Kunst der Lehre

Nachruf auf Hella Tiedemann, ehemalige Professorin am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft / Von Lothar Müller

12.10.2016

Das Institut verabschiedete Hella Tiedemann am 20. Juli 2001 mit einer Feier auf der Terrasse im Hüttenweg 9.

Das Institut verabschiedete Hella Tiedemann am 20. Juli 2001 mit einer Feier auf der Terrasse im Hüttenweg 9.
Bildquelle: Freie Universität Berlin

Hella Tiedemann im Jahr 1971 in Frankfurt.

Hella Tiedemann im Jahr 1971 in Frankfurt.
Bildquelle: Abisag Tüllmann

Am 9. Oktober, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, verstarb Hella Tiedemann an den Folgen einer schweren Krankheit. Die Literaturwissenschaftlerin ist mit der Geschichte des Peter-Szondi-Instituts der Freien Universität seit dessen Anfängen verbunden: 1969 promovierte sie – nach Studien bei Theodor W. Adorno in Frankfurt – bei Peter Szondi mit ihrem „Versuch über das artistische Gedicht. Baudelaire, Mallarmé, George“. 1982 habilitierte sie sich mit der Schrift „Verwaltete Tradition. Die Kritik Charles Péguys“ an der Freien Universität für das Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Seitdem lehrte sie am Peter-Szondi-Institut, von 1990 bis 2001 als außerplanmäßige Professorin. Hella Tiedemanns Persönlichkeit und Lehre prägten viele Absolventen. Ein Nachruf von Lothar Müller, Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Alumnus des Peter-Szondi-Instituts.

Als das Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin im vergangenen Dezember seinen 50. Geburtstag feierte, stand Hella Tiedemann auf dem Podium nicht im Vordergrund. Einen ausführlichen Beitrag zur Festschrift, die auslag, hatte sie nicht geschrieben. Sie hielt sich am Rand der Feierlichkeiten auf. Und stand dort im Mittelpunkt, immer wieder angesprochen von ehemaligen Schülern und Schülerinnen.

Hella Tiedemann gehörte 1969 zu den ersten Doktoranden des Instituts, als es noch nicht den Namen seines Gründers Peter Szondi trug. Die „Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft", die hier gelehrt wurde, sollte auch in Deutschland die Theorie der Literatur mit der einzigen zu ihr passenden Philologie verbinden, der Komparatistik. Als Hella Tiedemanns Dissertation unter dem Titel „Versuch über das artistische Gedicht. Baudelaire, Mallarmé, George" 1971 erschien, trug sie die Widmung: „Adorno zum Gedächtnis".

Das kam nicht von ungefähr. 1936 in Thiede bei Wolfenbüttel geboren, hatte sie in München und Aix-en-Provence, dann in Frankfurt am Main studiert und war von dort nach Westberlin gekommen. Das französische Element und die innere Bindung an Adorno hat sie nie verloren, und das hieß nicht nur, dass sie in Berlin als „Dame" im französischen Sinne galt. Es hieß auch, dass sie die Ursprungsdisziplin der Komparatistik verkörperte, die Romanistik.

Wer aus aktuellen Gründen die Wurzeln des modernen Nationalismus in Frankreich besser verstehen will, kann aus ihrer Habilitationsschrift „Verwaltete Tradition. Die Kritik Charles Péguys" (1982) viel über die Rivalität der politischen Rechten und Linken um die Begriffe Solidarität und Tradition lernen. Und über einen Charles Péguy, der mehr ist als „Repräsentant christlich-katholischer Dichtung".

Ihre Schriften und ihre Mitherausgabe der Rezensionen und Kritiken innerhalb der ersten großen Walter-Benjamin-Edition waren es nicht allein, die ihre Autorität unter Kollegen und Schülern begründeten. Es war die seltene Verbindung, die bei ihr die Kunst der Lektüre und die Kunst der Lehre eingingen. Durch sie wurde sie zu einer Autoritätsfigur mit knapper Publikationsliste und großer Schülerschaft beiderlei Geschlechts. Schon ehe an einer Außenwand des Instituts „Petra Szondi" auftauchte, brachte sie in Forschung und Lehre das weibliche Element zur Geltung.

Durch die moderne Literatur geistert die Vorstellung, eigentlich bräuchten die Bücher für ihr Gewisper untereinander die Menschen gar nicht. Diese Idee hat grandiose und abgründige Bibliotheksfantasien hervorgebracht, wird aber zur Plage, wenn sie an philologischen Fachbereichen die Herrschaft ergreift. Am Szondi-Institut war Hella Tiedemann dagegen ein freundliches Bollwerk, die außerplanmäßige Professorin auf nicht immer sicherer institutioneller Grundlage.

Im Zentrum ihrer Lehre stand nicht das Dozieren, sondern das fragende Aufschließen von Texten, bei dem ihre Freundlichkeit und ihr charakteristisches Lachen keinerlei Abzug an gedanklicher Strenge enthielt. Damit hat sie als eine jener Figuren, deren Bedeutung sich an ihrem institutionellen Gewicht nicht ermessen lässt, Generationen von Studierenden geprägt. Und ihr Bonmot dementiert, eine ihrer Aufgaben sehe sie darin, die Studenten für den Kulturbetrieb zu verderben. Auffällig viele Journalisten und Literaten gingen aus dem Institut in ihren Jahren hervor, von Michael Angele, Detlef Kuhlbrodt und Alex Rühle bis zu David Wagner, Iris Hanika und Monika Rinck. 2001 wurde sie verabschiedet, blieb aber für ihre Schüler erreichbar. Am Sonntag ist Hella Tiedemann in Berlin gestorben, kurz vor ihrem 80. Geburtstag.


Der Text ist zunächst in der Süddeutschen Zeitung vom 12. Oktober 2016 erschienen.