Springe direkt zu Inhalt

„Entscheidend ist der Kontakt zur russischen Diaspora“

Interview mit dem Ökonomen Andrei Yakovlev und dem Politikwissenschaftler Alexander Libman über die Situation Forschender in Russland und im Exil

08.01.2026

Teilnehmende der RASA-Konferenz Ende Oktober/Anfang November 2025 an der Freien Universität Berlin.

Teilnehmende der RASA-Konferenz Ende Oktober/Anfang November 2025 an der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: RASA

Jährlich kommen führende russischsprachige Wissenschaftler*innen, die im Ausland forschen, zur Jahreskonferenz der Russian-American Science Association (RASA) zusammen. Nun fand die Konferenz zum ersten Mal in Europa statt: Gastgeberin war vom 31. Oktober bis 1. November 2025 die Freie Universität Berlin. Maßgeblich organisiert haben die Konferenz der russische Ökonom Andrei Yakovlev, der seit seiner Flucht aus Russland unter anderem in Harvard und an der Freien Universität forscht, sowie Alexander Libman, Professor für Politikwissenschaft am Osteuropa-Institut der Freien Universität.

Herr Professor Yakovlev, welches Anliegen verfolgt die Russian-American Science Association (RASA)?

Andrei Yakovlev: Die RASA wurde 2010 von russischen Wissenschaftler*innen gegründet, die in den USA forschten und lehrten. Zu dieser Zeit erfolgten in Russland unter dem damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew eine Reihe von weitreichenden Modernisierungen. Es war eine Periode der Hoffnung hinsichtlich einer freien Entwicklung der russischen Gesellschaft.

Unter diesem Eindruck wollten die Gründungsmitglieder von RASA einen Beitrag von Seiten der Wissenschaft leisten. Ziel war es, die Wissenschaftsbeziehungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten zu stärken. Die RASA-Mitglieder wollten einerseits ihre russischen Heimatuniversitäten unterstützen und andererseits die russische Wissenschaft stärker in das internationale System integrieren.

Die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Öffnung Russlands währte allerdings nur wenige Jahre. Spätestens seit 2013 verschlechterte sich die politische Situation im Land zunehmend. Im Zuge wachsender Repressalien wurde die RASA schließlich immer mehr zu einem Zufluchtsort für kritische russische Wissenschaftler*innen im Exil.

In diesem Jahr fand die Jahreskonferenz der RASA erstmals in Europa statt. Warum entschied man sich für Berlin und die Freie Universität?

Yakovlev: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 mussten Tausende kritischer Wissenschaftler*innen aus Russland fliehen – auch ich selbst. Die allermeisten von ihnen sind nach Europa gegangen, einige auch nach Zentralasien. Das Anliegen der RASA war es, diese Menschen zu unterstützen und miteinander zu vernetzen. Berlin bot dafür ideale Bedingungen.

Alexander Libman: Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zu einem genuinen Zentrum der russischen Diaspora entwickelt. Sie ist in der Hauptstadt sehr stark präsent, auch auf institutioneller Ebene. Mehrere wichtige Exilinstitutionen und Think Tanks sind inzwischen hier angesiedelt, etwa das Berlin Eurasia Carnegie Center.

Für die Freie Universität ist das auch eine große Chance. Die russische Diaspora ist eine enorm wichtige Quelle, wenn es darum geht, aktuelle Entwicklungen in Russland zu verstehen. Gerade in Zeiten, in denen die Forschungsmöglichkeiten in Russland stark eingeschränkt sind. Für westliche Wissenschaftler*innen, die zur russischen Politik und Wirtschaft arbeiten, geht kein Weg am Dialog mit der Diaspora vorbei.

Was nehmen Sie von der Konferenz mit?

Libman: Aus meiner Sicht ist die Konferenz in jeder Hinsicht sehr gelungen. Wissenschaftlich haben wir es geschafft, Spitzenkräfte aus unterschiedlichen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen nach Berlin zu holen.

Noch wichtiger als der wissenschaftliche Fachdiskurs war vielleicht der Netzwerk-Charakter. Uns ist es gelungen, weite Teile der großen russischsprechenden akademischen Diaspora zu erreichen. Dabei handelt es sich natürlich nicht um eine homogene Gruppe. Es sind Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen, Lebensumständen und Interessen. Es gibt etwa Forschende, die Russland schon lange verlassen haben und in der Europäischen Union eine erfolgreiche akademische Karriere vorantreiben. Sie trafen bei der Konferenz auf Menschen, die 2022 oftmals sehr spontan aus Russland fliehen mussten, weil sie sich gegen den Krieg positioniert haben. Hier haben wir sehr fruchtbare Diskussionen erlebt.

Herr Yakovlev, haben Sie noch Kontakt zu Wissenschaftler*innen in Russland?

Yakovlev: Ja, das habe ich. Es gibt viele Wissenschaftler*innen, die dem Krieg sehr kritisch gegenüberstehen, aber aus verschiedensten Gründen im Land bleiben mussten. Viele haben etwa Verpflichtungen gegenüber ihren Familien oder schlicht nicht das Geld für eine Ausreise. Für diese Menschen ist es sehr gefährlich, sich öffentlich zu äußern. Ich bemerke aber leider auch mehr und mehr eine Ermüdung. Viele Menschen, die zu Anfang des Krieges sehr kritisch waren, wenden sich jetzt mehr und mehr ab. Sie wollen keine Nachrichten mehr lesen und gehen in eine Art innere Emigration.

Herr Libmann, wie hat der russische Überfall die Arbeit am Osteuropa-Institut der Freien Universität verändert?

Libman: Der Krieg hat unsere Arbeit fundamental verändert. Traditionelle Beziehungen zu russischen Institutionen wurden gekappt, die Forschungsmöglichkeiten in Russland stark eingeschränkt. Dies ging so weit, dass es 2022 Diskussionen gab, ob unter den aktuellen Bedingungen Russlandforschung überhaupt noch möglich sei. 

Das Osteuropa-Institut der Freien Universität hat seitdem sein Forschungsprofil stark erweitert. Heute geschieht dort viel mehr Forschung zur Ukraine und Zentralasien. Russland bleibt jedoch ein wichtiger Teil unseres Forschungsprofils. Die RASA-Konferenz unterstreicht, dass wir im Bereich der Russlandforschung auch unter den aktuell sehr schwierigen Bedingungen vorankommen – dazu ist, wie gesagt, der Kontakt zur Diaspora entscheidend.

Die Fragen stellte Dennis Yücel