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Ausstieg aus der Achterbahn

Mit der App Nia verhilft eine Ausgründung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Freien Universität Neurodermitis-Patienten und Eltern von an Neurodermitis erkrankten Kindern schneller zum individuellen Behandlungsplan

06.01.2020

Starten aus Berlin-Dahlem in den digitalen Gesundheitsmarkt: Dr. Reem Alneebari, Oliver Welter, Tobias Seidl, Zeynep Ergin und Ekaterina Messchischwili (v.l.n.r.) von Nia Health.

Starten aus Berlin-Dahlem in den digitalen Gesundheitsmarkt: Dr. Reem Alneebari, Oliver Welter, Tobias Seidl, Zeynep Ergin und Ekaterina Messchischwili (v.l.n.r.) von Nia Health.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Das Start-up Nia Health erhält seit 1. Dezember ein EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und wird von der Gründungsförderung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Freien Universität Berlin betreut. Tobias Seidl, Oliver Welter und Reem Alneebari entwickeln Nia, eine App für Menschen, die unter der Hautkrankheit Neurodermitis leiden. Das Team hat sein Büro im Gründerhaus der Freien Universität in der Altensteinstraße 40. Mentoring leisten die Oberärztin und Privatdozentin Doris Staab von der Charité sowie Martin Gersch, Professor für Betriebswirtschaftslehre, und Tim Conrad, Professor für Medizinische Bioinformatik, beide von der Freien Universität. Campus.leben sprach mit zwei Gründern.

Herr Seidl, Herr Welter, worum geht es bei Nia?

Tobias Seidl: Nia ist die digitale Helferin für Menschen mit Neurodermitis. Mit einer tagebuchähnlichen Funktion können Patienten oder Eltern von betroffenen Kindern den Verlauf der Erkrankung aufzeichnen und Symptome mit Fotos dokumentieren. Auf Basis der erfassten Daten erhalten sie individuelle Unterstützung– etwa Handlungsempfehlungen oder Videoschulungen sowie einen übersichtlichen Bericht über den Krankheitsverlauf, den sie als Grundlage für Arztgespräche nutzen können. Wir bieten außerdem an, dass ein Facharzt oder eine Fachärztin aus unserem Expertenpool anhand der Daten ein dermatologisches Gutachten erstellt oder über Videotelefonie die Betroffenen persönlich berät.

Oliver Welter ist Chief Technical Officer von Nia Health. In dieser Funktion sammelte er bereits Erfahrung in mehreren Unternehmen der digitalen Gesundheitsbranche, zuletzt bei der caresyntax GmbH.

Oliver Welter ist Chief Technical Officer von Nia Health. In dieser Funktion sammelte er bereits Erfahrung in mehreren Unternehmen der digitalen Gesundheitsbranche, zuletzt bei der caresyntax GmbH.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Oliver Welter: Allein in Deutschland leiden über 4,5 Millionen Menschen an Neurodermitis. Die Krankheit tritt häufig in Form von Schüben auf. Das ist wie eine Achterbahnfahrt. Betroffene leiden unter Entzündungen und trockener, rauer Haut – meist verbunden mit quälendem Juckreiz. Häufig sind die Symptome nach außen sichtbar, was auch zu starker psychischer Belastung führen kann. Medizinisch gesehen handelt es sich um eine Überreaktion des Körpers, die durch viele verschiedene individuelle Reize ausgelöst werden kann, etwa Infektionen, Nahrungsmittel, Umwelteinflüsse, psychische oder psychosoziale Faktoren. Die Beschwerden lassen sich durch Behandlung zwar lindern, besser wäre es jedoch, die Auslöser zu finden und zu vermeiden.

Tobias Seidl: Dafür gibt es aber leider kein Patentrezept. Jeder Patient muss für sich herausfinden, was ihm hilft. Das ist oft ein langer Leidensweg mit vielen Arztbesuchen. Dazu kommt, dass etwa die Hälfte der Betroffenen Kinder sind. Deshalb wenden wir uns mit Nia vor allem an junge Mütter und Väter, die Unterstützung suchen. Schneller zum passenden Behandlungsplan – das ist unser Produktversprechen.

Wie funktioniert das im Detail?

Oliver Welter: Die App stellt zunächst Fragen zur Situation der Betroffenen. Danach empfehlen wir, mindestens vier Wochen lang nach unserem dermatologischen Bewertungsbogen Daten zu erfassen und Symptome mit dem Smartphone zu fotografieren. Die Fotos werden mithilfe von künstlicher Intelligenz zusammen mit Informationen über Medikamentierung, Ernährung und die Lebensumstände des Patienten verarbeitet und ausgewertet. Die Ergebnisse werden übersichtlich zusammengefasst und liefern die Grundlage für Behandlungsempfehlungen.

Unsere Empfehlungen und Schulungen beruhen auf einem an der Charité entwickelten Curriculum. Unsere Mentorin Doris Staab hat die Wirksamkeit dieser Maßnahmen in klinischen Studien eindeutig nachgewiesen. Der Verein AGNES e.V. bietet die Schulungen seit mehr als 20 Jahren an, sie sind bei Neurodermitis-Patienten sehr beliebt und werden von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Bisher finden sie aber nur offline statt. Mit der App machen wir diese bewährten Inhalte mehr Menschen zugänglich.

Tobias Seidl hat als Geschäftsleiter der Lebensmittel-Plattform Biodirekt bereits Start-up-Erfahrung und übernimmt bei Nia Health die operative und kaufmännische Verantwortung.

Tobias Seidl hat als Geschäftsleiter der Lebensmittel-Plattform Biodirekt bereits Start-up-Erfahrung und übernimmt bei Nia Health die operative und kaufmännische Verantwortung.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Wie ist die Idee für Ihr Start-up entstanden?

Tobias Seidl: Wir kamen aus zwei Richtungen und haben uns in der Mitte getroffen: Reems kleine Tochter hatte selbst Neurodermitis. Als Mutter und Dermatologin hat sie nach digitalen Angeboten gesucht und nichts Geeignetes auf dem deutschen Markt gefunden. Parallel hatten Oliver und ich unsere Jobs gekündigt, um nach einer Geschäftsidee mit Mehrwert für die Gesellschaft zu suchen. Dabei haben wir uns bestehende Angebote für chronische Krankheiten angesehen, haben mit Betroffenen gesprochen und sind zur gleichen Erkenntnis gekommen wie Reem: Für Eltern von Kindern mit Neurodermitis fehlt im deutschsprachigen Raum eine Lösung. Manche Eltern hatten schon angefangen, Fotos von den Symptomen ihrer Kinder zu machen, um sie beim Arzt zu zeigen – konnten sie aber nicht systematisch auswerten.

Welche Rückschläge mussten Sie verkraften?

Oliver Welter: Am Anfang haben Tobias und ich einen der führenden Neurodermitis-Experten in Deutschland kontaktiert und waren sehr froh, einen Termin zu bekommen. Im Gespräch hat er uns jedoch eine heftige Abfuhr erteilt und unser Projekt total abgelehnt. Das war ein schwerer Rückschlag für uns. Zum Glück konnten wir kurz darauf Doris Staab und Reem Alneebari als Mitstreiterinnen mit klinischer Expertise für unser Team gewinnen.

Welche Herausforderungen stehen Ihnen bevor?

Oliver Welter: Nach rund einem Jahr Entwicklungsarbeit ist ein erste Version von Nia seit ein paar Tagen im Google Play Store verfügbar. Das war ein großer Moment für uns! Aber das Produkt ist natürlich nie fertig und soll ständig besser werden. Deshalb verfolgen wir zurzeit sehr gespannt das Feedback der Nutzerinnen und Nutzer, um es in der weiteren Entwicklung aufzugreifen.

Tobias Seidl: Seit mehreren Monaten sind wir außerdem im Gespräch mit gesetzlichen und neuerdings auch mit einigen privaten Krankenkassen, die Nia ihren Versicherten im Rahmen von Selektivverträgen anbieten wollen. Anfang 2020 tritt außerdem das „Digitale Versorgungsgesetz“ in Kraft: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) aller Krankenkassen wird damit seine Zulassungsverfahren stärker für digitale Angebote öffnen. Wir werden uns für das sogenannte „Fast Track-Verfahren“ bewerben – mit dem Ziel, eines Tages Bestandteil der Regelversorgung aller Krankenkassen zu werden. Wie das Verfahren genau aussehen wird, weiß allerdings noch keiner so genau.

Tobias Seidl: Kurzfristig werden die Nutzerinnen und Nutzer die Kosten für die App also noch selbst tragen müssen. Die Basisfunktionen bieten wir kostenlos an, weitere Leistungen gibt es im monatlich kündbaren Abonnement oder als Einzelbuchung.

Die Fragen stellte Marion Kuka.

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