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Zwischen Orient und Okzident

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Botanischen Gartens und Botanischen Museums erforschen zusammen mit Institutionen in der Kaukasus-Region die dortige Pflanzenvielfalt

01.10.2020

Mosaik vieler Lebensräume. Gebirgslandschaft im Nord-Kaukasus (Karachay-Cherkessien, Russische Föderation).

Mosaik vieler Lebensräume. Gebirgslandschaft im Nord-Kaukasus (Karachay-Cherkessien, Russische Föderation).
Bildquelle: BGBM

Der Kaukasus kann mit spektakulären Landschaften und einer ungewöhnlich reichen Pflanzen- und Tierwelt aufwarten. Das liegt unter anderem daran, dass die gebirgige Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer eine riesige Palette an Lebensräumen für die unterschiedlichsten Ansprüche bietet. Da ragen im Norden die mehr als 5000 Meter hohen Gipfel des Großen Kaukasus mit ihren Gletschern, Gebirgswiesen und -wäldern empor.

Typisch für den Kleinen Kaukasus im Süden sind dagegen Wälder und Wiesen auf sanften Hügeln. Am Schwarzen Meer liegt das regenreiche Gebiet der Kolchis, in deren günstigem Klima zahlreiche Pflanzen die letzte Eiszeit überdauert haben und dichte Wälder gedeihen. Entsprechend dazu findet sich am südlichen Ufer des Kaspischen Meeres das Hyrkanische Waldgebiet – beide Waldregionen beherbergen eine große Zahl verschiedener Bäume und Sträucher, einige davon mit Vorfahren aus subtropischen Klimaten.

In den trockeneren, kontinentalen Landschaften im Osten prägen offene Steppen die Landschaft, die sich dann auf der Ostseite des Kaspischen Meeres auf riesigen Flächen in Südwest- und Zentralasien fortsetzen. Kein Wunder also, dass die Kaukasus-Ökoregion als eine der Schatzkammern der weltweiten Artenvielfalt gilt. In dem Gebiet, das mit 580000 Quadratkilometern Fläche ungefähr eineinhalb Mal so groß wie Deutschland ist, gibt es schätzungsweise 6300 Gefäßpflanzenarten. Und die Flora des Kaukasus besteht keineswegs nur aus Allerweltsgewächsen: „Etwa ein Viertel der dortigen Gefäßpflanzen sind sogenannte Endemiten, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen“, sagt der Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums (BGBM), Professor Thomas Borsch.

Ein Viertel der im Kaukasus vorkommenden Gefäßpflanzen gibt es nur dort

Für Botanikerinnen und Botaniker ist diese faszinierende Region daher schon lange ein spannendes Arbeitsgebiet. Zu Zeiten von Adolf Engler, der als Direktor des Berliner Botanischen Gartens zum Ende des 19. Jahrhunderts die Erforschung der weltweiten Pflanzenvielfalt maßgeblich voranbrachte, gab es bereits gute Beziehungen dorthin. Und diese sind nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wiederaufgelebt.

„Wenn wir die Flora des Kaukasus verstehen wollen, müssen wir möglichst in der gesamten Region arbeiten“, betont Thomas Borsch. Mit Forschungsinstitutionen aus der Russischen Föderation kooperiert das Berliner Team daher ebenso wie mit solchen aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien. „2009 haben wir zusammen mit Partnern in der Region die Kaukasus-Biodiversitäts-Initiative ins Leben gerufen“, sagt der BGBM-Direktor. Sie bildet den Rahmen für Projekte mit dem Ziel, die Pflanzenvielfalt des Kaukasus zu erforschen, den wissenschaftlichen Austausch und die Kapazitäten in den Kaukasus-Ländern zu fördern und das Wissen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der kaukasischen Biodiversität verfügbar zu machen.

Auf Wildbirnen-Erkundung. Thomas Borsch in Georgien.

Auf Wildbirnen-Erkundung. Thomas Borsch in Georgien.
Bildquelle: G. Parolly

Durch die Förderung der Volkswagen-Stiftung konnte von 2012 an das Projekt „Developing Tools for Conserving the Plant-Diversity of the South Caucasus“ (Entwicklung von Werkzeugen zum Erhalt der Pflanzendiversität des Südkaukasus) umgesetzt werden. Beteiligt waren das Takhtajan-Institut für Botanik und das Orbeli-Institut für Physiologie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Republik Armenien, das Institut für Botanik der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Republik Aserbaidschan mit dem Botanischen Garten in Baku sowie das Institut für Botanik der Ilia-State-Universität und der Nationale Botanische Garten in Tbilisi, der Botanische Garten Batumi und das Georgische Nationalmuseum in Tbilisi.

„Alle in dem Projekt untersuchten Pflanzen sind so vielfältig wie die Natur des Kaukasus selbst“

In diesem Projekt ging es zunächst darum, ausgewählte Pflanzengruppen modellhaft zu untersuchen, die im Kaukasus mit vielen Arten vorkommen. Die Wahl fiel dabei unter anderem auf die Flechten und die Glockenblumen, die Korbblütler, die Lippenblütler, die Nelkengewächse und die Wildbirnen (Rosengewächse). Wildbirnen spielen auch als Verwandte von Kulturpflanzen eine wichtige Rolle – zumal viele der Wildarten an trocken-warme Umweltbedingungen angepasst sind. Ihr Erhalt könnte daher für die künftige Züchtung von Kultur-Birnen in Zeiten des Klimawandels von ganz praktischer Bedeutung sein. „Alle in dem Projekt untersuchten Pflanzen sind so vielfältig wie die Natur des Kaukasus selbst“, konstatiert Thomas Borsch. Gezeigt werden konnte unter anderem, dass es seit mehreren Millionen Jahren Pflanzenwanderungen zwischen Orient und Okzident gab, die einen großen Einfluss auf die Entstehung der Artenvielfalt im Kaukasus hatten.

„Zu den ausdrücklichen Zielen der Kaukasus-Kooperation gehört nicht nur die Vermittlung und Etablierung moderner Forschungsmethoden, sondern auch der Aufbau von molekularen Laborkapazitäten und die Entwicklung von Sammlungen wie Herbarien oder dokumentierten Lebendpflanzen in Botanischen Gärten“, betont Thomas Borsch. Auf unzähligen gemeinschaftlichen Exkursionen in der gesamten Kaukasus-Region wurden in den vergangenen zehn Jahren tausende von Proben gesammelt und in den Sammlungen der Kaukasus-Länder sowie im Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin hinterlegt.

Digitalisierung vorantreiben

Mit der Förderung der VolkswagenStiftung konnten in Armenien, Aserbaidschan und Georgien außerdem technische Kapazitäten verbessert und mit der Digitalisierung der Herbarbelege begonnen werden. Dazu konnte eine Datenbank-Infrastruktur etabliert werden, die den Datenaustausch zwischen den Herbarien vereinfacht. Künftig will das internationale Team die Digitalisierung der Herbarien an den Institutionen im Kaukasus weiter vorantreiben und mit den Datenbeständen weiterer wichtiger Sammlungen vernetzen, etwa in der Russischen Föderation. In gleicher Weise werden auch die Sammlungen aus dem Kaukasus im Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin – die umfassendsten aus der Region in Deutschland – digitalisiert und verfügbar gemacht. Auf dieser Basis sollen dann unter anderem detaillierte Verbreitungskarten für die Arten entstehen.

Denn wer die einzigartige Pflanzenvielfalt des Kaukasus erhalten und auch nutzen will, muss sich zunächst erst einmal einen Überblick verschaffen über die Arten, über deren Bedrohungen und mögliche Gegenmaßnahmen: Auch in den nächsten Jahren geht das Engagement des BGBM und seiner Partnerorganisationen im Rahmen der gemeinsamen Kaukasus-Initiative daher weiter. Als Fernziel haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mithilfe internationaler Infrastrukturen eine Vision fest im Blick: die Schatzkammer der Artenvielfalt in einer digitalen Version zu erschließen.

Schlagwörter

  • Asien
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