Schützt vor Cybermobbing: ein starkes Ich und Medienkompetenz

Studierende der Grundschulpädagogik lernen, analoge und digitale Medien zu verbinden, um Schülerinnen und Schüler künftig vor Mobbing im Netz schützen zu können

15.01.2018

Grundschulpädagogikprofessorin Petra Anders (l.) und Theaterpädagogin Anna-Sophia Fritsche vom Berliner GRIPS-Theater.

Grundschulpädagogikprofessorin Petra Anders (l.) und Theaterpädagogin Anna-Sophia Fritsche vom Berliner GRIPS-Theater.
Bildquelle: Nora Lessing

Zur Bildung in der digital geprägten Welt gehört es, über Medien reflektieren zu können – das Thema Cybermobbing gehört dazu. Rund 30 Studierende der Grundschulpädagogik gingen mithilfe des GRIPS-Theaterstücks „Alle_außer_das_Einhorn“ Mechanismen von Mobbing im Netz auf den Grund – und entwickelten als Antwort digitale Lernumgebungen, die sie im Schulunterricht zukünftig einsetzen können. Unterstützt wurden sie dabei von der Theaterpädagogin Anna-Sophia Fritsche vom Berliner GRIPS-Theater, die zu Gast im Seminar „Digital lesen und gestalten“ bei Petra Anders war, Professorin für Grundschulpädagogik/Didaktik Deutsch/Deutsch als Zweitsprache an der Freien Universität.

Rund ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland geben laut einer aktuellen Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing an, schon einmal gemobbt worden zu sein. In 13 Prozent der Fälle erfolgten die Attacken über das Internet: durch Beleidigungen, üble Nachrede – oder indem private Bilder ins Netz gestellt wurden. Die Folgen bei den Opfern sind gravierend, sie reichen von Angstattacken und sozialem Rückzug bis hin zu Suizidgedanken. Wie Cybermobbing abläuft, wer Täter ist und wer Opfer, und welche Konsequenzen das zerstörerisch wirkende Verhalten haben kann, wird in dem Stück „Alle_außer_das_Einhorn“ des Berliner GRIPS-Theaters verhandelt, mit dem sich Studierende der Grundschulpädagogik im Rahmen ihres Studiums an der Freien Universität auseinandergesetzt haben.

Nach der Theateraufführung diskutierten die Lehramtsstudierenden im Seminar über Cybermobbing.

Nach der Theateraufführung diskutierten die Lehramtsstudierenden im Seminar über Cybermobbing.
Bildquelle: Nora Lessing

Die Vor- und Nachbereitung des Theaterstückes fand im Rahmen des Seminars „Digital lesen und gestalten“ bei Petra Anders statt, mit dem die Wissenschaftlerin angehende Grundschullehrkräfte auf das Unterrichten in einer zunehmend digitalisierten Welt vorbereitet. Dass das Digitale – Lern-Apps, Internet-Foren, Chatprogramme – schon im Studium thematisiert werden sollte, hob eine Seminarteilnehmerin hervor: „Ich bin bereits im Master und hatte bisher keine Möglichkeit, an einer mediendidaktischen Veranstaltung teilzunehmen.”

Petra Anders weiß, wie wichtig es ist, frühzeitig Medienkompetenz zu vermitteln und die verschiedenen Formen des digitalen Informationsaustausches dabei auch kritisch zu hinterfragen. „Der Gedanke, dass Digitalität eine Gegenwelt zur realen sei, ist noch immer weit verbreitet. Für viele Kinder ist Digitalität aber längst eine Lebenswirklichkeit, auf die die Schule reagieren sollte – auch, um Kinder zu schützen.“

Was unterscheidet Cybermobbing von Mobbing?

Mit eben jener Lebenswirklichkeit setzten sich die Studierenden unter anderem im Rahmen des Besuches von Theaterpädagogin Anna-Sophia Fritsche im Seminar auseinander. Gemeinsam überlegten sie: „Was macht Cybermobbing aus?“, „Ist Cybermobbing strafbar?“ oder „Was können Anlässe und Auslöser für Cybermobbing sein?“. „Das Besondere bei Cybermobbing im Gegensatz zu Mobbing in der realen Welt ist, dass man gemobbt werden kann, ohne es mitzubekommen“, fasste eine Studentin zusammen. Die schnelle Verbreitungsmöglichkeit im Netz, die Tatsache, dass Inhalte schwer zu löschen seien und Täter zumindest scheinbar anonym agieren könnten, sahen die Studierenden als Besonderheiten des Cybermobbings.

„In meiner Klasse gibt es kein Cybermobbing“, sei eine häufige Schutzbehauptung von Lehrkräften, sagte Anna-Sophia Fritsche. Tatsächlich sei Mobbing weit verbreitet und mache vor fast keinem Klassenzimmer Halt – auch wenn die Lehrerinnen und Lehrer davon oftmals nichts mitbekämen. „Prävention halte ich für das Einzige, das hilft“, bekräftigte eine Studentin. Sie fügte hinzu: „Sobald man in der Schule beginnt, im Computerraum zu unterrichten, muss man sich auch mit Cybermobbing beschäftigen. Man muss Schülern die Rechtslage und die Konsequenzen aufzeigen.“ Ihrer Ansicht nach finde die digitale Aufklärung an den Schulen derzeit viel zu spät statt. Deshalb plädierte sie dafür, dass das Theaterstück „Alle_außer_das_Einhorn“ nicht erst für Schüler ab elf Jahren zugelassen sein sollte, sondern auch für Jüngere. „Zur Medienkompetenz gehört Reflexion. Man hat als Lehrkraft keine Ausrede, das nicht zu thematisieren.“

Theater als Gesprächsangebot

„Wenn man Theater als Methode begreift, wird das Theaterstück zum Stoff, um sich eine eigene Meinung zu bilden“, sagte Anna-Sophia Fritsche. Häufig fühlten sich Lehrkräfte nicht kompetent in Hinblick auf den Theaterbesuch, weil sie befürchteten, zu wenig von Theater zu verstehen – Zweifel, die sich leicht zerstreuen ließen, sagte die Theaterpädagogin: Jeder könne über Theater nachdenken und sich eine Meinung dazu bilden. „ Jeder sieht etwas anderes. Wichtig ist nur, offen zu bleiben. Beziehen Sie den Theaterbesuch und das Nachdenken und Sprechen darüber selbstbewusst in den Unterricht ein.“

Nach dem Besuch der Aufführung erarbeiteten die Studierenden Strategien, um das Gesehene für den Unterricht mit digitalen Medien aufzubereiten. Dazu gehörten etwa Arbeitsaufträge für fiktive Schülerinnen und Schüler: Sie sollten Parallelhandlungen zum Theaterstück in der App „Storycreator“ schreiben, den Einsatz von Emoticons reflektieren oder eine Klassenwebseite zum Thema „Mein Internet“ entwickeln. Mithilfe des Programms „Tellagami“ gestalteten die Studierenden einen Avatar, aus dessen Perspektive Schülerinnen und Schüler über Erfahrungen und Gründe für Cybermobbing sprechen können.

Kooperation mit dem GRIPS-Theater soll langfristig in die Ausbildung integriert werden

Petra Anders zeigte sich mit dem Ergebnis der Kooperation mit dem GRIPS-Theater zufrieden: „Die Studierenden haben erfahren, dass das Thema Cybermobbing höchst komplex ist. Sie kennen nun Möglichkeiten, analog oder digital über das Thema Cybermobbing zu schreiben und zu sprechen. Als angehende Lehrkraft können sie zukünftig begründeter entscheiden, in welche Richtung sie ihren eigenen Unterricht gestalten möchten“, resümierte die Wissenschaftlerin. Die Kooperation mit dem GRIPS-Theater erweise sich nun schon zum zweiten Mal als sehr gewinnbringend, und es sei geplant, diese langfristig in die Ausbildung von Lehrkräften an der Freien Universität zu integrieren, so die Professorin.