„Ein Gespräch zwischen den Epochen und zwischen Wissenschaft und Praxis“

Im November jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal / Der Historiker Oliver Janz und die Historikerin Margit Wunsch Gaarmann bereiten eine internationale Tagung vor

22.06.2018

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson unterzeichnet den Friedensvertrag von Versailles am 28. Juni 1919 in der Spiegelgalerie des Schlosses von Versailles.

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson unterzeichnet den Friedensvertrag von Versailles am 28. Juni 1919 in der Spiegelgalerie des Schlosses von Versailles.
Bildquelle: Imperial War Museums, © IWM (Q 14997)

Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Seine Folgen wirken jedoch bis in die Gegenwart. Die von Historikerinnen und Historikern der Freien Universität organisierte internationale Konferenz „Frieden gewinnen“ beschäftigt sich mit der Frage, was wir 2018 von 1918 lernen können: Am 11. und 12. Oktober 2018 tauschen Expertinnen und Experten aus den Geschichts-, Politik-, und Rechtswissenschaften, der Diplomatie, der Politik und den Medien ihre Perspektiven auf die „langen Schatten“ des Krieges aus. Ein Gespräch mit den Organisatoren der Konferenz Professor Oliver Janz und Margit Wunsch Gaarmann, promovierte Historikerin, beide Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität.

Herr Professor Janz, 2014 gab es zahlreiche Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Warum ist es jetzt, gerade vier Jahre später, interessant, nochmals über den Krieg zu reden?

Oliver Janz: Vor vier Jahren stand die Kriegsschuldfrage sehr stark im Vordergrund, also die Debatte über die Ursachen des Krieges. Jetzt beschäftigen wir uns mit seinen Folgen: Mit den Friedensverhandlungen in Paris 1919 zum Beispiel oder mit den Kriegen, Bürgerkriegen und der paramilitärischen Gewalt in der Zwischenkriegszeit. Einige Folgen des Ersten Weltkriegs spüren wir bis heute, viele aktuelle Krisen haben historische Wurzeln: etwa der Konflikt um die Ukraine oder die Spannungen zwischen Russland und den Ländern in Mittelosteuropa. Und manche Entwicklungen haben zwar andere Ursachen, ähneln aber der Situation nach dem Ersten Weltkrieg sehr stark. Über diese Zusammenhänge möchten wir bei unserer Konferenz sprechen. Es soll ein Gespräch zwischen den Epochen werden.

Prof. Dr. Oliver Janz, Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften.

Prof. Dr. Oliver Janz, Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften.
Bildquelle: Privat

Dr. Margit Wunsch Gaarmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "1914-1918-online".

Dr. Margit Wunsch Gaarmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "1914-1918-online".
Bildquelle: Privat

Der Erste Weltkrieg ist also über die Jahreszahlen 1918-2018 hinaus aktuell?

Janz: Unsere Gegenwart hat starke Ähnlichkeiten mit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Während des sogenannten Kalten Krieges, von Ende der vierziger bis Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, war die Welt relativ übersichtlich und geordnet. Unsere heutige Welt ist ähnlich instabil und multipolar wie die Zwischenkriegszeit. Es gibt erstaunliche Analogien, traurige Analogien. Man denke nur an den Rückzug der USA 1919 aus dem Völkerbund und den Isolationismus, für den sich die USA gegen den Willen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson entschieden haben. Auch heute gibt es Störungen im amerikanisch-europäischen Verhältnis. In großen Teilen der Welt greifen Populismus und Demokratiefeindschaft um sich. Es gibt Tendenzen zu autoritären Regierungsformen – wie nach dem Ersten Weltkrieg. Daraus ergibt sich die Frage, wie wir verhindern können, dass die Entwicklung den gleichen Gang nimmt wie in der Zwischenkriegszeit. Denn wir wollen ja nicht erneut bei 1933 oder 1939 landen.

Warum findet die Konferenz im Auswärtigen Amt statt?

Janz: Die Konferenz geht auf eine Initiative des deutsch-französischen Ministerrats zurück. Der Ort ist ganz bewusst gewählt, weil es keine rein wissenschaftliche Konferenz werden soll. Wir bringen Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit Praktikern zusammen, aus der Diplomatie, der Politik, der Konflikt- und Krisenlösung und den Medien.

Margit Wunsch Gaarmann: Wir sprechen über den Weltkrieg als globalen Konflikt, deshalb haben wir viele Experten aus den damals betroffenen Ländern und Regionen eingeladen. Mit dem Balkan verbindet man beispielsweise sowohl den Ersten Weltkrieg als auch die Kriege der 1990er Jahre, die bis heute in den Gesellschaften der betroffenen Länder nachwirken. Zu dieser Region wird die Mediatorin Engjellushe Morina von der Berghof Stiftung ihre Erfahrungen bei der Vermittlung zwischen Serbien und Kosovo nach dem Kosovokrieg einbringen. Aus der Verbindung ihrer aktuellen, sehr praktischen Perspektive mit der historischen Sicht wird deutlich, dass uns heute andere Mechanismen zur Verfügung stehen, um Dialog zu vermitteln. Und trotzdem gelingt es der internationalen Gemeinschaft selten, langfristig Frieden zu stiften. Der Titel der Konferenz „Frieden gewinnen“ soll zum Nachdenken darüber anregen, wie wir bei der Vermittlung von Frieden die große Chance nutzen können, Konflikte zu beseitigen und welche Instrumente der internationalen Gemeinschaft dabei zur Verfügung stehen.

Eine grafische Aufzeichnung einer Tonbandaufnahme am 11. November 1918 an der Westfront: Am Anfang schweres Artilleriegefecht, dann ein harter Schnitt der Waffenruhe.

Eine grafische Aufzeichnung einer Tonbandaufnahme am 11. November 1918 an der Westfront: Am Anfang schweres Artilleriegefecht, dann ein harter Schnitt der Waffenruhe.
Bildquelle: Crowell, Benedict: America's munitions 1917-1918, report, p.1, Washington 1919, Internet Archive

Bis Oktober ist es noch etwas Zeit, aber können Sie schon weitere Vortragende der Konferenz nennen?

Janz: Die beiden Autoren der wichtigsten Veröffentlichungen zum Ende des Ersten Weltkriegs werden dabei sein: Jörn Leonhard von der Universität Freiburg und Robert Gerwarth vom University College Dublin.

Wunsch Gaarmann: Eröffnet wird die Konferenz durch den deutschen und den französischen Außenminister, Heiko Maas und Jean-Yves Le Drian. Der ehemalige schwedische Ministerpräsident Carl Bildt wird als Hauptredner weitere Schwerpunkte setzen. Er war der erste Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina und später Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für den Balkan. Auf seinen Vortrag bin ich sehr gespannt, weil er die Perspektive einbringt, welche Rolle internationale Institutionen in einer globalen Weltordnung haben können.

Janz: Manche Themen werden das deutsche Publikum vielleicht auch überraschen. Die wenigsten wissen wahrscheinlich, dass der Erste Weltkrieg, vor allem die Schlacht von Gallipolli, in Australien ein nationaler Gründungsmythos ist. Über solche Erinnerungskulturen, die notwendigerweise von der deutschen Erinnerungskultur abweichen, werden wir unter anderem mit Professor Joan Beaumont von der Australian National University sprechen.

Die Konferenz richtet sich also auch an ein breites Publikum?

Wunsch Gaarmann: Unsere Fragen sind für Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen interessant, und wir würden uns freuen, wenn auch Studierende oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Organisationen und Think Tanks teilnehmen würden. Auf unserer Website zur Konferenz werden wir vorab eine Podcast-Reihe anbieten, in der zehn Konferenzbeteiligte über einige Themen, Regionen und Fragestellungen erzählen und welche Perspektive sie auf das Thema haben. Bei Instagram und Twitter werden wir die Friedensverhandlungen 1919 in Paris als Startpunkt nehmen und uns die Folgen des Krieges für das gesamte 20. und 21. Jahrhundert anschauen. Von der Konferenz selbst werden wir übrigens auch live twittern. Alle, die es nicht nach Berlin schaffen, können also virtuell teilnehmen.

Die Fragen stellte Stefanie Hardick

Weitere Informationen

Frieden gewinnen - Das Ende des Ersten Weltkriegs zwischen Geschichte, Erinnerung und gegenwärtigen Herausforderungen

  • Tagung am 11. und 12. Oktober 2018 im Weltsaal des Auswärtigen Amts, Werderscher Markt 1, 10117 Berlin
  • Empfang am 11. Oktober, 19 Uhr, im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums
  • Informationen und Registrierung unter: http://win-peace-conference.berlin

Die Konferenz wird organisiert von der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französischen Institut für Geschichts- und Sozialwissenschaften in Frankfurt, dem Deutschen Historischen Museum, dem Centre Marc Bloch, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Fondation Jean Jaurès und Herrn Markus Meckel. Sie steht unter der Schirmherrschaft des Auswärtigen Amts, des Französischen Außenministeriums und der Mission du Centenaire de la Première Guerre mondiale.

Pressemitteilung der Freien Universität Berlin

https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2018/fup_18_205-frieden-gewinnen/index.html