der Ausbildungsberufe an der Freien Universität ist groß, von der Elektronikerin über den Pferdewirt und die Sport- und Fitnesskauffrau bis hin zum Verwaltungsfachangestellten. Die Auszubildenden werden im dualen System ausgebildet, das heißt, sie lernen die Praxis in den verschiedenen Abteilungen der Hochschule kennen und die Theorie in der Berufsschule. Pro Jahr stehen mehr als 40 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Da die Freie Universität vielfach für den Eigenbedarf ausbildet, haben die Auszubildenden eine gute Chance, im Anschluss übernommen zu werden.

Neben den vielfältigen Tätigkeitsfeldern bietet die Freie Universität auch sehr gute Ausbildungsbedingungen. Die Azubis erhalten eine tarifliche Vergütung, eine Jahressonderzahlung, vermögenswirksame Leistungen, einen Anspruch auf 29 Tage Erholungsurlaub sowie eine Prämie von 400 Euro bei einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss.

Dass gute Bewerber zurzeit sehr gefragt sind, hat auch die Ausbildungsleitung der Hochschule gemerkt. „Wir konnten alle Ausbildungsplätze besetzen, aber nur nach vielen Auswahlgesprächen“, sagt Lothar Fahrenkrog-Petersen, Ausbildungsleiter an der Freien Universität Berlin. „Die ‚guten‘ Bewerberinnen und Bewerber hatten oft mehrere Angebote und haben sich manchmal gegen uns entschieden.“ Insgesamt hatten sich 1500 junge Menschen für die elf Ausbildungsberufe, die jetzt in einen neuen Jahrgang starten, beworben. Wichtig bei der Bewerbung seien vor allem Interesse und Motivation für den Beruf, sagt Fahrenkrog-Petersen. Schulnoten seien fast nicht mehr der ausschlaggebende Faktor – außer bei Fünfen und Sechsen. „Mittlerweile sind die Noten zwischen den einzelnen Schulformen, Bundesländern – in Berlin sogar zwischen den Kiezen – nicht mehr vergleichbar. Wir führen in den meisten Berufen schriftliche Tests durch, um uns selbst ein Bild vom Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler zu machen. Da gab es eine Menge Überraschungen.“

Genauigkeit ist wichtig

Chemikalien besorgen, Apparaturen aufbauen, Mengenverhältnisse berechnen, Versuche durchführen und protokollieren, die Ergebnisse auswerten und Proben analysieren – konzentriertes und exaktes Arbeiten sind die Grundlagen eines Chemielaboranten.

Chemikalien besorgen, Apparaturen aufbauen, Mengenverhältnisse berechnen, Versuche durchführen und protokollieren, die Ergebnisse auswerten und Proben analysieren – konzentriertes und exaktes Arbeiten sind die Grundlagen eines Chemielaboranten.
Bildquelle: Marina Kosmalla

Ganz anders als der Alltag von Vasilij Vitriak sieht die Arbeit von Sophia Haumersen aus. Chemikalien besorgen, Apparaturen aufbauen, Mengenverhältnisse berechnen, Versuche durchführen und protokollieren, die Ergebnisse auswerten und Proben analysieren – konzentriertes und exaktes Arbeiten sind die Grundlagen eines Chemielaboranten. „Genauigkeit ist sehr wichtig, aber daran gewöhnt man sich“, sagt Sophia Haumersen. Die gebürtige Berlinerin steht kurz vor ihren Abschlussprüfungen als Chemielaborantin an der Freien Universität Berlin. Mit dem Abschluss könnte sie bei Herstellern von Getränken, Kosmetika, Kunststoffen, Arzneimitteln und Pflanzenschutzmitteln arbeiten sowie in Umweltlaboren und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Sophia Haumersen hat sich jedoch für die Wissenschaft entschieden und will an der Freien Universität bleiben. Chemielaboranten werden hier in den verschiedenen Arbeitsgruppen der organischen und anorganischen Chemie beschäftigt ebenso wie in der Pharmazie, Biologie, Veterinärmedizin – überall, wo Proben analysiert werden oder Laborarbeiten anfallen. „Wir unterstützen die Professoren und Doktoranden bei ihrer Forschung“, erklärt sie. Die Arbeitsgruppe von Sebastian Hasenstab-Riedel, Professor für Anorganische Chemie, kennt sie bereits. Denn nach den ersten neun Monaten, in denen die Auszubildenden die Grundfertigkeiten und -techniken lernen, die man als Chemielaborant braucht, absolvieren sie den ersten von vier Betriebsdurchläufen. Dabei können sie ein halbes Jahr lang die erworbenen Techniken in den Laboren der Freien Universität praktisch anwenden – und ihre Präferenzen herausfinden: Arbeiten sie lieber präparativ oder analytisch? Liegt ihnen die anorganische Chemie mehr oder die organische? Sophia Haumersen bevorzugt eindeutig die Analytik: „Ich mag es, wenn ich schnell Ergebnisse bekomme. In der präparativen Chemie kann es einige Tage dauern, bis man am Ende sein fertiges Produkt hergestellt hat.“

Nach ihrem Abitur begann Sophia Haumersen zunächst ein Studium der Lebensmitteltechnologie, das ihr aber zu theoretisch war. „Da war diese Ausbildung die ideale Lösung.“ Was man bei der Ausbildung nicht unterschätzen sollte, sei die Mathematik, sagt die 28-Jährige. „Natürlich lernt man alles, was hier benötigt wird, aber wer noch nie mit Mathe klargekommen ist, sollte sich bewusst sein, dass man nicht drum herum kommt und sich mit dem notwendigen Stoff auseinander setzen muss.“

Weitere Informationen

Bewerbung für 2019

Bewerbungen für die meisten Ausbildungsberufe, die am 1. September 2019 starten, können noch bis zum 21. Dezember 2018 bei der Ausbildungsleitung eingereicht werden. Wer sich als Fachangestellte/r für Medien- und Informationsdienste oder Gärtner/in ausbilden lassen möchte, kann sich bis zum 31. Januar 2019 bewerben. Informationen zu allen Ausbildungsberufen der Freien Universität Berlin stehen online zur Verfügung.