Zu Wahlzeiten besonders gefragt

Der Parteienforscher Oskar Niedermayer verabschiedet sich in den Ruhestand

26.07.2017

Parteienforscher Oskar Niedermayer bei seiner Abschiedsvorlesung.

Parteienforscher Oskar Niedermayer bei seiner Abschiedsvorlesung.
Bildquelle: Manuel Krane

15 bis 20 Interviews gibt Oskar Niedermayer eigenen Angaben zufolge zu Wahlzeiten jede Woche. Rechnet man diesen Wert auf die fast 25 Jahre hoch, die der Politikwissenschaftler am Otto-Suhr-Institut (OSI) gelehrt und geforscht hat, ergibt das eine stattliche Gesamtzahl.

Zum Ende des Sommersemesters hat der Wissenschaftler anlässlich seines Eintritts in den Ruhestand eine Abschiedsvorlesung gehalten. Dabei präsentierte er auch seine neue Studie, die sich mit der aktuellen Mitgliederentwicklung der deutschen Parteien befasst. Niedermayers Befund: In den vergangenen 25 Jahren haben sich die Mitgliederzahlen fast halbiert. Als Parteienforscher waren und sind Niedermayers Einschätzungen gerade im Umfeld von Wahlen besonders gefragt. „Sie sind auf diesem Gebiet einer der renommiertesten Experten und kennen die Mitgliederzahlen der Parteien wahrscheinlich besser als deren Kassenwarte“, würdigte der geschäftsführende Direktor des OSI Bernd Ladwig Niedermayers Verdienste. Zu Niedermayers Verabschiedung war auch sein Doktorvater gekommen, der mittlerweile 82-jährige Politikwissenschaftler Max Kaase.

In seiner Abschiedsvorlesung thematisierte der Parteienforscher Niedermayer die Auswirkungen, die die Wahl des US-Präsidenten Donald Trump und die Ernennung des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz auf die Mitgliederentwicklung in den deutschen Parteien hatten. Nach Trumps Wahl seien im November die Zahlen der Parteieintritte bei Linken, SPD und Grünen im Vergleich zu den Vormonaten zwar gestiegen, insgesamt seien die Mitgliederzahlen im Jahr 2016 aber bei den meisten Parteien gesunken. Ungleich höher sei die Zahl der Parteieintritte in die SPD nach der Nominierung des Kanzlerkandidaten Martin Schulz im Januar 2017 gewesen. Zwar sei sie in den vergangenen Monaten dieses Jahres wieder zurückgegangen, sie liege aber immer noch über dem Durchschnitt. „Es könnte also sein, dass der Abwärtstrend dieses Jahr gestoppt wird“, sagte Niedermayer mit Blick auf die Mitgliederentwicklung bei der SPD.

Positiver Blick auf Zeit in Berlin

Zum Sommersemester 1993 war Oskar Niedermayer an das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität berufen worden, zuvor hatte er an den Universitäten Mannheim, Konstanz und Heidelberg gelehrt und war mehrere Jahre Direktor des Zentrums für europäische Umfrageanalysen und Studien (ZEUS) gewesen. Auf seine Zeit in Berlin blickt er positiv zurück. „Ich habe meine eigene Situation hier immer als privilegiert angesehen und blicke nur auf gute Erfahrungen zurück“, sagt Niedermayer. Auch mit den Studierenden sei er immer gut ausgekommen – selbst mit denen, die vor einigen Jahren das OSI besetzt hatten: Niedermayer hatte noch wichtige Unterlagen in dem Gebäude, das mit schweren Ketten von außen verriegelt war. Er verhandelte damals mit den Studierenden und durfte kurzerhand doch ins besetzte Gebäude, um seine Sachen zu holen.

Einzige Änderung: Wegfall von Lehrveranstaltungen

Oskar Niedermayers Team ehrte den scheidenden Wissenschaftler mit einer Festschrift mit Beiträgen vieler namhafter Wissenschaftler wie Elmar Wiesendahl, Ulrich von Alemann und Lothar Probst. Die Vorbereitungen dazu hatte Niedermayers wissenschaftlicher Mitarbeiter Carsten Koschmieder bis zur Abschiedsvorlesung geheim halten wollen – vergeblich. „Dass Sie tatsächlich geglaubt haben, dass Ihnen das gelingen könnte, zeugt von Ihrer Jugendlichkeit“, kommentierte Niedermayer.

Dem OSI will der Politikwissenschaftler auch im Ruhestand verbunden bleiben – ohnehin ist die einzige auffällige Veränderung in seinem Terminkalender ab Oktober der Wegfall von Lehrveranstaltungen: Niedermayer hat bereits mehreren Fachzeitschriften wissenschaftliche Artikel zugesagt, ein neuer Buchvertrag steht in Aussicht, und Journalistinnen und Journalisten steht der Parteienforscher vor der Bundestagswahl sowieso zur Verfügung. „Da ändert sich eigentlich nur, dass die jetzt meine Privat- statt meiner Dienstnummer anrufen müssen“, sagt Niedermayer.