Dialogstifterin zwischen Ländern und Disziplinen

Die argentinische Komparatistin Moira Fradinger ist derzeit internationale Gastprofessorin für Geschlechterforschung an der Freien Universität

31.07.2018

Moira Fradinger hat sich gefreut, im Rahmen ihrer Gastprofessur mit Studierenden der Freien Universität ins Gespräch zu kommen.

Moira Fradinger hat sich gefreut, im Rahmen ihrer Gastprofessur mit Studierenden der Freien Universität ins Gespräch zu kommen.
Bildquelle: Privat

„Es gibt drei Dinge, auf die ich nicht verzichten kann“, sagt Moira Fradinger: „Lesen, Schreiben und Unterrichten.“ Diese Tätigkeiten haben ihr gesamtes Leben begleitet: Als Kind las die Argentinierin mit österreichischen und italienischen Vorfahren begeistert Enzyklopädien und brachte schon als Sechsjährige ihren Freunden mit Tafel und Kreide Mathematik bei. Als Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft in Yale liest, schreibt und unterrichtet Moira Fradinger lateinamerikanische und europäische Literatur, Filmwissenschaft sowie Kritische Theorie und Gender Studies.

Über Psychologie zu Gender Studies gekommen

Ihre akademische Laufbahn begann die Gastprofessorin für Geschlechterforschung an der Freien Universität jedoch in einer anderen Disziplin: In Argentinien studierte sie zunächst Psychologie mit dem Schwerpunkt Psychoanalyse. Danach arbeitete sie in einer Tagesklinik für psychotische Patientinnen und Patienten. Parallel wurde sie vom Argentinischen Ministerium für Gesundheit und Soziales als Expertin in eine Kommission zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen berufen. Am Institute for Social Studies in Den Haag absolvierte Moira Fradinger dann den Masterstudiengang „Women and Development“ und schrieb ihre Abschlussarbeit über feministische Theorie unter der Betreuung der Philosophin und feministischen Theoretikerin Rosi Braidotti.

Die Zeit in Den Haag habe ihr Leben verändert, sagt Moira Fradinger: Dort sei sie mit einer großen Vielfalt feministischer Anliegen in Berührung gekommen. Dort konnte sie mit Frauen aus 20 verschiedenen Ländern – überwiegend aus dem globalen Süden – lernen und arbeiten. Einige arbeiteten in ihren Herkunftsländern in staatlichen Einrichtungen. Durch sie habe sie die existentielle Bedeutung öffentlicher Kampagnen gegen Genitalverstümmelung verstanden und beispielsweise auch gelernt, wie Frauen in einigen muslimischen Ländern, in denen das Recht der Scharia über den weiblichen Körper bestimmt, geschützt werden können.

Die soziale Bedeutung von Geschlecht

Das Bewusstsein über die soziale Bedeutung von Geschlecht begleitet die Wissenschaftlerin seitdem kontinuierlich: „Geschlecht ist ein bestimmender Aspekt unseres Lebens, alle sind davon beeinflusst, ob positiv oder negativ.“ Gender sei eine komplexe Kategorie, die so weitreichende Folgen habe, dass man darüber in sehr viel mehr Disziplinen als nur den Gender Studies sprechen müsse. Die Wissenschaft brauche verschiedene Perspektiven auf das Phänomen: „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen den Dialog mit anderen Disziplinen führen, um eine gemeinsame Sprache zu finden. Man muss fähig sein, die eigene Terminologie zu übersetzen. Das ist nicht einfach, aber es ist der einzige Zugang zu Wissen.“

Mit diesem interdisziplinären Anspruch lenkt Moira Fradinger ihren Blick immer wieder über das Feld der Literatur hinaus. Für ihr aktuelles Buch hat sie die lateinamerikanische Rezeptionsgeschichte des griechischen Antigone-Mythos seit der Moderne untersucht. Alle Auseinandersetzungen mit dem Stoff greifen Fragmente aus dem antiken Mythos auf, thematisieren aber zugleich die Sorgen und Nöte der Menschen in der jeweiligen Zeit und des jeweiligen Landes. Die Beschäftigung mit Antigone habe ihr gezeigt, so die Wissenschaftlerin, dass Literaturwissenschaft nie losgelöst vom politischen Kontext und von Gender-Fragen betrieben werden kann. Die zahlreichen Neuschreibungen des Mythos markieren den politischen Gehalt von Literatur: So trete Antigone etwa als Symbolfigur weiblichen Widerstands in Lateinamerika auf, die es erlaube, die Untiefen der Militärdiktaturen und bewaffneten Konflikte mit Entführung, Folter und Mord im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts zu thematisieren.

„Durch Dialog Wissen hervorbringen"

Für ihre akademische Lehre ist die Wissenschaftlerin bereits vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt 2012 mit dem Sarai Ribicoff Award for the Encouragement of Teaching in Yale College. Besonders gefreut hat sie sich über das Kompliment einer Studentin: Moira Fradinger könne alles unterrichten – wie man ein Ei brate bis hin zu komplexen philosophischen Fragen. An der Freien Universität hat Fradinger in diesem Semester ein Seminar zu Gendertheorie gehalten. Ihr sei es wichtig, mit Studierenden ins Gespräch zu kommen: „Ich glaube zutiefst an die menschliche Fähigkeit, durch Dialog Wissen hervorzubringen. Ich sehe mich nicht als Dozentin, die alle Informationen besitzt und sie nur weitergibt. Jede Person im Raum weiß etwas, was ich nicht weiß.“

Die Sprache ihres Großvaters

In einem Land zu leben, dessen Sprache sie nicht beherrscht – diese Erfahrung hat Moira Fradinger seit 20 Jahren nicht mehr gemacht. Dabei ist die Forscherin weder sesshaft noch einsprachig: Sie ist in vier lateinamerikanischen Ländern aufgewachsen und spricht sechs Sprachen. Deutsch gehörte bisher nicht dazu. Ihr dreimonatiger Aufenthalt in Berlin ist deshalb auch in dieser Hinsicht eine willkommene Herausforderung: „Ich schätze mich glücklich, gezwungen zu sein, zumindest ein paar Wörter der Sprache meines Großvaters zu lernen.“

Der Österreicher hatte Europa 1914 verlassen und ein Schiff mit dem Ziel Amerika bestiegen. Der damals 18-Jährige wollte zu seinem Onkel nach New York – landete jedoch 400 Kilometer südlich von Buenos Aires. In der argentinischen Hauptstadt trafen zu Beginn des Jahrhunderts viele europäische Sprachen aufeinander, bei einer Volkszählung 1905 bestand die Mehrheit der Bevölkerung aus Auswanderern oder deren Kindern. Diese Vielfalt der Herkünfte spiegelt sich auch in Moira Fradingers Familiengeschichte wider: Ihre Vorfahren kamen neben Österreich auch aus Italien, der Schweiz und Spanien. Diese Vielfalt ist ihr Verpflichtung: Moira Fradinger bringt durch ihre Arbeit die Debatten und sozialpolitischen Fragen Lateinamerikas in einen Dialog mit den Vereinigten Staaten und Europa.

Weitere Informationen

Internationale Gastprofessur für Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin

Die Gleichstellung der Geschlechter und die Förderung der Geschlechterforschung ist seit mehr als drei Jahrzehnten im Selbstverständnis der Freien Universität verankert und deshalb auch zentraler Bestandteil ihres Zukunftskonzepts, mit dem die Universität in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder 2012 erneut erfolgreich gewesen ist.

Die Gastprofessur „Dahlem International Network Professorship for Gender Studies“ wird im Rahmen des Zukunftskonzepts seit 2013 jährlich ausgeschrieben und an eine herausragende Wissenschaftlerin oder einen herausragenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet vergeben. Die Professur unterstützt die Aktivitäten zur Verstärkung der internationalen Ausrichtung der Geschlechterforschung an der Freien Universität.

Im Wintersemester 2013/14 wurde sie mit der kanadischen Politikwissenschaftlerin und Lateinamerika-Expertin Professorin Dr. Verónica Schild von Western University London, Ontario, erstmals besetzt. Außerdem hatten die iranische Archäologin Leila Papoli Yazdi und die rumänische Gesundheitsexpertin Irina Catrinel Crăciun, die koranische Nachhaltigkeitsforscherin Pilwha Chang sowie die in Großbritannien lehrende Wirtschaftswissenschaftlerin Elisabeth Kelan die Professur inne.