Den Menschen besser verstehen

Gastwissenschaftler J. Martin Ramirez erforscht das menschliche Aggressionspotenzial

18.12.2010

Es ist die Erforschung menschlichen Handelns, die Professor J. Martin Ramirez antreibt. „Wir sollten an allen Formen des Verhaltens interessiert sein“, sagt der Biopsychologe. „Denn nur auf diese Weise können wir den Menschen besser verstehen.“ Der Leiter der Forschungsgruppe „Soziobiopsychologie der Aggression“ an der spanischen Universidad Complutense de Madrid analysiert unter anderem Aggression, Kriege und Terrorismus aus einer interdisziplinären Perspektive.

Ramirez ist drei Monate lang Alexander von Humboldt-Stiftungs-Gastwissenschaftler an der Freien Universität Berlin gewesen. Sein Gastgeber war Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie an der Freien Universität.

Für J. Martin Ramirez bedeutete der Aufenthalt auch eine Rückkehr: Hier wurde er bei Professor Jorge Cervós-Navarro, dem langjährigen Direktor des Instituts für Neuropathologie, mit einer Arbeit „über die Innervation der Gehirnarteriolen“ promoviert.

Das menschliche Verhalten faszinierte J. Martin Ramirez bereits während seines Studiums. Als er im dritten Jahr Medizin an der Universidad Complutense in seiner Heimatstadt Madrid studierte, schrieb er sich auch für die Studiengänge Rechtswissenschaft, Philosophie und Erziehungswissenschaft ein. So wurde Ramirez beispielsweise zeitgleich mit dem Abschluss seines Medizinstudiums auch im Fach Philosophie promoviert. In seiner erziehungswissenschaftlichen Arbeit, die er an den Europäischen Schulen in Luxemburg, Brüssel und Karlsruhe einreichte, verglich er die Schulsysteme der damals sechs Mitglieder der Europäischen Gemeinschaften und lieferte zugleich Vorschläge zur Verbesserung der Schulsysteme.

Nach dem Abschluss seiner neurowissenschaftlichen Dissertation in Berlin ging Ramirez an die Ruhr-Universität Bochum, an der er zwei Jahre lang mit finanzieller Unterstützung der Alexander von Humboldt-Stiftung das Verhalten von Tauben untersuchte. Danach arbeitete er unter anderem als „Post-Doc“ an der Stanford University sowie als Professor für Biopsychologie an der Universidad Autónoma Madrid und an der Universität in Sevilla. Einladungen als Gastwissenschaftler führten ihn unter anderem an die Kennedy School of Government der Harvard University und an die Hoover Institution on War, Revolution and Peace der Stanford University.

In den 35 Jahren seiner wissenschaftlichen Arbeit veröffentlichte Ramirez mehr als 370 Publikationen, darunter 30 Monographien. Der Psychologe ist Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Fachzeitschriften. Er ist auch Präsident der Spanischen Abteilung der sogenannten Pugwash-Bewegung, die sich vor allem für den Frieden und die atomare Abrüstung einsetzt und die 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Zudem ist Ramirez Gründer der internationalen Kolloquien zu Konflikten und gewalttätigem Verhalten.

Seit 25 Jahren untersucht der Psychologe die Bereitschaft von Menschen zur Aggression. Durch eine Reihe kulturübergreifender Studien – unter anderem in Spanien, Finnland, Polen, Japan, Indien und im Iran – hat der Biopsychologe herausgefunden, dass das Aggressionspotenzial der Menschen weltweit vergleichbar ist. Es gebe aber regionale Unterschiede in der Ausdrucksweise: „Menschen aus orientalischen Ländern verbergen ihren Ärger häufiger“, sagt J. Martin Ramirez.

Aus den Untersuchungen sei hervorgegangen, dass das Aggressionspotenzial auch bei Frauen und Männern gleichgroß ist. Zwischen den Geschlechtern gebe es hierbei allerdings einen Unterschied: „Männer drücken ihre Aggressionen häufiger auf physische und somit direkte Art aus, Frauen dagegen auf psychische und indirekte Weise“, erläutert der Wissenschaftler. Daraus lasse sich jedoch nicht schlussfolgern, dass Männer aggressiver seien als Frauen. Frauen reagierten auf den ersten Blick gleichwohl mit mehr Bedacht.

Zu den wichtigsten Publikationen des Wissenschaftlers, der mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen geehrt wurde, gehört die „Erklärung über Gewalt“ von Sevilla aus dem Jahre 1986. Diese wurde drei Jahre später von der Generalversammlung der UNESCO übernommen. In dem Statement erklärten 20 Wissenschaftler, es sei falsch anzunehmen, dass die Gewaltbereitschaft von Menschen biologisch vorbestimmt und dass es Teil der menschlichen Natur sei, Kriege zu führen.

Im Jahr 1998 äußerte sich auch der Dalai Lama zu dem Dokument: „Es liefert vielleicht die umfassendste Erklärung, aus der hervorgeht, dass gewalttätiges Verhalten im Wesentlichen nicht angeboren, sondern vielmehr durch eine Vielzahl von biologischen, sozialen, situationsbedingten und Umweltfaktoren beeinflusst wird.“