Springe direkt zu Inhalt

Das „Galileo“ wird 30 – und bangt um seine Zukunft

Wegen der Corona-Pandemie musste die Jubiläumsfeier des „Ristorante Galileo“ auf dem Campus der Freien Universität verschoben werden – angesichts der geschlossenen Universität ist der Fortbestand des Restaurants bedroht

08.06.2020

Seit dreißig Jahren betreiben Cosimo und Chun Wai Dalessandro das Ristorante Galileo.

Seit dreißig Jahren betreiben Cosimo und Chun Wai Dalessandro das Ristorante Galileo.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Als Cosimo Dalessandro und Chun Wai am 17. April 1990 ihr Restaurant eröffneten, war einer ihrer ersten Gäste ein Student, der an diesem Tag ebenfalls neu an der Freien Universität war. 30 Jahre später gibt es das „Galileo“ immer noch, und aus dem damaligen Studenten ist ein Professor geworden. Auch wenn dieser jetzt an der Universität in Potsdam lehre, komme er immer noch gerne ins „Galileo“, sagt Cosimo Dalessandro.

Prominente zu Gast

Neben den Studierenden, die aus einer eigenen Karte mit ermäßigten Preisen wählen können, und den Universitätsangehörigen haben in all den Jahren auch einige berühmte Gäste bei ihnen gespeist: Hans-Dietrich Genscher etwa, der langjährige Bundesaußenminister in den Regierungen Helmut Schmidt und Helmut Kohl, oder Politikwissenschaftsprofessorin Gesine Schwan, die während ihrer Zeit als Dekanin am Otto-Suhr-Institut Stammgast im „Galileo“ war. Genauso wie der Schriftsteller und ehemalige Philosophie-Professor der Freien Universität Peter Bieri, der dem Ehepaar ein italienisches und ein chinesisches Exemplar seines – unter seinem Pseudonym Pascal Mercier veröffentlichten – großen Erfolgs „Nachtzug nach Lissabon“ schenkte.

Über das Italienzentrum der Freien Universität speisen auch immer wieder Gäste aus Italien bei Cosimo Dalessandro. Manch einer dieser Gäste habe ihm schon gesagt, er habe im „Galileo“ besser gegessen als in Italien, erzählt der Wirt.

Gerichte aus Apulien, der Heimat von Cosimo Dalessandro, sind die Spezialität des Ristorante Galileo.

Gerichte aus Apulien, der Heimat von Cosimo Dalessandro, sind die Spezialität des Ristorante Galileo.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Leidenschaft fürs Kochen von der Mutter geerbt

Gerade auf die Stammkunden, auf die an der Freien Universität Beschäftigten, ist das Gastronomen-Ehepaar wegen der nicht ganz exponierten Lage des Restaurants über der Silberlaube angewiesen: „Wir sind nicht da, wo Passanten und Touristen sind. Wenn wir einmal einen Fehler machen, verzeiht man uns das noch. Aber wenn wir den Fehler ein zweites Mal machen, kommt womöglich ein ganzer Fachbereich nicht mehr“, sagt Cosimo Dalessandro. „Es gibt eine große Erwartung, immer gut zu sein. Aber ich nehme das als Herausforderung, bisher hat es immer gut geklappt.“

Dass es immer gut geklappt hat, könnte an Dalessandros Leidenschaft liegen, seinem Geheimrezept, wie er erklärt. Für ihn stehe nicht der Umsatz im Vordergrund, sondern die Zufriedenheit seiner Gäste. „Wer aus unserem Restaurant hinausgeht, soll mehr bekommen haben, als er dort gelassen hat.“ Die Leidenschaft fürs Kochen habe er von seiner Mutter, die er in den Anfangsjahren des „Galileo“ immer wieder nach Rezepten gefragt habe.

1977 lernten sich der Italiener aus Putignano in Apulien im Südosten des Landes, und Chun Wai, die ursprünglich aus Hongkong stammt, in Berlin kennen. Ihr Vater war ebenfalls Koch, und eigentlich hatte Chun Wai nie in der Gastronomie arbeiten wollen. Es kam anders – auch wenn ihre eigenen, chinesischen Kochkünste dem privaten Haushalt der Familie Dalessandro vorbehalten sind. „Wir haben zwei Feinschmecker-Kinder, die mit den beiden besten Küchen der Welt aufgewachsen sind“, sagt Cosimo Dalessandro. Als sie 1990 ihr Restaurant gründeten, nannten sie es „Galileo“ – „weil das gut zur Wissenschaft passt.“

80 Prozent weniger Umsatz als vor Corona

Die Leidenschaft des Gastronomen-Ehepaars zeigt sich auch an der immer weiter und neu entwickelten Speisekarte. Die Ideen dafür sammelt Cosimo Dalessandro beim jährlichen Aufenthalt des Ehepaars in Apulien, eine Region, die mit ihren Oliven- und Mandelhainen als „Garten Italiens“ gelte. „Wir haben immer schon innovativ gekocht.“ Die Burrata zum Beispiel habe er auf die Speisekarte aufgenommen, als die sahnige Mozzarella-Variante in Deutschland noch relativ unbekannt war. „Auch der Büffelmozzarella wurde erst im Laufe der vergangenen zehn Jahre beliebter, ebenso die guten Weine aus Apulien wie der Primitivo“, sagt Chun Wai.

Ob Schwertfisch, Risotto mit grünem Spargel oder Spaghetti mit Ruccola-Pesto – das Wichtigste seien die frischen Zutaten, dafür geht Cosimo Dalessandro mehrmals in der Woche einkaufen. Auch jetzt, wo die Kundschaft wegen der Corona-Pandemie und der geschlossenen Universität ausbleibt. 80 Prozent seines Umsatzes sei weggebrochen, sagt der Gastronom.

Eigentlich wollten Cosimo Dalessandro und Chun Wai das 30-jährige Jubiläum groß feiern. Das musste ausfallen – oder zumindest verschoben werden. Es habe in der Vergangenheit schon manches Jahr gegeben, in dem die beiden wegen des Umsatzes gebangt hätten, aber so schlimm wie jetzt sei es nie gewesen. Das Hauptgeschäft machen sie normalerweise während des Semesters: wenn Studierende morgens einen Espresso bestellen, wenn sich mittags die Terrasse mit Gästen füllt und abends eine ganze Tagungs-Delegation zum Abendessen kommt. All das fällt in diesem Sommersemester aus.

Noch sind Cosimo Dalessandro und Chun Wai optimistisch. „Aber wenn das Wintersemester auch digital abgehalten wird, wird es kritisch. Dann müssen wir uns Sorgen machen.“