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Geschichten entschlüsseln

Um islamische Kunst zu verstehen, braucht es ein Verständnis für Religion und Literatur

17.02.2021

Wendy Shaw, Professorin für Kunstgeschichte an der Freien Universität, plädiert für eine neue Perspektive auf islamische Kunst.

Wendy Shaw, Professorin für Kunstgeschichte an der Freien Universität, plädiert für eine neue Perspektive auf islamische Kunst.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Drache und Simurgh – ein Fabelwesen, das an den Phönix erinnert – zieren die Seite. Es ist ein Klassiker der persischen Literatur, die 22. Geschichte aus dem Zyklus „Golestan“, oder „Rosengarten“, von Sa’di, verfasst im 13. Jahrhundert. Die reich illustrierte Ausgabe stammt aus dem 16. Jahrhundert. In der chinesischen Tradition, so die Beschreibung des Berliner Museums für Islamische Kunst, stehen Drache und Simurgh für Glück und dauerhafte Zufriedenheit.

Doch all die Informationen beantworten eine simple Frage nicht: Warum wurden die beiden Fabelwesen in diesem persischen Manuskript abgebildet? „Wer mit der persischen Kultur vertraut ist, sieht mehr als bloß eine Dekoration oder einen chinesischen Vogel“, sagt Wendy Shaw. Die Professorin für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin plädiert für eine neue Perspektive auf islamische Kunst. Ihre Monografie „What is ‚Islamic‘ Art?“ teilt die Kunst nicht in Epochen und Regionen ein; im Mittelpunkt stehen stattdessen Geschichten und die Art und Weise, wie Philosophen, Theologen und Dichter sie über die Jahre interpretiert und immer wieder nacherzählt haben.

Für diesen neuen Zugang hat das Buch die Ehrennennung des Albert-Hourani-Buchpreises erhalten, der von der Middle East Studies Association in Nordamerika verliehen wird. Mit dem Preis werden herausragende Monografien aller Forschungsdisziplinen geehrt, die sich mit dem Nahen Osten beschäftigen. Wendy Shaws Arbeit ist erst die zweite aus der Kunstgeschichte, die prämiiert wird. Sie erhielt außerdem die Auszeichnung als „Buch des Jahres 2021“ des Irans.

Kultur kennen, um Kunst zu verstehen

Wie wichtig der geteilte kulturelle Kanon für das Verständnis von Kunst ist, wurde Wendy Shaw besonders deutlich, als sie mit ihrer kleinen Tochter ein Museum zu mittelalterlicher europäischer Kunst besuchte. „Warum gibt es hier so viele nackte Männer mit ausgestreckten Armen?“, fragte die Vierjährige. Sie kannte das Kruzifix nicht und konnte so die Bedeutung eines grundlegenden Motivs nicht begreifen.

„Die meisten, die in der heutigen Welt eine Ausstellung zu islamischer Kunst besuchen, sind ähnlich unwissend“, sagt Wendy Shaw. „Museen müssen die Wissenslücken kompensieren – doch die typischen Angaben zum geografischen und geschichtlichen Ursprung reichen dazu nicht aus.“

Die Illustration und das Gedicht aus dem „Rosengarten“ scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Die Zeilen erzählen von einem schwerkranken König, der zu seiner Heilung einen Jungen opfern soll. Doch als der Junge, auf Gott vertrauend, lächelnd seinem Tod entgegensieht, rührt das den König so sehr, dass er doch zu sterben bereit ist, um den Jungen leben zu lassen. Die Fabelwesen kommen nicht vor. Es ist eine zugängliche Geschichte mit einer religiösen Moral, der Koran wird zitiert. Die Bilder sollen auf den spirituellen Gehalt einstimmen. „Die Illustration dient als visueller Übergang zwischen der physischen Realität und der Welt der Geschichte“, sagt Wendy Shaw. „Es ist, als würde man einen tiefen Atemzug nehmen.“

Die Fabel der 30 Vögel

Dem Simurgh kommt eine Schlüsselrolle zu. In Wendy Shaws Buch erfährt man von seiner langen Tradition in der persischen Literatur: Aus dem mythischen Vogel im „Buch der Könige“ des epischen Dichters Firdausi entwickelte sich in den Schriften der Mystiker ein Sinnbild für platonische Gottesvorstellungen. Berühmt ist zum Beispiel die „Konferenz der Vögel“, eine Fabel des Dichters Farid al-Din Attar aus dem 12. Jahrhundert. Die unterschiedlichsten Vogelarten begeben sich darin gemeinsam auf die Suche nach ihrem sagenumwobenen König, dem Simurgh. Nur 30 Vögel überleben die beschwerliche Reise und stellen fest, dass sie selbst der König sind – „Simurgh“ kann auf Persisch auch „30 Vögel“ bedeuten.

Aus dem Golestan des Sa’di. Illustriertes Manuskript, datiert auf 1526 bis 1530.

Aus dem Golestan des Sa’di. Illustriertes Manuskript, datiert auf 1526 bis 1530.
Bildquelle: bpk Berlin / Museum für Islamische Kunst, SMB / Jürgen Liepe

Die Geschichte werde heute oft als Parabel für die Demokratie gedeutet, doch in erster Linie sei sie theologisch zu verstehen, sagt Wendy Shaw. Der stets flüchtige Simurgh ist ein Symbol für die Unmöglichkeit, das Göttliche irdisch zu repräsentieren. Bildliche Darstellungen sind im Islam zwar nicht grundsätzlich verboten, wie oft angenommen wird, erfüllen aber eine andere Funktion als in der europäischen Tradition.

Nicht alle Kulturen trennen Kunst und Religion

„Der Islam ist ein untrennbarer Teil der Kultur“, sagt Wendy Shaw. Nur selten aber würden der Koran und andere religiöse Texte als Quelle zum Verständnis von Kunst herangezogen. Auch die Gedichte der großen Poeten – darunter Sa’di, Attar, Nizami und Rumi – gälten vielen Kunsthistorikerinnen und -historikern als zu ungenau. „Gedichte verraten uns aber mindestens so viel über die Bedeutung von Objekten wie der politische Kontext“, sagt Wendy Shaw.

Hinzu kommen die blinden Flecken einer eurozentristischen Wissenschaft. Die europäische Hegemonie hat die westliche Moderne zum globalen Maßstab werden lassen. Aber viele moderne Ideen, insbesondere die säkuläre Trennung von Kunst und Religion, werden vor modernen und islamischen Kulturen nicht gerecht.

„Kunstgeschichte kann abstrakt wirken. Dabei geht es in der Forschung um interkulturelle Kommunikation – letztlich darum, wie wir voneinander lernen können“, sagt Wendy Shaw. Aufgewachsen in Los Angeles, stammt sie aus einer Familie mit osteuropäisch-jüdischen und türkischen Wurzeln. Kaum eine Generation ihrer Familie sei am Ort ihrer Geburt verblieben, erzählt sie.

„Geschichten fragen nicht, wem sie etwas erzählen.“

In Berlin befindet sich eine der größten Sammlungen weltweit zu islamischer Kunst. Sie biete einen Zugang zu den kulturellen Traditionen des Islams, der ganz anders ist als die stereotypen Narrative in den Medien, sagt Wendy Shaw. Außerdem empfiehlt sie, die literarischen Klassiker zu lesen. „Geschichten fragen nicht, wem sie etwas erzählen.“ Das mache die Literatur zur besten Vermittlerin zwischen den Kulturen.

Schlagwörter

  • Geschichts- und Kulturwissenschaften
  • Kunst
  • Literatur
  • Naher Osten
  • Religion