„Wir wollen feiern, dass wir zusammengehören“

25. März: Studierende des Masterstudiengangs Europawissenschaften der Freien Universität und der Technischen Universität organisieren große pro-europäische Demonstration

16.03.2017

Für Europa auf die Straße gingen auch diese Frauen 2015 im griechischen Athen. Anlass war das Referendum zur Staatsschuldenkrise.

Für Europa auf die Straße gingen auch diese Frauen 2015 im griechischen Athen. Anlass war das Referendum zur Staatsschuldenkrise.
Bildquelle: Tatakis / iStock

Am 25. März werden die Römischen Verträge 60 Jahre alt. Die Dokumente bildeten die Grundlage für die Europäischen Gemeinschaften, aus denen sich später die Europäische Union entwickelt hat. 60 Jahre nach der Vertragsunterzeichnung hat allerdings in vielen europäischen Staaten die Begeisterung für das gemeinsame Projekt nachgelassen: Die Kritik an der Union wird immer größer. Studierende der Freien Universität wollen dieser Entwicklung etwas entgegensetzen und haben für den 25. März zu einer großen internationalen Demonstration aufgerufen. In vielen europäischen Städten soll an diesem Tag der „March for Europe“ stattfinden. Campus.leben sprach mit Natalie Barth und Jenny Paul vom Organisations-Team der Demo. Beide Studentinnen absolvieren den von der Freien Universität und der Technischen Universität gemeinsam angebotenen Postgraduierten-Studiengang Europawissenschaften.

Frau Barth, Frau Paul, warum braucht es einen „March for Europe“?

Jenny Paul: Als wir im vergangenen Oktober angefangen haben, Europawissenschaften zu studieren, hat Gregor Gysi in einem Vortrag beklagt, dass es doch nicht sein könne, dass er mit über 60 Jahren noch auf die Straße gehe, um für seine Rechte einzutreten, aber wir jungen Leute dies nicht mehr täten. Das hat uns nachdenklich gemacht – und wir fanden, dass er recht hat. Wir haben uns also gefragt: Wieso demonstrieren wir nicht mehr? Anlässe gibt es schließlich genug. 2016 war ein so schlechtes Jahr für Europa, dem wir etwas Positives entgegensetzen wollen. Wir möchten für etwas auf die Straße gehen und nicht gegen etwas. Wir wollen zeigen: „Es gibt sie noch, die Bürger Europas, hier sind sie!“

Natalie Barth: Man sieht an der Arbeit verschiedener pro-europäischer Bewegungen, dass das Interesse an Europa vorhanden ist: Da geht noch was. Auch in der Politik der vergangenen Wochen lässt sich ein Wechsel beobachten. Vor ein paar Tagen ist beispielsweise das „Weißbuch zur Zukunft Europas“ vorgestellt worden. Ich glaube, dass der 60. Jahrestag der Römischen Verträge ein Anlass ist, neu nachzudenken und eine Vision für Europa zu entwickeln.

Ist Europa zu einem Elitenprojekt für Besserverdiener und junge Akademiker geworden?

Paul: Wir glauben, dass Europa allen Menschen guttut. Natürlich sind Studenten eine Gruppe, die besonders davon profitiert: Sie reisen viel und können etwa extra für sie eingerichtete Programme wie Erasmus nutzen. Aber es gibt auch europäische Sozialstandards, Gesundheitsstandards, die in Brüssel festgelegt werden und allen Menschen zugutekommen.

Barth: Was oft vergessen wird, ist der Frieden, den die Europäische Union gebracht hat: Es hat in keinem EU-Mitgliedsstaat nach dessen EU-Beitritt je wieder Krieg gegeben. Wir sind als Europäer gemeinsam stärker und friedlicher.

Wie wollen Sie die Menschen wieder für Europa gewinnen?

Barth: Wir haben uns in dem halben Jahr, indem wir jetzt Europawissenschaften studieren, oft die Augen gerieben, welche tollen Möglichkeiten die Europäische Union bietet. Das zeigt aber auch, dass die EU ein Kommunikationsproblem hat, wenn man erst studieren muss, um die großen Vorteile zu erkennen. Es geht uns darum, den Bürgern die Vorteile von Europa besser zu erklären – und ihnen zu zeigen, dass Wahlen, an denen sie teilnehmen, wirklich etwas bewirken. Bei der Europawahl 2014 wurden erstmals Spitzenkandidaten aufgestellt – Jean-Claude Juncker für die Europäische Volkspartei, also die Christdemokraten, und Martin Schulz für die Sozialdemokraten. Nach der Wahl sollte der Spitzenkandidat der stärksten Fraktion Kommissionspräsident werden. Es ist den Menschen allerdings nur schwer zu vermitteln, dass nach der Wahl nicht nur Jean-Claude Juncker das Amt des Kommissionspräsidenten übernommen hat, sondern der unterlegene Kandidat ebenfalls einen wichtigen Posten innerhalb der EU bekam: Martin Schulz – inzwischen Kanzlerkandidat der SPD in Deutschland – wurde damals erneut zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt.

Was sind die Forderungen Ihrer Demonstration?

Paul: Wir sind alle für Europa. Es gibt unterschiedliche Meinungen, wie es aussehen soll, aber wir glauben alle an die Europäische Union und sind uns einig, dass sich etwas verändern muss. Wir haben einen Aufruf formuliert und versucht darüber einen Minimalkonsens zu finden.

Wie sieht dieser Minimalkonsens aus?

Barth: Wir sind für ein freies, offenes und soziales Europa und gegen die Rückkehr zu Nationalismus und Abschottung. Damit grenzen wir uns deutlich von Rechtspopulisten ab. Außerdem sehen wir Defizite in demokratischer Hinsicht: Es gibt noch Verbesserungsbedarf in Bezug auf die Teilhabe der Bürger. Seit dem Vertrag von Lissabon gibt es die Europäische Bürgerinitiative. Wenn es gelingt, eine Million Unterschriften aus mindestens sieben verschiedenen EU-Mitgliedstaaten zu einem Anliegen zu sammeln, muss sich die Europäische Kommission damit befassen. Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn wir finden, dass da noch mehr gemacht werden kann.

Der „March for Europe“ findet parallel in vielen europäischen Städten statt – wie ist das Netzwerk dafür entstanden?

Paul: Es gibt viele pro-europäische Organisationen in Berlin, die alle irgendwie Aktionen zum Thema „60 Jahre Römische Verträge“ geplant hatten. Wir wollten all diese zusammenbringen, um eine gemeinsame, große Aktion zu starten. Das Netzwerk ist entstanden als eine Mischung aus Privatkontakten, die wir teilweise noch von unseren eigenen Auslandsaufenthalten hatten und Organisationen, die wir angefragt haben.

Was erwartet die Teilnehmer beim „March for Europe“ am 25. März?

Paul: Die Demonstration läuft parallel in verschiedenen europäischen Städten, in Berlin trifft man sich um 11.45 Uhr am Bebelplatz in Mitte. Um 12 Uhr setzt sich der Zug über die Straße „Unter den Linden“ in Richtung Pariser Platz in Bewegung. Dort wird eine Kundgebung stattfinden. Wir wollen den „March for Europe“ aber nicht wie eine klassische Demo gestalten, sondern etwas bunter. Wir wollen feiern, dass wir zusammengehören und dass es cool ist, pro-europäisch zu sein. Zu viel wollen wir aber nicht verraten, ein bisschen Überraschung soll ja auch dabei sein.

Barth: Eine Aktion ist aber kein Geheimnis: Es ist geplant, eine große Mauer aus Pappkartons zu bauen, die dann im Laufe der Demo zerstört werden soll als Symbol dafür, dass Europa Mauern einreißen kann. Wer also Pappkartons mitbringen will, egal welcher Größe, kann das gerne tun.

Die Fragen stellte Manuel Krane

Weitere Informationen

Der „March for Europe Berlin“ findet am Samstag, den 25. März 2017 statt. Um 11.45 Uhr treffen die Teilnehmer am Bebelplatz ein, von dort geht es ab 12 Uhr über die Straße „Unter den Linden“ Richtung Brandenburger Tor. Am Pariser Platz findet anschließend die Demo-Kundgebung statt. Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite von „March for Europe Berlin“: https://www.facebook.com/MarchforEuropeBerlin/