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„Probleme nicht nur darstellen, sondern überwinden“

3. Teil der Adventsserie „Wissen, das Hoffnung macht“: Konzepte für eine gerechtere Welt

09.12.2022

Es ist nicht alles so düster, wie es scheint: In campus.leben stellen wir in der Adventszeit vier Forschungsthemen vor, die Hoffnung geben.

Es ist nicht alles so düster, wie es scheint: In campus.leben stellen wir in der Adventszeit vier Forschungsthemen vor, die Hoffnung geben.
Bildquelle: KuM

Könnte eine neue Weltwirtschaftsordnung zu einer gerechteren Welt führen? Die promovierten Politikwissenschaftler*innen Mariam Salehi von der Freien Universität Berlin und Alex Veit von der Universität Bremen, sind der These auf der Spur.

Frau Salehi, Herr Veit: An welchem Vorhaben arbeiten Sie derzeit gemeinsam?

Mariam Salehi: Wir planen einen Sammelband, der aktuell noch den Arbeitstitel „Eine gerechte Weltwirtschaftsordnung?“ trägt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie etwa der Konfliktforschung und der Politikwissenschaft, werden sich dem Thema annehmen.

Alex Veit: Grundlage unseres Projekts ist ein politisches Vorhaben aus den 1970er Jahren, die „New International Economic Order“ – abgekürzt NIEO – das strukturelle Reformen der Weltwirtschaft anstoßen sollte. Die Weltwirtschaftsordnung, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs existierte, befand sich damals in der Krise: durch eine lange Rezession, steigende Ölpreise und eine hohe Arbeitslosenquote vor allem im Globalen Norden. In dieser Situation haben vor allem progressive Regierungen des Globalen Südens, etwa Jamaika, Algerien und Tansania, erkannt, dass nur durch eine Reform des Systems globale Ungerechtigkeiten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern überwunden werden können.

Sowohl politisch, als auch wirtschaftlich ist die krisenhafte Situation heute vergleichbar mit der in den 70er Jahren. In unserem Sammelband wollen wir die Ideen, die im Rahmen der NIEO aufgekommen sind, noch einmal aufgreifen. Und darstellen, inwiefern sie heute umgesetzt, geändert oder wie sie gegebenenfalls ergänzt werden könnten.

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Mariam Salehi von der Freien Universität Berlin.

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Mariam Salehi von der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: Privat

Welche Ideen gab es denn für die „New International Economic Order“?

Alex Veit: Die NIEO hat es bis in die Generalversammlung der Vereinten Nationen geschafft und wurde dort intensiv diskutiert. Schließlich wurde 1974 ihre Umsetzung beschlossen. Einzelne Aspekte, wie gesenkte Zölle auf Exportprodukte des globalen Südens oder größere Mittel für die Entwicklungskooperation wurden tatsächlich umgesetzt, der große Wurf ist aber nicht gelungen. Was bleibt ist die Vision einer gerechteren Weltwirtschaft.

Mariam Salehi: Hier möchten wir anknüpfen: Es existieren bereits Ideen für eine gerechtere Welt, die wir weiterdenken können.

Ich beschäftigte mich beispielsweise in meinem Beitrag mit der Forderung nach Reparationen. Konkret geht es um Tunesien, wo eine Wahrheitskommissionnach der Revolution, dem sogenannten Arabischen Frühling, die Gewaltherrschaft aufarbeiten soll. Diese Kommission hat nun Reparationszahlungen gefordert – und das nicht nur innerstaatlich, sondern auch an die ehemalige Kolonialmacht Frankreich und an internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank und den internationalen Währungsfonds. Dabei nimmt sie eine Verknüpfung von physischer Gewalt und ökonomischer Dominanz vor.

Dr. Alex Veit, Politikwissenschaftler an der Universität Bremen.

Dr. Alex Veit, Politikwissenschaftler an der Universität Bremen.
Bildquelle: Caroline Wimmer

Inwiefern stimmt Sie das hoffnungsvoll?

Mariam Salehi: Die Anerkennung von Unrecht ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer gerechteren Welt. Hoffnung macht, dass neue Ansätze entwickelt werden, die in einer bestimmten Kontinuität stehen und jetzt wieder aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Schon in der NIEO war vorgesehen, die Ausbeutung durch Kolonial- und Fremdherrschaft zu kompensieren.

Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass die Welt gerechter wird?

Mariam Salehi: Ich würde eher sagen, man darf die Hoffnung nicht aufgeben, vor allem das Streben nach einer gerechteren Welt nicht. Auf das Projekt gab es sehr viele positive Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft. Viele wollen die Möglichkeit nutzen, Probleme nicht nur zu analysieren und darzustellen, sondern ganz konkrete Vorschläge unterbreiten, wie diese tatsächlich überwunden werden können.

Alex Veit: Ich persönlich habe große Hoffnung. Wir erleben aktuell multiple Krisen. Vielen Akteuren auf der Welt ist klar, dass wir so nicht weitermachen können, und alle denken darüber nach, wie wir umsteuern können – so wie wir das mit unserem Projekt auch vorhaben.

Spannend ist, dass auch die NIEO-Initiative ursprünglich von der Wissenschaft ausgegangen ist. Sie war ein Zusammenspiel aus Wissenschaft, die sich Gedanken um die Zukunft gemacht hat, gesellschaftlicher Aufbruchstimmung und von Regierungen, die diese beiden Faktoren für sich nutzen wollten, um die strukturelle Wirtschaftsreform voranzubringen. Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass die Rahmenbedingen heute ähnlich sind.