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„Wir werden Humboldt Forum“

Am 20. Juli öffnet das Humboldt Forum für die Öffentlichkeit – die Ausstellung „Nach der Natur“ im Humboldt Labor zeigt die Arbeit auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Freien Universität

20.07.2021

Aus dem Audimax der Freien Universität auf die digitale Wand im Humboldt Forum: Jessica Gienow-Hecht, Historikerin am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin, forscht im Exzellenzcluster SCRIPTS.

Aus dem Audimax der Freien Universität auf die digitale Wand im Humboldt Forum: Jessica Gienow-Hecht, Historikerin am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin, forscht im Exzellenzcluster SCRIPTS.
Bildquelle: Christine Boldt

Was hat Friedrich Eberts Blinddarm, eingelegt und als Nasspräparat ausgestellt, mit der Verwundbarkeit der Demokratie zu tun? Was ein irgendwann im Corona-Jahr 2020 als Strandgut angespülter Mund-Nasen-Schutz mit dem Verhältnis Mensch-Natur? Was sagt ein virtueller Fischschwarm über wissenschaftliches Arbeiten aus? Und was macht all das in einer Ausstellung mit dem Titel „Nach der Natur“? Wilhelm und Alexander von Humboldt würden argumentieren, dass alles Wechselwirkung ist und Wissenschaft nie aufhört, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Man könnte aber auch einfach sagen: Das erfahren Sie von heute an im Humboldt Labor.

Von Schwärmen lernen: Die interaktive Projektion wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Clusters MATH+ programmiert. Auf den Bildschirmen im Foyer des Humboldt Labors präsentieren sich die sieben Berliner Exzellenzcluster.

Von Schwärmen lernen: Die interaktive Projektion wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Clusters MATH+ programmiert. Auf den Bildschirmen im Foyer des Humboldt Labors präsentieren sich die sieben Berliner Exzellenzcluster.
Bildquelle: Humboldt‐Universität zu Berlin / schnellebuntebilder / Foto: Philipp Plum

Ein virtueller Fischschwarm, auf ein Leinwand-Halbrund projiziert und von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Exzellenzclusters MATH+ programmiert (Sprecherschaft: Freie Universität Berlin), nimmt fast den ganzen ersten Raum des Humboldt Labors ein. Bewegt man die Hände schnell vor der Leinwand, stieben die Fische auseinander.

An den Wänden drumherum präsentieren sich auf hochformatigen Bildschirmen die sieben Exzellenzcluster von Freier Universität, Humboldt-Universität, Technischer Universität und Charité – Universitätsmedizin Berlin. Ein achter Bildschirm steht – nicht nur bildlich – quer zu den anderen: Dort kommentieren Studierende die Exzellenzstrategie kritisch und stellen das Leistungsprinzip in Frage.

Der Schwarm als Metapher in der Ausstellung „Nach der Natur“, mit der wie mit weiteren fünf Ausstellungen heute das Humboldt Forum eröffnet wird: als Metapher für das sich permanent wandelnde Wissen, für das Arbeiten im Verbund, für Schwarmproduktion und Interdisziplinarität; die Interaktivität als Illustration des Prinzips, dass alles, was man tut – und unterlässt – Auswirkungen hat.

Blick in die Eröffnungsausstellung des Humboldt Labors. Im Vordergrund: Eine Maske des beninischen Künstlers Romuald Hazoumè, im Hintergrund die digitale Wand.

Blick in die Eröffnungsausstellung des Humboldt Labors. Im Vordergrund: Eine Maske des beninischen Künstlers Romuald Hazoumè, im Hintergrund die digitale Wand.
Bildquelle: Humboldt‐Universität zu Berlin / schnellebuntebilder / Inside Outside | Petra Blaisse / Foto:
Philipp Plum

Wie die Wissenschaft selbst, die keinen Anfang und kein Ende hat, soll auch die Ausstellung im ersten Stock des Humboldt Forums, die das Zusammenspiel von Natur- und politischen Krisen zeigen will, keinen Anfang und kein Ende haben: Der Einstieg ist über jedes Objekt und an jeder Stelle möglich. Der Ausstellungstitel zitiert die Überschrift des Elementargedichts „Nach der Natur“ von W.G. Sebald, das vom Konflikt zwischen Mensch und Natur handelt und von der „lautlosen Katastrophe“ der Naturzerstörung erzählt.

Digitale Wand, schwebende Kästen, sprechende Archive

„Das Ganze ist ein Experiment“, sagt Kurator Gorch Pieken und zeigt in den Hauptraum. Die gesamte linke Wand wird von einem eigens für das Humboldt Labor entworfenen Video-System eingenommen: Über Rollos, die nach einer bestimmten Abfolge automatisch heruntergelassen und aufgerollt werden, setzen sich großformatige Bilder zu den Themenkomplexen Natur, Mensch, politische Systeme zusammen, antworten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in kurzen Video-Statements auf Fragen: die Professorinnen Tanja Börzel, Marianne Braig, Jessica Gienow-Hecht, Schirin Amir-Moazami, Gülay Çağlar und Gudrun Krämer von der Freien Universität und andere Forschende des Exzellenzclusters SCRIPTS (die Sprecherschaft des Clusters liegt bei der Freien Universität Berlin und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung).

Der Cluster beschäftigt sich mit den Herausforderungen und Auseinandersetzungen rund um das liberale Ordnungsmodell. Nähert man sich der Wand, wird der Ton der gerade interviewten Person lauter; Tweets und Posts von Besucherinnen und Besuchern, die sich an der Debatte beteiligen wollen, können auf die Wand projiziert werden.

Die Präsentation des Lautarchivs - auch 800 deutsche Dialekte sind dort zu hören, erstmals transkribiert.

Die Präsentation des Lautarchivs - auch 800 deutsche Dialekte sind dort zu hören, erstmals transkribiert.
Bildquelle: Humboldt‐Universität zu Berlin, Hermann von Helmholtz‐Zentrum für Kulturtechnik – Lautarchiv /
Inside Outside | Petra Blaisse / Ausstellungsgrafik: Julia Neller Foto: Philipp Plum

An der gegenüberliegenden Seite werden drei Archive präsentiert, deren Texte, Fotos und Tonaufnahmen einander ergänzen, eines davon ist das Lautarchiv mit 800 historischen deutschen Dialektaufnahmen, die für die Ausstellung erstmals transkribiert wurden, von Studierenden.

Bitte anfassen!

Im gesamten Mittelteil des Saals hängen – auf Brusthöhe der Besucherinnen und Besucher – an scherenartigen Metallbändern gläserne Schaukästen von der Decke. Sie können hochgefahren werden, wenn der Raum für Veranstaltungen genutzt werden soll.

Jeder Kasten ist mit einem Ausstellungsobjekt bestückt, manche sind an den Seiten offen zum Hineinfassen. „Das sind alles Exponate aus universitären Lehrsammlungen, die schon Generationen von Studierenden in den Händen hatten“, erläutert Gorch Pieken. Anfassen ist also nicht nur erlaubt, sondern erwünscht: das geologische Modell des Aletschgletschers etwa, der dem Original in natura längst nicht mehr ähnelt, weil der Gletscher inzwischen auf die Hälfte abgeschmolzen ist.

Friedrich Ebert, erstes demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt in Deutschland, starb 1925 nach einer zu spät erfolgten Blinddarm-Operation. Seine Rede anlässlich seiner Vereidigung als Reichspräsident sechs Jahre zuvor ist im Humboldt Labor zu hören.

Friedrich Ebert, erstes demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt in Deutschland, starb 1925 nach einer zu spät erfolgten Blinddarm-Operation. Seine Rede anlässlich seiner Vereidigung als Reichspräsident sechs Jahre zuvor ist im Humboldt Labor zu hören.
Bildquelle: Christine Boldt

Wunderkammer neu interpretiert

Der Kurator hätte am liebsten alles ohne gläserne Barriere gezeigt: Weil Wissenschaft offen sein solle und begreifbar für alle. Das Prinzip der Wunderkammer – ein Sammlungskonzept aus der Spätrenaissance und dem Barock, bei dem, wie in einem großen Setzkasten, Objekte verschiedener Art und Herkunft nebeneinander gezeigt werden – habe man für das Humboldt Labor neu interpretiert, sagt er.

„Das, was als Wissen da ist, soll multiperspektivisch gesehen werden“, erläutert Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, das Prinzip der Schau, die ihre Universität verantwortet. Jedes Objekt wird deshalb durch mehrere (Text-)Tafeln erläutert, die jeweils verschiedene Zugänge zu dem Exponat dokumentieren, eine der Tafeln ist immer eine Zeichnung.

Angehängt: Wissenschaftlerinnen des Exzellenzclusters Temporal Communities haben ausgewählte Exponate durch Hörstücke mit literaturwissenschaftlicher Perspektive ergänzt. Auch zu Friedrich Eberts Blinddarm gibt es eine solche Ergänzung.

Angehängt: Wissenschaftlerinnen des Exzellenzclusters Temporal Communities haben ausgewählte Exponate durch Hörstücke mit literaturwissenschaftlicher Perspektive ergänzt. Auch zu Friedrich Eberts Blinddarm gibt es eine solche Ergänzung.
Bildquelle: Christine Boldt

Hörparcours „Zugetextet“

Eine weitere Ebene haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective“ hinzugefügt: Über mit QR-Codes bedruckte Etiketten, die an ausgewählten Schaukästen baumeln, laden sie die Besucherinnen und Besucher in kurzen Hörstücken dazu ein, die Objekte in weiteren Text-Zusammenhängen zu betrachten. Der Hörparcours mit dem Titel „Zugetextet“ gibt gleichzeitig Einblick in die Arbeit des bundesweit einzigen literaturwissenschaftlichen Exzellenzclusters, der an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist. Eine Ausstellung in der Ausstellung.

Nachdenken über das Ausstellungsmachen

Die Ausstellung insgesamt sei der Versuch, so Gorch Pieken, an wenigen Objekten zu zeigen, wie Wissenschaft funktioniert: „Damit leistet man mehr für die Bewahrung einer ganzen Sammlung, als wenn man sie vermeintlich schützt und im Depot eines Museums verschließt“, argumentiert der Kurator.

Und noch eine Ebene schwingt mit: Die Schau ist auch ein Nachdenken über das Ausstellungsmachen: Wie kann die Ressource Ausstellungsstück verantwortlich gezeigt, verwaltet und für nachfolgende Generation erhalten werden? Wie können Ausleihe und der damit verbundene Transport von Exponaten klimaschutzgerecht erfolgen? Wie viel Licht verträgt ein Stück, ohne Schaden zu nehmen?

„Wir müssen sehen, ob unser Konzept funktioniert und die Besucherinnen und Besucher die vielen Ebenen der Konzeption und des Sehens erkennen“, sagt Gorch Pieken, „oder ob man sie doch etwa über Markierungen auf dem Fußboden leiten sollte.“

Blick in die Arbeit der Berliner Universitäten auf 750 Quadratmetern

750 von 30 000 Quadratmetern bespielt das Humboldt Labor, das sind gerade mal 2,5 Prozent der Gesamtfläche des Hauses. Dennoch hoffe man, über die Ausstellung möglichst viele Menschen zu erreichen, sagt der Kurator. Und sie dazu zu bringen, immer wieder zu kommen. Deshalb ist die Ausstellung kostenlos.

„Endlich offen“ heißt es auf dem Flyer, und vom heutigen 20. Juli von 14 Uhr an, ist das Humboldt Forum tatsächlich „endlich offen“. 2002 hatte der Bundestag der Errichtung des Neubaus an der Stelle des ehemaligen Stadtschlosses und dem Nutzungskonzept zugestimmt – Architekt Frank Stella hat das Gebäude mit drei historisierenden Fassaden und einer modernen entworfen. Viele Debatten haben die Realisierung des Projekts in den vergangenen Jahren begleitet, Generalintendant Hartmut Dorgerloh wünscht sich, dass die Debatte über das Humboldt Forum nun endlich im Humboldt Forum stattfindet.

Sechs Ausstellungen, drei Kernthemen

Drei Kernthemen durchziehen die insgesamt sechs Eröffnungsausstellungen, die von heute an im ganzen Haus zu sehen sind: die Geschichte des Ortes – vom Dominikanerkloster über das Hohenzollernschloss, den Palast der Republik in der DDR bis zum Humboldt Forum; die Brüder Humboldt: Was bedeutet ihre Art, die Welt zu sehen, für uns heute? Und drittens: die Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Kolonialität.

Das Motto des Hauses „Wir werden Humboldt Forum“ ist Programm: Auch der heutige Eröffnungstag soll nicht Endpunkt eines Prozesses sein, sondern als einzelner Tag im Werden des Projekts verstanden werden, das gleichzeitig Stadtquartier, Begegnungsstätte und Experimentierfläche sein will.

Weitere Informationen

An diesem 20. Juli 2021 um 14 Uhr öffnet das Humboldt Forum für die Öffentlichkeit. In den ersten 100 Tagen ist der Besuch aller sechs Ausstellungen kostenlos; die Ausstellung Nach der Natur im Humboldt Labor, in dem Forschung der Berliner Universitäten vorgestellt wird, wird dauerhaft kostenlos sein.