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Vom Mikrokosmos zum Makrokosmos

Vortragsreihe beginnt am 14. Oktober: Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung feiert 150-jähriges Bestehen – ein Interview mit Anna Gorbushina, Professorin für Geomikrobiologie und Vizepräsidentin der BAM

13.10.2021

In Bergen und Wüsten, Ozeanen und Flüssen gibt es fast unsichtbare Kleinstlebewesen, die etwa bewirken, dass der Boden für Pflanzen fruchtbar wird. Ihren Einfluss auf unseren Planeten erläutern BAM und Freie Universität in einer Vortragsserie.

In Bergen und Wüsten, Ozeanen und Flüssen gibt es fast unsichtbare Kleinstlebewesen, die etwa bewirken, dass der Boden für Pflanzen fruchtbar wird. Ihren Einfluss auf unseren Planeten erläutern BAM und Freie Universität in einer Vortragsserie.
Bildquelle: Dirk Wagner

Wenn es um die technische und chemische Sicherheit von Stoffen und Anlagen geht, die Bereitstellung von Referenzverfahren und -materialien, um (inter-)nationale Grenzwerte und Messstandards einzuhalten, oder um Empfehlungen zum umweltverträglichen und sicheren Einsatz von Produkten: zuständig ist die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Die wissenschaftlich-technische Bundesoberbehörde und Ressortforschungseinrichtung mit insgesamt vier Standorten in Berlin und Brandenburg berät die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft.

Die Arbeitgeberin von 1600 Menschen aus rund 50 Nationen, die eng mit zahlreichen Hochschulen zusammenarbeitet, darunter die Freie Universität Berlin, feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen: mit Vorträgen, die unter dem Motto „Wissenschaft mit Wirkung“ stehen. In diesem Rahmen findet an sechs aufeinanderfolgenden Donnerstagen, beginnend am 14. Oktober, die Vortragsreihe „Microbes and Environmental Chemistry: Invisible Actors of Planetary Change” (Mikroben und Umweltchemie: Unsichtbare Akteure der planetaren Veränderung) statt. Hierbei kooperieren die Fachbereiche Biologie, Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften der Freien Universität mit der Abteilung „Materialien und Umwelt“ der BAM. Die Geomikrobiologin Professorin Anna Gorbushina ist an beiden Institutionen tätig und hat die Reihe initiiert.

Anna Gorbushina ist Professorin für Geomikrobiologie an der Freien Universität und Vizepräsidentin der BAM, wo sie auch die Abteilung „Materialien und Umwelt“ leitet.

Anna Gorbushina ist Professorin für Geomikrobiologie an der Freien Universität und Vizepräsidentin der BAM, wo sie auch die Abteilung „Materialien und Umwelt“ leitet.
Bildquelle: BAM, Bild: Michael Danner

Frau Professorin Gorbushina, was verbirgt sich hinter dem Titel „Microbes and Environmental Chemistry: Invisible Actors of Planetary Change”? 

Alle reden über den Klimawandel, das Thema wird immer drängender. Wichtig ist es, die dahinterliegenden, oft sehr komplexen Prozesse zu verstehen. Auch wenn einzelne Mikroorganismen mit dem bloßen Auge nicht erkennbar sind, erfüllen sie in unseren Bergen und Wüsten, Ozeanen und Flüssen äußerst wichtige Funktionen – trotz oder auch wegen der Erderwärmung und der durch sie veränderten Bedingungen. Sie beeinflussen die Kreisläufe von Elementen, Stoffen und Energie und bewirken so zum Beispiel, dass Böden Nahrungsmittel produzieren und dass Pflanzen gedeihen.

Sogar die Erdoberfläche wird durch faszinierende Wechselwirkungen zwischen Mikroben, anderen Organismen, dem Klima und der Plattentektonik geformt. Mit der Vortragsreihe möchten wir die Interaktionen zwischen Kleinstlebewesen oder einzelnen chemischen Reaktionen und der Erde in ihrer Gesamtheit darstellen.

Der zweite Gedanke hinter „Microbes and Environmental Chemistry: Invisible Actors of Planetary Change” ist, dasselbe Thema aus den Blickwinkeln verschiedener Disziplinen zu betrachten: der Biochemie, Mathematik, Geochemie und Mikrobiologie. Ich freue mich, dass ich sechs fantastische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für jeweils einen Vortrag gewinnen konnte. 

Alle Veranstaltungen werden außerdem von einem ‚Geo-Bio-Trio‘ moderiert: von Esther Schwarzenbach, Professorin für Geowissenschaften an der Freien Universität, Matthias Rillig, Biologieprofessor am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie der Freien Universität, und mir selbst. So wollen wir unterstreichen, dass Forschung am besten interdisziplinär an wichtige Fragestellungen herangeht.

Sind die Vorträge auch für Zuhörerinnen und Zuhörer gedacht, die sich bisher noch nicht mit Umweltchemie oder Mikrobiologie beschäftigt haben?

Unbedingt, wir wollen sie besonders allgemeinverständlich gestalten, gerade weil wir die Themen einem breiten Publikum zugänglich machen möchten. Forscherinnen und Forscher stellen vor, wie sie Computermodelle, analytische Messungen, Feldarbeit und Molekularbiologie einsetzen, um Mikroorganismen und die chemischen Reaktionen im Untergrund der Erde besser zu verstehen. 

Der Titel des ersten Vortrags lautet beispielsweise „How Plants Shape Mountains“. Es geht dabei um das Zusammenspiel von Biota – also allen lebenden Bestandteilen unserer Ökosysteme –, dem Klima und der Plattentektonik. Der Vortragende Todd Ehlers hat angekündigt, dieses geowissenschaftliche Thema sehr anschaulich auszuführen. Welche Rolle die Vegetation bei der Herausbildung von Gebirgen spielt, soll anhand modernster digitaler Modellierungsbeispiele sichtbar und leicht nachvollziehbar werden. 

Anlass für die Vortragsreihe ist das 150-jährige Bestehen der BAM. Was verbinden Sie persönlich mit der Einrichtung?

Mit der BAM verknüpfe ich die wissenschaftliche Arbeit an der Schnittstelle zwischen Lebendigem und Nicht-Lebendigem, zwischen der Umwelt und technischen Systemen, die auf sie einwirken. Diese Themen sind immer mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit verbunden und dem Fußabdruck, den wir Menschen auf diesem Planeten hinterlassen. 

An der BAM arbeite ich jetzt seit zwölf Jahren mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Grenzbereich zwischen den Geowissenschaften, der Biologie und der Materialkunde – und oft darüber hinaus. Ich erinnere mich, dass meine Bewerbung für die Stelle als Leiterin der Abteilung „Material und Umwelt“ in Kooperation mit der Freien Universität eine der leidenschaftlichsten war, die ich in meinem Leben verfasst habe. Eben, weil sich an der BAM Interdisziplinarität wirklich praktizieren lässt. 

Ziel ist dabei immer die konkrete Anwendung. „Wissenschaft mit Wirkung“ lautet daher das Jubiläumsmotto der BAM und ist auch der Titel der ganzjährigen Vorlesungsreihe. Für mich heißt das, dass es nicht nur darum geht, Prozesse zu verstehen, sondern mit konkreten Lösungen die Industrie und Wirtschaft bei der Transformation zu mehr Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit zu unterstützen. Ein konkretes Beispiel aus dem Mikrokosmos: Durch ein besseres Verständnis der Pilzbiofilme auf Solaranlagen können wir diese Form der Energiegewinnung noch effizienter gestalten.

Die Fragen stellte Jennifer Gaschler

Weitere Informationen

„Microbes and Environmental Chemistry: Invisible Actors of Planetary Change” findet auf Englisch via Webex statt. Den Link finden Sie über den jeweiligen Veranstaltungstitel.

14.10.2021, 16 Uhr: How Plants Shape Mountains
Prof. Todd Ehlers, PhD 
Chair of Geology, Department of Geosciences, University of Tübingen; Currently Moore Distinguished Scholar, California Institute of Technology, USA 

21.10.2021, 16 Uhr: Algae darken Greenland’s ice – small cells, huge consequences
Prof. Dr. Liane G. Benning 
Helmholtz Centre Potsdam GFZ German Research Centre for Geosciences – Head of Section  „Interface Geochemistry”; Professor for Interface Geochemistry, Freie Universität Berlin 

28.10.2021, 16 Uhr: Microbes in man-made systems
Prof. Dr. Lisa Gieg
Lead of geno-MIC „Managing Microbial Corrosion in Canadian Offshore and Onshore Oil Production” project; Professor (Associate), Department of Biological Sciences at University of Calgary, Canada

04.11.2021, 16 Uhr: Does life drive rock weathering? 
Prof. Dr. Friedhelm von Blanckenburg
Helmholtz Centre Potsdam GFZ German Research Centre for Geosciences – Head of Section „Earth Surface Geochemistry”; Professor of the Geochemistry of the Earth Surface, Freie Universität Berlin 

11.11.2021, 16 Uhr: Global change microbiology — big questions about small life for our future
Prof. Dr. Antje Boetius
Director Alfred-Wegener-Institute, Helmholtz Centre for Polar & Marine Research; Deputy director Centre for Marine Environmental Science (MARUM), Bremen University; Professor Max Planck Institute for Marine-Microbiology 

18.11.2021, 16 Uhr: Of survival artists and superheroes — microbial life in terrestrial extreme habitats
Prof. Dr. Dirk Wagner 
Director Department Geochemistry, Helmholtz Centre Potsdam GFZ German Research Centre for Geosciences; Head of Section „Geomicrobiology”; Professor for Geomicrobiology and Geobiology at University of Potsdam