"Mathematik vom Feinsten"

Jubiläumsfeier am 17. und 18. November: Vor zehn Jahren wurde die Berlin Mathematical School gegründet / Ein Gespräch mit ihrem Sprecher Günter M. Ziegler

04.11.2016

Zehn Jahre Berlin Mathematical School: Die Graduiertenschule ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Berliner Mathematik

Zehn Jahre Berlin Mathematical School: Die Graduiertenschule ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Berliner Mathematik
Bildquelle: normanack, flickr.com / CC BY 2.0

Günter M. Ziegler, Professor für Diskrete Geometrie und Sprecher der Berlin Mathematical School

Günter M. Ziegler, Professor für Diskrete Geometrie und Sprecher der Berlin Mathematical School
Bildquelle: Sandro Most

Doktoranden der Berlin Mathematical School diskutieren im "Pi-Gebäude" der Mathematik an der Freien Universität

Doktoranden der Berlin Mathematical School diskutieren im "Pi-Gebäude" der Mathematik an der Freien Universität
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Mehr als 215 Doktorarbeiten sind an der Graduiertenschule bisher erfolgreich verteidigt worden: Zehn Jahre nach ihrer Gründung kann die Berlin Mathematical School (BMS) auf eine große Absolventenzahl zurückblicken. 2006 war die BMS in vielerlei Hinsicht neu: Sie ist eine Kooperation der Freien Universität mit der Humboldt-Universität und der Technischen Universität und zielt darauf, exzellente Mathematikerinnen und Mathematiker zu promovieren – nach amerikanischem Vorbild, auf Englisch und schon nach dem Bachelorabschluss. Günter Ziegler, Professor für diskrete Mathematik an der Freien Universität und Sprecher der BMS, ist stolz auf das Erreichte.

Herr Professor Ziegler, der Wahlspruch der BMS heißt: „Mathematik als Ganzes“. Was steckt dahinter?

Zum einen soll das sichtbar machen, dass wir in Berlin eine enorme Vielfalt haben: An den drei beteiligten Universitäten ist von Stochastik über Geometrie und Algebra bis zu den Anwendungen alles vorhanden. Zum anderen wollen wir die traditionelle Trennung zwischen der sogenannten angewandten und der reinen Mathematik aufheben. Diese Unterscheidung stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Polytechnischen Hochschulen das praktische Wissen für den Aufstieg Deutschlands als Industrienation vermittelt haben – und sich damit von den klassischen Gymnasien und Universitäten abgrenzten, an denen die Mathematik noch in griechischer Tradition allein wegen ihrer ganzen Komplexität und Schönheit gelehrt wurde. Da gehen wir in Berlin einfach nicht mit. Die vergangenen Jahrzehnte haben auch gezeigt, dass die alte Einteilung nicht mehr funktioniert: Zahlentheorie und Algebra, früher Mathematik in reinster Form, sind heute so praktisch und angewandt, dass sie aus den Ingenieurwissenschaften gar nicht mehr wegzudenken sind.

Ist die BMS heute dort, wo sie nach zehn Jahren sein sollte?

Wir sind heute weiter, als wir es vor zehn Jahren für möglich gehalten haben. Die BMS hat die Berliner Mathematik enorm internationalisiert. Im Konzept für die Graduiertenschule stand das Ziel, dass die Hälfte der Studierenden international sein sollte. Diese Quote halten wir von Anfang an: momentan haben wir 199 Studierende in der BMS, davon 100 internationale aus 50 verschiedenen Ländern. Das bringt zwar immer wieder Schwierigkeiten mit sich: Wir warten momentan noch auf eine Doktorandin aus dem Iran, deren Visum lange nicht bewilligt wurde, obwohl alle Fragen geklärt waren und das Geld bereitsteht. Gleichzeitig ist die Vielfalt aber aufregend und sehr bereichernd.

Und wie steht es um den Anteil der Frauen unter den Studierenden?

Wir wollen einen Anteil von 50 Prozent erreichen. Das ist immer noch ein Fernziel, aktuell sind wir bei knapp über 30 Prozent. Dieser Anteil ist höher als in vergleichbaren Programmen, wir sind also auf einem guten Weg. Es ist und bleibt aber ein wichtiges Thema. Wir achten bei der Bewerberauswahl genauso darauf wie bei der Wahl der Bilder, die die BMS repräsentieren. Wir wollen zeigen, dass auch für Doktorandinnen und Doktoranden mit Familie die Infrastruktur da ist und wir jede Art der Unterstützung bieten.

Gibt es ein besonderes wissenschaftliches Ergebnis, das die BMS hervorgebracht hat?

Da wir uns die ganze Breite der Mathematik auf die Fahnen geschrieben haben, ist es natürlich nicht leicht, ein Ergebnis herauszupicken. Ich mach's trotzdem: Maryna Viazovska ist aus der Ukraine über Bonn nach Berlin gekommen, um als Dirichlet-Postdoktorandin der BMS an der HU zu arbeiten. Sie hat im Februar einen spektakulären Beweis für das Kugelpackungsproblem geliefert, das auf den Astronomen und Mathematiker Johannes Kepler zurückgeht. Dabei geht es um die Frage, wie dicht man gleichgroße Kugeln stapeln kann – etwa Kanonenkugeln in den Bauch eines Schiffes. Schon im dreidimensionalen Raum ist der Beweis für die beste Anordnung außerordentlich schwer und wurde erst vor wenigen Jahren erbracht.

Maryna Viazovska hat das Problem für den achtdimensionalen Raum gelöst und gemeinsam mit Kollegen wenige Wochen später in der 24. Dimension. Das ist eine herausragende Leistung! Wir sind sehr stolz auf sie – und auf uns, weil wir sie von allen Bewerberinnen und Bewerbern für das Dirichlet-Stipendium auf Platz eins gesetzt hatten.

Man könnte jetzt fragen, was die Dimensionen 8 und 24 so besonders macht. Dazu kann man wunderbare Mathematikvorlesungen halten, die garantiert den Rahmen von campus.leben sprengen würden. Aber in der BMS machen wir genau solche Vorlesungen.

Wie sehen die Pläne für die BMS für die kommenden Jahre aus?

Es geht weiter in die nächsten zehn Jahre. Schon in unserem ersten Antrag auf Fördermittel der Exzellenzinitiative stand: Das Ziel ist die dauerhafte Einrichtung einer exzellenten Graduiertenschule in der Mathematik. Nach den Plänen der Exzellenzinitiative sollen Graduiertenschulen von 2019 an nicht mehr einzeln gefördert werden. Deshalb muss die Berliner Mathematik die Förderung eines Exzellenzclusters beantragen, der auf der Basis einer exzellenten, etablierten Graduiertenschule steht. Und das ist die BMS.

Wie wird das zehnjährige Jubiläum jetzt gefeiert?

Mein Vorschlag ist: Die Kolleginnen und Kollegen von allen drei Universitäten sollten ihre Mathematikvorlesungen am 17. und 18. November in das Audimax der TU verlegen. Denn dort werden wir zwei Tage lange eine Party feiern, mit Mathematik vom Feinsten, Musik, Kunst und jeder Menge Überraschungen.

Die Fragen stellte Jonas Huggins.

Weitere Informationen

Feier zum zehnjährigen Jubiläum der Berlin Mathematical School

Zeit und Ort:

  • 17. und 18. November 2016, jeweils ab 9.00 Uhr
  • Audimax im Hauptgebäude der Technischen Universität, Straße des 17. Juni 135 (U-Bhf. Ernst-Reuter-Platz)
  • Veranstaltungssprache: Englisch

Das Programm auf den Seiten der Berlin Mathematical School.