campus.leben-Serie: Wie das Berliner Startup-Stipendium Unternehmensgründungen unterstützt

Heute: Antimikrobielle Wasserfilter aus Krabbenschalen für die Fischzucht in Aquakulturen

09.04.2019

Im Co-Working Lab der Freien Universität arbeiten Zewang You (links) und Ayberk Coşkun (rechts) an einem innovativen Material für antimikrobielle Wasserfilter.

Im Co-Working Lab der Freien Universität arbeiten Zewang You (links) und Ayberk Coşkun (rechts) an einem innovativen Material für antimikrobielle Wasserfilter.
Bildquelle: Marion Kuka

Die Idee ist innovativ und hat Marktpotenzial, das Team ist gut aufgestellt – nun wird dringend eine Anschubfinanzierung für das Gründungsvorhaben gesucht. Für solche Fälle haben die Freie Universität Berlin, die Charité – Universitätsmedizin Berlin, der gemeinsame medizinische Fachbereich von Freier Universität und Humboldt-Universität zu Berlin, die Humboldt-Universität und die Technische Universität Berlin gemeinsam das Berliner Startup-Stipendium geschaffen, das schnell und unbürokratisch vergeben werden kann. Finanziert wird das Programm aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie des Europäischen Sozialfonds. Zwei bis vier Teammitglieder können mit 2.000 Euro monatlich über eine Laufzeit von sechs Monaten gefördert werden, eine Verlängerung um weitere sechs Monate ist möglich. An der Freien Universität Berlin haben bislang 30 Teams Stipendien erhalten.

Das Produkt von Zewang You, Olaf Wagner und Ayberk Coşkun sollte eigentlich ein Schwamm aus natürlichen Rohstoffen werden. Das Material, ein Biopolymer, entsteht in der Nahrungsmittelindustrie als Abfallprodukt. „Es besteht im Grunde aus Krabbenschalen“, sagt Ayberk Coşkun, der Wirtschaftswissenschaft an der Humboldt-Universität studiert hat.Durch Up-Cycling wollten die Gründer daraus eine biologisch abbaubare Alternative zu Plastikschwämmen herstellen. Die Schwämme sollten außerdem antimikrobielle Eigenschaften haben, also Bakterien abtöten. Ein Segen nicht nur für jede WG-Küche!

Die Idee entstand in der Arbeitsgruppe Haag

Die Idee hatte der promovierte Chemiker Zewang You als Postdoc in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Arbeitsgruppe von Rainer Haag, Professor für organische Chemie an der Freien Universität, entwickelt. Erste Versuche mit kleineren Mengen des Materials waren erfolgreich. You und seine Teamkollegen bewarben sich gemeinsam mit dem Gründungsvorhaben namens „Citolan Technologies“ für ein Berliner Startup Stipendium, das zum September 2018 bewilligt wurde.

In weiteren Experimenten stellte sich jedoch heraus, dass das Material in Form und Größe eines Schwammes nicht stabil sein würde. Das Ende des Start-up-Traums? Nein, denn die Gründer entwickelten aus dem Naturmaterial eine neue Anwendungsidee: antimikrobielle Wasserfilter. Anil Axel Tellbüscher – den Ayberk Coşkun für die Neuausrichtung des Start-ups ins Team holte – wusste als Wasserchemiker, dass Mikroben auch bei der Fischzucht in Aquakulturen große Probleme bereiten. Deshalb werden dort häufig Antibiotika eingesetzt. „Wasserfilter aus unserem Biopolymer wären eine umweltfreundliche und nachhaltige Alternative“, sagt Ayberk Coşkun. Soweit die Theorie. Bis zur Anwendung waren aber noch viele Fragen zu klären: Wie effektiv ist der Filter? Wie viele Bakterien kann er beseitigen, wenn große Mengen Wasser hindurchfließen? Im Co-Working Lab der Freien Universität setzte das Team eine Reihe neuer Experimente an. Bis Ende April sollen erste Ergebnisse vorliegen, dann wird sich entscheiden, ob die Gründer weitermachen können.

Weniger Risiko dank Gründungsförderung

Ayberk Coşkun ist realistisch: „Innovationen aus den Naturwissenschaften brauchen in der Regel viele Jahre, bis sie marktreif sind. Und sie sind riskant. Oft gibt es gibt viele technische Hürden, an denen sie scheitern können.“ Das habe er selbst am Beispiel der Idee mit dem Schwamm gelernt. Umso mehr wisse er zu schätzen, dass Gründerinnen und Gründer an der Freien Universität mit Räumen und Beratung unterstützt werden und Förderprogramme in Anspruch nehmen können. So übernehme der Staat einen Teil des hohen Risikos, das mit technologiebasierten Gründungsvorhaben verbunden ist.

Aber auch die Gründer tragen ihren Teil des Risikos: Coşkun hat die Aussicht auf eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter aufgegeben, um bei „Citolan Technologies“ einzusteigen. „Als ich über einen Freund von dem Team und der Geschäftsidee hörte, habe ich mich innerhalb einer Minute entschieden, mitzumachen.“ An „Citolan Technologies“ – der Name leitet sich vom Biopolymer Chitosan ab, das ein Hauptbestandteil der Filter ist – habe ihn vor allem die Nachhaltigkeit fasziniert, weil er sich bereits im Studium mit nachhaltigen Technologien beschäftigt hat. Wenn die Laborexperimente mit den Wasserfiltern positive Ergebnisse erbringen, ist sein Team bereit für den nächsten Schritt: Am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei könnten die Filter dann im „Feldversuch“ getestet werden.


Weitere Informationen

Berliner Startup Stipendium

Mit dem Berliner Startup Stipendium fördern die Freie Universität Berlin, die Technische Universität Berlin, Charité – Universitätsmedizin Berlin und die Humboldt-Universität zu Berlin Gründerinnen und Gründer, die innovative und/oder technologiebasierte Geschäftsideen im Team umsetzen wollen. Das Programm wird aus Mitteln der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie des Europäischen Sozialfonds finanziert. Zwei bis vier Stipendien zu jeweils 2.000 Euro monatlich über eine Laufzeit von sechs Monaten können pro Gründungsteam vergeben werden.

Ideenwettbewerb Research to Market Challenge

Die "Research to Market Challenge" ist ein Wettbewerb für forschungsbasierte Geschäfts- und Gründungsideen aus der Forschung der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin und der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Ausgerichtet wird dieser im Verbund der Berliner Universitäten in Kooperation mit der Stiftung Charité, der Ernst Reuter Gesellschaft, der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft und der Berliner Sparkasse.

In dem zweistufigen Wettbewerb können Angehörige und Alumni der beteiligten Organisationen ihre Ideen in deutscher oder englischer Sprache zu Papier zu bringen, als Wettbewerbsbeitrag einreichen und einen Plan für erste Schritte zur Umsetzung entwickeln. Zu gewinnen gibt es die Teilnahme an einem Geschäftsmodellentwicklungsworkshop und Preisgelder in Höhe von insgesamt 9.000 Euro.

Für die nächste Wettbewerbsrunde können Ideen aus den Bereichen "Digital & Technologies", "Life Sciences & Health" oder "Cultural & Social" bis zum 5. Mai 2019 eingereicht werden.