Verlässlich, erreichbar und flexibel

Jutta Müller-Tamm und Matthias Rillig werden für ihre gute Betreuung von Doktorandinnen und Doktoranden ausgezeichnet / Preisverleihung am 9. Februar

03.02.2017

Ausgezeichnet: Professorin Dr. Jutta Müller-Tamm und Professor Dr. Matthias Rillig.

Ausgezeichnet: Professorin Dr. Jutta Müller-Tamm und Professor Dr. Matthias Rillig.
Bildquelle: Privat; Baodong Chen

Die Literaturwissenschaftlerin Jutta Müller-Tamm und der Pflanzenökologe Matthias Rillig sind die beiden Preisträger des Award for Excellent Supervision 2016 der Dahlem Research School, mit dem jährlich zwei Doktorväter bzw. -mütter auszeichnet werden. Die beiden Professoren wurden von ihren Doktorandinnen und Doktoranden nominiert. Mit Jutta Müller-Tamm wird bereits zum dritten Mal eine Wissenschaftlerin der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien ausgezeichnet. Der Preis ist mit jeweils 2000 Euro dotiert, die für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses eingesetzt werden sollen. Campus.leben sprach im Vorfeld der Preisverleihung mit Jutta Müller-Tamm und Matthias Rillig über Erfahrungen aus ihrer Promotionszeit und Konzepte für gute Betreuung.

Frau Professorin Müller-Tamm, Herr Professor Rillig, was macht für Sie eine gute Betreuung von Nachwuchswissenschaftlern aus?

Matthias Rillig: Von meinem eigenen Doktorvater bin ich stets behandelt worden wie ein zukünftiger Kollege. Das versuche ich auch: In meinem Labor gibt es keine große Hierarchie zwischen Post-Docs, Doktorandinnen und Doktoranden und anderen Mitarbeitern. Es ist wichtig, dass alle sich ernst genommen fühlen und einander auf gleicher Ebene begegnen.

Jutta Müller-Tamm: Verlässlichkeit und gute Erreichbarkeit sind wichtig, aber auch die Flexibilität, sich auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Nachwuchsforscher einstellen zu können. Es gibt solche, die lieber in Ruhe gelassen werden wollen, und solche, die ein größeres Bedürfnis nach Begleitung und Strukturierung haben.

Wie oft treffen Sie sich mit Ihren Doktoranden?

Jutta Müller-Tamm: In der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule gibt es für jede Doktorandin und jeden Doktoranden ein Team aus zwei oder drei Betreuern, je nach Zuschnitt der Arbeit. Es werden Teamgespräche vereinbart, die eine verlässliche Struktur schaffen. Jede Woche treffen sich die Doktoranden eines Jahrgangs mit ihren jeweiligen Betreuern im Kolloquium. Das ist ein sehr inspirierender Raum, weil dort literaturwissenschaftliche Projekte der unterschiedlichsten Provenienz zusammenfinden.

Matthias Rillig: Mein Labor trifft sich drei Mal wöchentlich für je anderthalb Stunden: Zu einem Journal Club, einem Data Club, und wer möchte auch zu einem Treffen im Irish Pub. Der Kontakt ist also sehr eng – und das ist gut so: Es arbeiten mehr als 40 Personen in meinem Labor, darunter zehn Doktoranden. Es ist wichtig, dass sich alle austauschen können und auf dem gleichen Stand bleiben. Bei den Treffen können die Doktoranden und Post-Docs ihre Ideen vorstellen und bekommen Feedback. Am meisten Spaß macht es mir, wenn die Nachwuchswissenschaftler Kreuzverbindungen zwischen ihren Arbeiten entdecken. Aus so manch einer Idee, die bei diesen Diskussionen entstanden ist, haben sich bereits Veröffentlichungen in Fachzeitschriften ergeben.

Wie haben Sie die Zeit erlebt, als Sie Ihre Doktorarbeiten geschrieben haben?

Jutta Müller-Tamm: Ich bin ein untypischer Fall. Mein Doktorvater ist in der Anfangsphase meiner Dissertation tragischerweise verstorben, sehr jung und plötzlich. Ich habe danach zwar einen neuen Doktorvater gefunden, aber mich fortan meistens alleine durchgeschlagen. In der Zeit habe ich auch mein erstes Kind gekriegt. Ich fand es angenehm, auf mich allein gestellt zu sein. Eine etwas reichere Anleitung hätte mir aber gut getan – gar nicht mal beim Schreiben der Arbeit, aber beim Hineinfinden in wissenschaftliche Netzwerke.

Matthias Rillig: Meine Erfahrung war das genaue Gegenteil. Ich hatte ein geradezu inniges Verhältnis zu meinem Doktorvater. Ich war sein einziger Doktorand. Wir haben uns bei allein Mahlzeiten gesehen und den ganzen Tag über Wissenschaft geredet, von morgens bis abends, ohne Pause.

Was macht Ihre Arbeitsbereiche zu guten Orten für eine Promotion?

Jutta Müller-Tamm: Die Friedrich-Schlegel-Schule ist wie die akademische Welt im Kleinen. Man hat hier die Chance, in diese Welt hineinzufinden und damit umgehen zu lernen – genau das, was ich bei meiner eigenen Promotion vermisst habe. Dazu gehört, dass die Nachwuchswissenschaftler Workshops, kleine Tagungen, Veranstaltungen oder Vorlesungen organisieren, entweder eigenständig oder mit den Professorinnen und Professoren gemeinsam. So kann man sich ein Netzwerk erarbeiten, sowohl intern als auch extern. Auch die vielen Möglichkeiten für Auslandsaufenthalte helfen dabei.

Matthias Rillig: Jeden Sommer kommt eine Gruppe wissenschaftlicher Gäste aus Australien, den USA und aus China und quartiert sich in Berlin ein, manche für zwei Wochen, andere für mehrere Monate. Seit sechs Jahren finden diese Treffen regelmäßig statt. Zunächst wurden sie von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung finanziert, seitdem die Förderung ausgelaufen ist, bezahlen viele die Aufenthalte aus eigener Tasche. Für mein Team ist das ein großer Gewinn: Die Gäste sind bei allen Labortreffen dabei und geben Feedback. Bei manchen Veröffentlichungen sind die Gastwissenschaftler Koautoren. Es sind Freundschaften, wissenschaftliche Netzwerke und Jobmöglichkeiten entstanden.

Worin bestehen die größten Herausforderungen bei einer Dissertation?

Matthias Rillig: In der Ökologie sind statistische Methoden immer stärker gefragt. Das ist für alle herausfordernd, mich eingeschlossen.

Ich habe meinen Doktor in den USA gemacht, da war es keine leichte Aufgabe, ein eigenes Thema zu finden. In Deutschland ist der Start einfacher: Da viele Stellen über Drittmittel finanziert werden und somit projektbezogen sind, kann man hier mit einer vorgefertigten Fragestellung einsteigen.

Jutta Müller-Tamm: Das ist in den Geisteswissenschaften anders. Hier ist es eine der ganz großen Herausforderungen, ein gutes Thema zu finden: eines, das nicht einer gerade im Abnehmen befindlichen Welle hinterherschwimmt. Eines, das genügend Zündstoff und eine originelle Fragestellung bietet.

Außerdem müssen Doktoranden gerade in strukturierten Programmen aufpassen, dass sie nicht in die Theoriefalle tappen: Wenn man anfängt, merkt man, was es alles zu wissen gäbe, und dass die Mitpromovierenden andere Ansätze und Methoden wählen. Einige haben dann den Eindruck, sie müssten erst jahrelang Theorie lesen, bevor sie den ersten Satz schreiben können. Das ist eine echte Gefahr.

Matthias Rillig: Das ist auch in der Ökologie ein großes Problem, weil es so viel zu wissen gibt. Es gibt immer jemanden, der in einem Feld besser ist – in der Molekularbiologie, bei der Modellierung, in Bodenkunde, bei den Pflanzen, oder in ökologischen Konzepten. Viele leiden unter dem sogenannten Hochstapler-Syndrom: Sie haben das Gefühl, ihren Erfolg nicht verdient zu haben, weil alle um sie herum mehr zu wissen scheinen als sie selbst. Man muss sich daran erinnern, dass es auch ein Gebiet gibt, über das man selbst relativ viel weiß. Aber das ist nicht leicht – für Doktoranden nicht und auch für mich nicht.

Die Fragen stellte Jonas Huggins

Weitere Informationen

Preisverleihung Lehrpreis und Award for Excellent Supervision

Der Award for Excellent Supervision wird am 9. Februar gemeinsam mit dem zentralen Lehrpreis verliehen. Mit dem zentralen Lehrpreis werden Projekte ausgezeichnet, die interdisziplinäre Spitzenforschung erfolgreich in die Lehre integrieren.

Zeit und Ort

  • Donnerstag, 9. Februar 2017, 18 Uhr
  • Freie Universität Berlin, Seminarzentrum in der Silberlaube (Raum L 113 im Erdgeschoss), Otto-von-Simson-Str. 26, 14195 Berlin (U-Bhf. Dahlem Dorf, U3)

Die Veranstaltung ist öffentlich und der Eintritt frei. Um eine Anmeldung an pinu@fu-berlin.de wird gebeten.

Die Preisverleihungen werden begleitet von einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die digitale Zukunft der Universität: Perspektiven aus Forschung, Lehre und Governance“. Es diskutieren:

  • Dr.-Ing. Andrea Bör, Kanzlerin
  • Prof. Dr. Jochen Schiller, Mitglied des Chief Information Officer (CIO)-Gremiums
  • Prof. Dr. Christoph Schütte, Leiter der Arbeitsgruppe Biocomputing
  • Prof. Dr. Bettina Engels, Ko-Leiterin des Nachwuchsgruppe „Globaler Wandel - lokale Konflikte"
  • PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek, Leiter der VW-Forschergruppe „Digitale Prosodieerkennung"
  • Prof. Dr. Dirk Ostwald, Lehrpreisträger 2016

Moderation: Prof. Dr. Brigitta Schütt, Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin