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Nordische Götter im Livestream

Amund Ulvestad aus Norwegen ist Artist in Residence bei „Temporal Communities“

01.10.2020

Amund Ulvestad mit seinem Roboter-Perkussionshut. Der Norweger widmet sich der künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Mensch und digitaler Maschine.

Amund Ulvestad mit seinem Roboter-Perkussionshut. Der Norweger widmet sich der künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Mensch und digitaler Maschine.
Bildquelle: Privat

Auf dem Kopf trägt Amund Ulvestad einen schweren, mit siebzehn Roboterarmen bewehrten Hut. Über ihm, zu einer Art Baumkrone arrangiert, hängen ebenso viele Schlagzeugbecken verschiedener Größe von der Decke. Wie eine vielarmige Prothese fungiert der technische Hut, dessen computergesteuerte Arme die Becken anschlagen. In dieser Selbstspielmaschine wird Ulvestads Körper zu einem Stativ der Technik: „Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ist ambivalent. Ich möchte ihre Symbiose herausstellen und zeigen, dass wir weder Herren noch Sklaven unserer Technologien sind. Wir entwickeln uns durch sie, wie sie sich durch uns.“

Ulf Nilseng und Amund Ulvestad im Videokunstwerk "STATE".

Ulf Nilseng und Amund Ulvestad im Videokunstwerk "STATE".
Bildquelle: Ulf Nilseng

Der norwegische Multimedia-Künstler Amund Ulvestad, 1982 geboren, ist Musiker und Komponist. Er lebt in Oslo und Berlin. Weltweit tritt er als Solist und als Mitglied verschiedener Ensembles auf, seine Hauptinstrumente sind dabei Cello und Klangelektronik. Und: Seit April ist er Dorothea Schlegel Artist in Residence am Exzellenzcluster „Temporal Communities“ der Freien Universität. Über das Programm soll auch die Perspektive von Künstlerinnen und Künstlern in die Forschungsagenda des bundesweit einzigen literaturwissenschaftlichen Clusters einfließen.

"Mit Kunst zu denken, hilft dem wissenschaftlichen Diskurs"

„Wir laden ausgewählte Künstlerinnen und Künstler ein, damit sie ihre Projekte im wissenschaftlichen Kontext des Clusters verfolgen und in Dialog mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern treten“, erklärt Maraike Di Domenica, wissenschaftliche Koordinatorin des Fellowship- Programms am Cluster.

Zurzeit sind auch der Dichter und Literaturprofessor Eugene Ostashevsky aus NewYork sowie die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor zu Gast. Yvonne Owuor konnte wegen der Corona-Pandemie nicht anreisen, ist aber digital in die Arbeit des Clusters eingebunden. Zuletzt hat sie sich aus der Ferne an einer Kooperationsveranstaltung des Clusters mit dem internationalen literaturfestival berlin beteiligt. Weitere Gastaufenthalte von Künstlerinnen und Künstlern sollen folgen.

Yvan Novak als M.

Yvan Novak als M.
Bildquelle: Yvan Novak

Doch was hat Performance- und Multimedia- Media-Kunst, was haben Roboterarme mit Literatur zu tun? Nach dem Ansatz des Exzellenzclusters „Temporal Communities“ soll „Literatur als Praxis begriffen werden“, erläutert Maraike Di Domenica. Literarische Texte erreichten das Publikum schließlich nicht nur verpackt zwischen zwei Buchdeckeln, sondern auch auf der Bühne, im Kino, in der Musik oder der mündlichen Überlieferung. An dem Cluster sind deshalb Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zahlreichen geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen beteiligt – etwa der Literatur-, Theater-, Film- oder Musikwissenschaft sowie der Kunstgeschichte. Sie stehen in intensivem Austausch mit Kunst- und Kulturschaffenden.

Zurück zu transnationalen Ursprüngen

Amund Ulvestads Projekt, das Text, Musik und Performance-Art umfasst, ist jedenfalls für all diese Disziplinen interessant: Während seines Aufenthalts am Cluster erkundet der Klangkünstler auch die Heimskringla, die Geschichte der norwegischen Könige von ihren mythischen Anfängen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. „Die Sagas stammen aus einer Zeit der mündlichen Überlieferung, in der das Geschichtenerzählen von Variation und Improvisation geprägt war“, sagt er.

Anfang des 13. Jahrhunderts kompilierte der isländische Gelehrte Snorri Sturluson die ursprünglich eigenständigen Geschichten zu einem fortlaufenden Epos und hielt sie schriftlich fest. In Norwegen sei die Heimskringla später zu einer zentralen Erzählung für die Entwicklung einer nationalen Identität geworden, sagt Amund Ulvestad. „Ich möchte die enge nationalistische Deutung durchbrechen und die transnationalen Ursprünge dieser Geschichten wieder sichtbar machen.“

Am Weltenbaum zur Weisheit 

In seiner Video-Performance mit dem Titel MxO lässt der Künstler zwei zentrale Figuren der nordischen Mythologie, Mímir und Odin, aufeinandertreffen und miteinander interagieren. „Meine ,Baumkrone’ aus Bronzebecken und der Roboterhut sind eine abstrakte Repräsentation der Geschichte von Odin, wie er sich selbst am Weltenbaum aufhängt, um Weisheit zu erlangen“, sagt Amund Ulvestad. „Der Einsatz von Technologie spielt auch in der ursprünglichen Erzählung eine wichtige Rolle. Odin durchbohrt sich selbst mit seinem Speer Gungnir – einer Waffe, die nicht nur magischen Ursprungs ist, sondern auch in der Geschichte den höchsten technologischen Innovationsstand darstellt – vergleichbar vielleicht mit satellitengesteuerten Raketen heute.“

Die Schauspielerin Kate Pendry in Ulvestads Videoinstallation "Opening Salvo".

Die Schauspielerin Kate Pendry in Ulvestads Videoinstallation "Opening Salvo".
Bildquelle: privat

Durch die Begegnung von Wissenschaft und Kunst vervielfältigen sich nicht nur die Perspektiven auf Literatur, sagt Maraike Di Domenica, „sondern es eröffnen sich auch für beide Seiten neue Horizonte der – auch öffentlichen –Wahrnehmung“. Im kreativen Austausch mit Amund Ulvestad steht die promovierte Kunsthistorikerin Anna Degler. Sie forscht am Cluster zu den vielfältigen Wandlungsprozessen in der Rezeption der späthellenistischen Steinskulptur „Torso vom Belvedere“ im 16. und 17. Jahrhundert. „Ich schreibe fast ausschließlich über tote Künstler. Da ist der Austausch mit einem lebenden Exemplar eine schöne Abwechslung“, sagt sie und lacht.

Die Gespräche mit Amund Ulvestad empfindet sie als produktiv für ihre Forschung: Künstlerinnen, Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können sich gegenseitig zu neuen Fragestellungen anregen. Mit Kunst zu denken, helfe dem wissenschaftlichen Diskurs, seine Perspektiven zu weiten, Wahrnehmungen zu verfeinern und den Blick auf Neues zu lenken.

Auch in das „Living Handbook of Temporal Communities“ fließt die künstlerisch- wissenschaftliche Zusammenarbeit ein: Die multimediale Online-Publikationsplattform zeigt, wie sich die zentralen Fragestellungen, die Begriffe, Methoden und Fallstudien in der Forschung des Exzellenzclusters entwickeln und dient als intellektueller Kommunikationsraum für die weltweit arbeitenden Cluster-Mitglieder.

Amund Ulvestad und Anna Degler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster "Temporal Communities“.

Amund Ulvestad und Anna Degler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster "Temporal Communities“.
Bildquelle: Sören Maahs

Eingeschränkter Austausch in der Pandemie

„Wir möchten, dass das Handbuch mehr ist als nur ein Nachschlagewerk mit Stichwortregister“, erklärt Anna Degler. „Unsere Zusammenarbeit etwa mit Amund Ulvestad hilft uns, weil wir dadurch auf neue Ideen für die Gestaltung von nicht-linearen Textkonvoluten kommen.“ Auch Amund Ulvestad schätzt den Austausch, selbst wenn dieser durch Corona etwas eingeschränkt ist. Aber es gebe genug Nähe, „um in die unterschiedlichen Arbeitsprozesse und Erkenntnisformen des anderen einzutauchen, durch den fremden Blick Berührungspunkte aufzudecken und diese produktiv in der eigenen Arbeit umzusetzen“.

Ursprünglich war geplant, Ulvestads laufende Arbeit von September an durch eine Klanginstallation in den Räumlichkeiten des Clusters öffentlich zugänglich zu machen. Wegen der Pandemie wurde die Eröffnung auf Frühling 2021 verschoben. In der Zwischenzeit arbeitet Ulvestad nun an einer Serie von audiovisuellen Arbeiten, die auf der Webseite www.kverv.com  als endlos abspielbare Video-Streams in immer neuen Variationen zu sehen sind. Themen und Geschichten aus den alten nordischen Sagaswerden auf diese Weise als multimediale Installation neu erfahrbar. Sie wird ihrerseits Teil einer „temporal community“, die die mündliche Erzähltradition der nordischen Mythologie mit den digitalen Medien der Gegenwart verbindet.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://www.temporal-communities.de und kverv.com

Schlagwörter

  • Kunst
  • Literatur
  • Musik