„Afrika ist nicht da draußen“

Der dschibutische Schriftsteller Abdourahman Waberi ist in diesem Semester Samuel-Fischer-Gastprofessor für Literatur

13.01.2017

Abdourahman Waberi wurde in Dschibuti geboren, einem der kleinsten Staaten Afrikas, nördlich von Somalia. Er hat englische und französische Literatur studiert, mehrere Bücher geschrieben und als Literaturkritiker und Kolumnist für die französische Monatszeitung Le Monde diplomatique gearbeitet. In diesem Wintersemester hält er an der Freien Universität im Rahmen der Gastprofessur ein Seminar über Konzepte und Werke von Künstlern, die aus Afrika stammen.

„Afrofuturisme. Quêtes et constellations" ist der Titel des Seminars, das Abdourahman Waberi im laufenden Wintersemester anbietet. Das Bild zeigt ihn bei seiner Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin.

„Afrofuturisme. Quêtes et constellations" ist der Titel des Seminars, das Abdourahman Waberi im laufenden Wintersemester anbietet. Das Bild zeigt ihn bei seiner Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: Peter Schraeder

Abdourahman Waberi weiß, wie er Aufmerksamkeit für sein Anliegen wecken kann. „Afrika ist nicht da draußen“, sagt er. Nicht nur der Kontinent stehe für das Afrikanische, sondern auch die große Gemeinschaft der aus Afrika stammenden Menschen, die über alle Länder verteilt sei – ob es sich nun um den Fußballer Didier Drogba handele oder um afroamerikanische Rapper. „Wenn sie es geschafft haben, berühmt zu werden, muss das auch für Afrikaner in anderen Bereichen möglich sein“, sagt Waberi, der sich genauso für Literatur interessiert wie für Hip Hop oder Fußball.

Afrikanischer Gegenwartsautor

Der gebürtige Dschibuter ist dafür selbst ein Beispiel, gilt er doch der Literaturzeitschrift Lire zufolge als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren französischer Sprache. Allerdings ist Waberi sich bewusst, das seine Reichweite als Schriftsteller begrenzt ist und er nur einen Teil der Menschen in Europa und Afrika ansprechen kann. Dennoch möchte er die Perspektive auf Afrika verändern. „Als Autor forme ich die Welt ein Stück weit mit“, sagt er, und hält für einen Moment inne.

Bei seiner Antrittsvorlesung an der Freien Universität lehnt Waberi lässig am Pult, mit Hornbrille und Schirmmütze. Technik findet er entbehrlich, Powerpoint lasse bloß Langeweile aufkommen, sagt er. Für seinen Vortrag braucht er auch keinen Zettel, nur seine französischen Gedichte liest er aus einem Buch vor.

Faszination für Wörter

Waberis Roman In den Vereinigten Staaten von Afrika ist eine Satire auf die westliche Welt: Afrika ist ein vereinter Kontinent, während in Europa wirtschaftliches Elend grassiert und Bürgerkriege wüten. Die Vereinigten Staaten von Afrika machen es der heutigen EU nach und schotten sich vor dem Flüchtlingsstrom ab – nur, dass der diesmal aus Europa kommt.

Der Schriftsteller Abdourahman Waberi ist Samuel Fischer-Gastprofessor für Literatur im laufenden Wintersemester.

Der Schriftsteller Abdourahman Waberi ist Samuel Fischer-Gastprofessor für Literatur im laufenden Wintersemester.
Bildquelle: Gilles Vidal

Der Schriftsteller zog 1985 nach Frankreich, um in Caen und Dijon zu studieren. Aber auch in Deutschland ist er nicht zum ersten Mal: Von 2006 bis 2007 war er Gast des Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Ihm gefalle das Wort „Gast“ sagt der Schriftsteller, der sich vom Klang einzelner Wörter faszinieren lässt. Allerdings habe der Begriff auch eine limitierende Bedeutung. Sehr deutlich werde das beim Begriff des ‚Gastarbeiters‘, denn die damaligen Arbeitsmigranten seien nur für wenige Jahre erwünscht gewesen.

Afrika ist verbunden

„Lesen Sie Finanzzeitungen?“, fragt Waberi bei seinem Vortrag in die Runde. „Afrika steigt auf, heißt es in diesen Blättern.“ Jahrelang sei der Kontinent in den Medien kaum existent gewesen, nun gebe es plötzlich ein „Narrativ des Fortschritts“. Waberi fragt sich, warum Afrika allein an diesem wirtschaftlichen Maßstab gemessen werde. „Dieses Aufstiegs-Narrativ ist nur eine Möglichkeit, auf Afrika zu sehen.“

Der Schriftsteller wehrt sich dagegen, dass seine Heimat im Denken der Europäer wenig präsent ist. „Afrika ist mit dem Rest der Welt verbunden“, sagt er, und die Beziehungen nähmen weiter zu. Entscheidend sei, sie zu betrachten. Außerdem seien heutige Diskussionen über Afrika nach wie vor von kolonialem Denken geprägt.

Waberi schreibt auf Französisch, wenngleich seine Muttersprache Somali ist. „Vielleicht werde ich eines Tages auf Somali schreiben.“ Das Schreiben sei für ihn eine klare Berufung, etwas, zu dem er sich entschieden habe, weil es etwas zu sagen gebe. Und weil er aus Leidenschaft arbeite, sagt er, empfinde er das Schreiben auch nicht als Arbeit.