Turmbau - autoritär oder partizipativ?

Studierende am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft lernen in einem Forschungsseminar unterschiedliche Führungsstile kennen

23.08.2017

Studierende mit einem der drei Türme, die während des Seminars gebaut worden sind.

Studierende mit einem der drei Türme, die während des Seminars gebaut worden sind.
Bildquelle: Manuel Krane

Im Clubhaus der Freien Universität stehen drei Türme: Der erste ist quaderförmig und hoch gebaut. Über zwei Meter misst das rote Gebilde, das dreimal so groß ist wie die beiden anderen Bauwerke. Der zweite Turm, in grün gehalten, ist wesentlich kleiner. Die Pappstreifen, aus denen er konstruiert ist, sind zu Kreisen geformt und miteinander verwoben – das soll ihn besonders robust gegenüber Wind und Erderschütterungen machen. Der letzte Turm, aus blauer Pappe, wirkt eher notdürftig zusammengezimmert: Die Säulen sind krumm und schief, wahllos verwendete Klebestreifen stören die Optik. Wer jetzt an ein Architekturseminar denkt, täuscht sich: Die drei Türme wurden von Studierenden des Bachelorstudiengangs Betriebswirtschaftslehre und je einem Wissenschaftler gebaut.

Alle drei Gruppen hatten für die Turmkonstruktion das gleiche Werkzeug und die gleiche Anzahl an Pappen zur Verfügung. Einen Unterschied gab es allerdings in der Arbeitsorganisation: Denn die jeweiligen Gruppenleiter verfolgten unterschiedliche Führungsstile. In der Gruppe, die den roten Turm baute, führte Carolin Auschra, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Management-Departement, ihre Gruppe mit strenger Hand: Sie setzte den Studierenden einen Bauplan vor und teilte ihnen verschiedene Arbeitsaufgaben zu. Durch die hierarchische Struktur entstand eine Mini-Manufaktur, die schnelles Arbeiten ermöglichte. Widersprüche wurden nicht gelduldet, Störungen sofort geahndet.

In der Gruppe, die den grünen Turm baute, herrschte ein anderer Führungsstil: Jörg Sydow, Professor für Unternehmenskooperation am Management-Department, leitete das Team partizipativ. Das heißt, er setzte auf die Mitarbeit der Studierenden, zeigte sich offen für neue Ideen und verhielt sich kooperativ. Als Gruppenleiter zeigte sich Sydow interessiert an einem guten Ergebnis, schließlich standen die Turmbau-Gruppen im Wettbewerb miteinander. In der Gruppe, die den blauen Turm bauen sollte, schien Timo Braun, Junior-Professor für Projektmanagement, das Ergebnis egal zu sein: Er praktizierte einen Laissez-faire-Stil und ließ die Studierenden machen, ohne einzugreifen. Er motivierte sie nicht und nahm hin, dass der Turm, der gebaut wurde, weder filigran war noch stabil.

Professor Jörg Sydow leitete das Seminar.

Professor Jörg Sydow leitete das Seminar.
Bildquelle: Manuel Krane

Dass die unterschiedlichen Ergebnisse im Turmbau das Ergebnis unterschiedlicher Führung sind, erfuhren die Studierenden erst in der Nachbesprechung: Im Vorfeld waren sie nur angewiesen worden, sich einer Gruppe zuzuordnen. „Diesem Forschungsseminar liegt ein völlig anderes didaktisches Konzept zugrunde als klassischen Vorlesungen oder Seminaren“, erläuterte Jörg Sydow das Konzept „Erfahrungsbasiertes Lernen“. „Grundlegend ist, dass man es erst einmal selbst erfährt – und es nicht nur auf dem Papier lernt.“ Die Führungskonzepte, die hinter der Übung stehen, hatten die Studierenden zum Teil zwar schon im Vorfeld kennengelernt – wie es ist, sie umzusetzen und zu erleben, erfahren sie aber erst in der Übung. In einer Abschlussbesprechung zu dieser Übung wird schließlich das Rätsel um die unterschiedlichen Führungsstile aufgelöst und deren Vor- und Nachteile besprochen und darauf verwiesen, dass es sich um ein klassisches Experiment des deutschen, 1933 in die USA emigrierten Kurt Lewin handelt, der die experimentelle Sozialpsychologie begründet hat.

Dass das Laissez-faire-Modell nicht erfolgsversprechend ist, darüber sind sich alle schnell einig. Beim partizipatorischen und autoritären Führungsstil gibt es dagegen unterschiedliche Meinungen: Ein kurzfristig gutes Ergebnis könne sich schließlich langfristig negativ auf die Mitarbeiterzufriedenheit auswirken, sagten einige Teilnehmer – und verwiesen auf ein ihnen bekanntes Beispiel aus der Praxis der unternehmensübergreifeden Zusammenarbeit: Weil sich einige Zulieferer von Volkswagen wegen einer kurzfristig gekündigten Entwicklungs­kooperation im Stich gelassen fühlten, verhängten sie im vergangenen Jahr kurzerhand einen Lieferstopp – mit der Konsequenz, dass in dem Wolfsburger Unternehmen die Bänder stillstanden. Mit einem partizipativen Führungsstil, so die Meinung einiger Teilnehmer, wäre dies nicht passiert.

Sebastian Stahn war besonders angetan von der entspannten Arbeitsatmosphäre im Clubhaus, weit weg von Hörsälen und Seminarräumen. Früher hätten sie solche Praxisseminare öfter veranstaltet, erklärt Jörg Sydow, oft sei man dafür an einem Wochenende nach Brandenburg hinausgefahren. Mit der Einführung des Bachelorsystems sei ein solches Angebot aber immer schwerer im Studienplan zu verankern gewesen. Mit der Konzentration auf vier längere, halbtägige Einheiten soll die alte Tradition jetzt wiederbelebt werden. Bei den Studierenden kam das etwas andere Seminar jedenfalls gut an. „Das schärft den Blick und zeigt, wie es in der Praxis funktioniert“, sagte Stahn.