„Ich musste Fragen beantworten, die ich mir selbst nie gestellt hatte“

10. Juli, 19 Uhr: Studierende stellen ihre Texte vor, an denen sie im Autorenkolleg mit Ilma Rakusa, Gastprofessorin für deutschsprachige Poetik der Stiftung Preußische Seehandlung an der Freien Universität, gearbeitet haben

06.07.2017

Literaturwissenschaftsstudentin Patrizia Rey hat an Ilma Rakusas Autorenkolleg teilgenommen. Heute Abend, am 10. Juli um 19 Uhr, stellen die Studierenden die Texte vor, die sie mit der Schriftstellerin erarbeitet haben.

Literaturwissenschaftsstudentin Patrizia Rey hat an Ilma Rakusas Autorenkolleg teilgenommen. Heute Abend, am 10. Juli um 19 Uhr, stellen die Studierenden die Texte vor, die sie mit der Schriftstellerin erarbeitet haben.
Bildquelle: Nora Lessing

Ihre Biografie könnte multikultureller kaum sein: Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin Ilma Rakusa – als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen in der Slowakei zur Welt gekommen – lebte unter anderem in Zürich, in Paris und in Leningrad. Sie ist diesjährige Berliner Literaturpreisträgerin der Stiftung Preußische Seehandlung. Zu der damit verbundenen Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität gehört traditionell ein Autorenkolleg, das die Schriftstellerin mit dem Titel „Schreiben – zwischen Dringlichkeit und Handwerk" überschrieben hatte und in dem sie mit Studierenden deren Texte diskutierte. Patrizia Rey, Studentin der Allgemeinen Literaturwissenschaft und Philosophie im 2. Semester, hat daran teilgenommen – und viel gelernt.

Frau Rey, worin bestanden die Anforderungen und Inhalte des Kollegs?

Wir haben im Vorfeld Leseproben unserer eigenen Texte eingeschickt, die wir dann im Rahmen von Blockseminaren gemeinsam mit Ilma Rakusa besprochen haben. Inhaltlich und stilistisch konnte das alles sein – von Lyrik über Kurzgeschichten bis hin zu Texten, die sich nicht direkt einem Genre zuordnen lassen. Thema des Kurses war das Schreiben allgemein. Viele schreiben zum Beispiel in ganz bestimmten Situationen oder zu ganz bestimmten Tageszeiten, auch das wollten wir gemeinsam reflektieren. Nach den ersten Terminen haben wir uns auf das Thema „Rauch“ geeinigt, zu dem jeder etwas verfasst hat. Dann haben wir die Texte anonym in der Gruppe besprochen und versucht, sie den jeweiligen Autoren zuzuordnen. Es ging also darum, ob man den speziellen Schreibstil der anderen wiedererkennt.

Was hat Ihnen am Autorenkolleg am besten gefallen?

Es war sehr persönlich, man bekam ehrliches Feedback von Leuten, die einen nicht kennen. Außerdem haben wir uns viel Zeit für die Texte genommen: Meine wurden länger als eine Stunde besprochen. Ich habe schon immer viel geschrieben und meine Texte auch manchmal Freunden gezeigt, aber es ist natürlich eine ganz andere Erfahrung, wenn man einmal die Meinung einer Autorin dazu hören kann – also von jemandem, der besser einschätzen kann, wie viel Potenzial im eigenen Schreiben steckt und ob es mehr als ein Hobby sein könnte.

Was ich schreibe, hat keinen Handlungsbogen, es ist eher abstrakt und philosophisch. Ich weiß nicht, in welche Kategorie man das stecken könnte. Für mich persönlich war es toll zu erfahren, dass es Menschen gibt, die sich dafür interessieren. Außerdem entdecken Fremde Dinge im eigenen Text, die man gar nicht bewusst hineingepackt hat. Da muss man teilweise Fragen beantworten, die man sich selbst nie gestellt hat. Besonders gut gefallen hat mir die Art von Frau Rakusa, sich die Sachen voller Neugier und wirklich genau und interessiert anzuschauen. Sie hat uns total ernst genommen und hat eine unglaubliche Ruhe, das Kolleg fand wirklich auf Augenhöhe statt.

Was hat Sie am Autorenkolleg überrascht, und was nehmen Sie mit?

Es gab diese tollen Momente, in denen sich alle einig waren. Dadurch entsteht eine Verbundenheit, und man ist richtig stolz aufeinander. Aber viel interessanter ist es natürlich, wenn man sich überhaupt nicht einig ist. Da gibt es Diskussionen über Textstellen, die dem einem gar nicht gefallen und die er rausstreichen würde, und dann meldet sich jemand anderes und sagt, dass sie oder er gerade diese Passage für die beste hält. Solche Diskussionen sind sehr persönlich und mich hat positiv überrascht, mit wie viel Leidenschaft und mit wie wenig akademischer Zurückhaltung wir miteinander gesprochen haben. Wir haben die Bereitschaft entwickelt, Dinge von uns zu zeigen, und den Mut, unser Innerstes offenzulegen. Vor dem Kolleg hatte ich eher das Gefühl – und vielleicht auch die Sorge –, es gäbe eine feste Vorstellung davon, welche Form gute Literatur haben muss. Danach habe ich gesehen, dass es immer etwas gibt, was anderen gefällt und dass die Meinungen da sehr auseinandergehen können. Jetzt bin ich viel motivierter als vorher, das Schreiben ernst zu nehmen und weiterzumachen.

Am 10. Juli präsentieren Sie Ihre Texte. Worauf können sich Interessierte einstellen?

Der Termin soll hauptsächlich eine Lesung in ungezwungener Atmosphäre sein, bei der die Teilnehmenden des Kollegs ihre Texte präsentieren. Im Fokus stehen aller Voraussicht nach die „Rauch“-Texte, die wir gerade geschrieben haben. Stilistisch wird das bunt gemischt sein – Prosa, Lyrik, Mischformen, sehr Abstraktes, Stimmungen. Da wird für jeden etwas dabei sein.

Die Fragen stellte Nora Lessing

Weitere Informationen

Abschlussveranstaltung des Autorenkollegs mit Ilma Rakusa 

  • Montag, 10. Juli 2017, 19 Uhr
  • Frollein Langner, Weisestraße 34, 12049 Berlin
  • Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich
  • Veranstaltungssprache ist Deutsch

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