Entschleunigung bei Proust, Beschleunigung bei Musil

Die Schweizer Schriftstellerin Ilma Rakusa hat ihre Antrittsvorlesung an der Freien Universität als Gastprofessorin für deutschsprachige Poetik gehalten

24.05.2017

Die Schweizer Schriftstellerin Ilma Rakusa (2. v. r.) gab mit ihrer Antrittsvorlesung als Gastprofessorin für deutschsprachige Poetik Einblicke in ihr künstlicherisches Universum.

Die Schweizer Schriftstellerin Ilma Rakusa (2. v. r.) gab mit ihrer Antrittsvorlesung als Gastprofessorin für deutschsprachige Poetik Einblicke in ihr künstlicherisches Universum.
Bildquelle: Catarina von Wedemeyer

Das Wortkunstwerk hat seine eigene Zeit. Die Sprache von Romanen ist langsamer als die der elektronischen Medien – andererseits antizipieren literarische Texte oft eine Zukunft und sind damit der Gegenwart voraus. „Die Geschwindigkeiten der Literatur – Sondierungen auf dem Gebiet der Poetik und Prognostik“, so lautete der Titel der Antrittsvorlesung von Ilma Rakusa. Die Berliner Literaturpreisträgerin 2017 ist derzeit Gastprofessorin für deutschsprachige Poetik der Stiftung Preußische Seehandlung am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität.

Professor Michael Gamper vom Peter-Szondi-Institut zitierte in seiner Einführung die Jury des Berliner Literaturpreises: „Rakusa ist eine maßgebliche Stimme jener, auch von Migrationserfahrung geprägten, vielsprachigen mitteleuropäischen Literatur, die durch nationalistischen Terror und kommunistische Diktaturen marginalisiert und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurde. In ihrem literarischen Schaffen wird auf sensible und poetische Weise die kulturelle Vielfalt und Vielstimmigkeit Europas thematisiert.“

Als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin wurde Ilma Rakusa 1946 in der Slowakei geboren, lebte dann in Budapest, Ljubljana und Triest, bevor sie in Zürich auf die Schule ging. Die Autorin studierte Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und Leningrad. In Berlin wird sie nun an der Freien Universität ein Autorenkolleg zum „Schreiben zwischen Dringlichkeit und Handwerk“ unterrichten. 

Vielfalt und Ästhetik literarischer Geschwindigkeiten

Die Antrittsvorlesung gab einen Einblick in das künstlerische Universum der Schriftstellerin: Sie ließ die großen Stimmen der Moderne, Robert Musil, Marcel Proust und Thomas Mann erklingen und kontrastierte diese mit der Vielfalt der zeitgenössischen Literatur. Der erste Abschnitt der Vorlesung untersuchte die Ästhetik unterschiedlicher literarischer Geschwindigkeiten in der Form, in der narrativen oder auch poetischen Verfasstheit ganz verschiedener Textzusammenhänge. Im Schlussteil der Vorlesung wendete Ilma Rakusa diese genauen und einfühlsamen Lektüren auf den Gehalt der Texte, um das prophetische Potential der Literatur aufscheinen zu lassen.

Die Vorlesung bot ästhetische Erfahrung im Wortsinn: Die Zuhörerinnen und Zuhörer konnten den langen Sätzen von Marcel Proust und Peter Handke im Vortrag nachspüren und so verstehen, warum man Handke anhört, dass er gern zu Fuß geht und seine Texte bis heute per Hand schreibt. Ganz verknappte, zuweilen gar fragmentierte Sätze und schnellste Bildwechsel zitierte Rakusa aus den Werken von Alfred Döblin, Jürg Laederach, Thomas Bernhard, und Marlene Streeruwitz. Ilma Rakusa selbst las all diese Texte ruhig, nur als sie zu Streeruwitz kam, markierte sie jeden Punkt mit ihrem Zeigefinger in der Luft.

Die Kunst des Übersetzens

Textausschnitte zeitgenössischer Autorinnen wie Yoko Tawada und Kathrin Röggla ließen erkennen, dass bruchlose, fließende Prosa kein Ideal mehr ist. Mit der dänischen Lyrikerin Inger Christensen und dem amerikanischen Schriftsteller Jack Kerouac weitete Rakusa den Blick auf andere Sprachen aus und evozierte die Kunst des Übersetzens, für das auch ihr eigener  Name steht: Aus dem Französischen hat sie Marguerite Duras übersetzt, aus dem Russischen Marina Zwetajewa, aus dem Ungarischen Imre Kertész und aus dem Serbokroatischen Danilo Kiš.

Wie existentiell die Frage der Zeitlichkeit in der Literatur in politisch prekären Zeiten werden kann, zeigte Ilma Rakusa an Parabeln totalitärer Herrschaft wie etwa von Franz Kafka, George Orwell oder Jewgenij Samjatin.

So regte die Autorin ihr Publikum zu einer Reflexion darüber an, was uns Zeit im 21. Jahrhundert eigentlich bedeutet. Der Vortrag eröffnete so das Potenzial einer spezifischen, aber eben nicht allzu eng angelegten Fragestellung, die es erlaubte, literarische Zeitreflexion in ihrer historischen Bedeutung zu verstehen.