Forschergeist und Kreativität

Begabte Schülerinnen und Schüler aus vierten bis sechsten Klassen lernten bei den Forscherferien im Schülerlabor NatLab an der Freien Universität Naturwissenschaft aus dem Alltag kennen

19.12.2016

Mit Pipette und Reagenzglas: Gemeinsam mit dem jungen Forscherkollegen Nasir testet Simon, ob Sojamilch Eiweiß enthält.

Mit Pipette und Reagenzglas: Gemeinsam mit dem jungen Forscherkollegen Nasir testet Simon, ob Sojamilch Eiweiß enthält.
Bildquelle: Jonas Huggins

Simon und Nasir betrachten eine Phasen-Schichtung im Reagenzglas - von oben: Lampenöl, Sonnenblumenöl, Fehling-Lösung und Wasser.

Simon und Nasir betrachten eine Phasen-Schichtung im Reagenzglas - von oben: Lampenöl, Sonnenblumenöl, Fehling-Lösung und Wasser.
Bildquelle: Jonas Huggins

Selbst püriert: Die Schüler haben bei den Forscherferien Sojamilch hergestellt.

Selbst püriert: Die Schüler haben bei den Forscherferien Sojamilch hergestellt.
Bildquelle: Jonas Huggins

Die promovierte Chemikerin Katharina Kuse vom NatLab hat die Forscherferien an der Freien Universität organisiert.

Die promovierte Chemikerin Katharina Kuse vom NatLab hat die Forscherferien an der Freien Universität organisiert.
Bildquelle: Jonas Huggins

Es waren Herbstferien der besonderen Art: Eine Woche lang verbrachten zwölf Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen acht und dreizehn Jahren in Berlin, um Experimente in Biologie, Chemie und Physik zu machen. Unterstützt von Studierenden der Freien Universität führten die ausgewählten Kinder aus vier verschiedenen Bundesländern vielfältige Versuche mit Alltagsgegenständen wie Milch, Honig und Wachs durch. Durch die Forscherferien sollten die Kinder angeregt werden, ihre Talente zu entdecken und eine Woche lang wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu denken.

Vorsichtig träufelt Simon die Sojamilch in das Reagenzglas. Er verdünnt sie mit Wasser und gibt anschließend eine Kupfersulfat-Lösung hinzu. Als er das Gemisch schüttelt, färbt es sich violett. Das ist der Beweis: Sojamilch enthält Eiweiß. Der achtjährige Simon aus dem Saarland, der das Experiment gemeinsam mit einem anderen Schüler und unter der Aufsicht seines studentischen Betreuers durchführt, ist einer von zwölf „Ferienforschern“. Eine Woche lang erfahren ausgewählte Schülerinnen und Schüler im NatLab der Freien Universität Berlin, wie viel Wissenschaft sich hinter Alltagsdingen verbirgt: Sie gießen Kerzen und beobachten Feuer unter einer Lupe. Sie hängen eine leere Teelichtform an einen gelben Sack, setzen darauf etwas Watte mit Brennspiritus – fertig ist der Heißluftballon. Sie schütteln Sahne so lange, bis sie zu Butter wird, zerlegen unter Verwendung einer Handzentrifuge Milch in ihre Bestandteile und weisen Eiweiß, Zucker und Fett nach. Anschließend pürieren sie Sojabohnen, um aus ihnen Sojamilch zu pressen.

Förderprojekt für begabte Kinder „mit schwierigen Startbedingungen“

Über die Forscherferien sollen die Kinder inspiriert werden, die Welt mit den Augen von Wissenschaftlern zu sehen. In den kommenden Osterferien werden sie an die Freie Universität für eine weitere Woche voller Experimente zurückkehren. Das Förderprojekt zielt auf Chancengleichheit in der Bildung ab und richtet sich an Schülerinnen und Schüler „mit schwierigen Startbedingungen“. Mit dieser Formulierung bezeichnet die Roland-Berger-Stiftung, die die Schülerinnen und Schüler für die Forscherferien ausgewählt hat, Kinder aus Nichtakademikerhaushalten, einkommensschwachen Familien oder mit Migrationshintergrund. Die Stiftung, die insgesamt 800 „Deutsche Schülerstipendien“ vergibt, will über ganzheitliche Förderung Kindern ein breites Spektrum an Kompetenzen vermitteln. Im Bereich der Naturwissenschaften teilt die Roland-Berger-Stiftung dabei das Ziel der Telekom-Stiftung – der zweiten Unterstützerin der Forscherferien – die sich der Förderung der sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) verschrieben hat. Beide Stiftungen treten für Chancengleichheit ein: „Gerade in Deutschland besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildung“, sagt Johannes Schlarb, Projektleiter bei der Telekom-Stiftung. „Dem wollen wir entgegenwirken.“

Das Umfeld prägt Berufsziele und Lebensträume

Dass Kinder mit „schwierigen Startbedingungen“ immer noch selten studieren, sei keine reine Geldfrage, sagt Katrin Härtel, Projektleiterin bei der Roland-Berger-Stiftung: „Wir erleben bei unseren Stipendiatinnen und Stipendiaten, wie stark Berufsziele und Lebensträume von dem Umfeld geprägt werden, in dem sie aufwachsen.“ Ziel der Forscherferien sei es, dass die Kinder sich selbst etwas zutrauten und sich hohe Ziele steckten – Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler zu werden, sei ein mögliches. „Wir wollen den Horizont der jungen Menschen erweitern und ihnen ganz früh beibringen, dass es jenseits ihres Tellerrands noch viel mehr gibt.“

„An der Freien Universität studieren, lehren und forschen Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Deshalb passen die Forscherferien sehr gut zu uns“, sagt Petra Skiebe-Corrette. Die Biologieprofessorin leitet das NatLab der Freien Universität, das seit 2002 regelmäßig Schülergruppen verschiedener Altersstufen zum Experimentieren empfängt. „Was mich besonders freut, ist das enge Verhältnis zwischen den Schülern und ihren studentischen Betreuern “, sagt Katharina Kuse vom NatLab. Die promovierte Chemikerin hat die Forscherferien an der Freien Universität organisiert. Mit vier Studierenden, die jeweils vier Schülerinnen und Schüler betreuen, ist sie im Vorfeld an die Ruhr-Universität in Bochum gefahren. Dort lehrt Katrin Sommer, Professorin für Chemiedidaktik, die das Konzept der Forscherferien entwickelt hat.

Experimente selbstständig weiterentwickeln: „Das ist genau die Art von Kreativität, die Forscher an den Tag legen müssen.“

Als Simon die selbst hergestellte Sojamilch auf ihren Eiweißgehalt testet, stutzt Petra Skiebe-Corrette. Die Idee dazu stammt nämlich nicht aus den Skripten, an denen die Kinder sich orientieren, sondern vom ihm selbst: Den ursprünglichen Versuch mit Kuhmilch hat der Achtjährige eigenständig verändert, um die beiden Milchsorten miteinander zu vergleichen. Allein dafür habe sich die aufwendige Organisation der Forscherferien gelohnt, sagt die Wissenschaftlerin: „Das ist genau die Art von Kreativität, die Forscher an den Tag legen müssen.“