Springe direkt zu Inhalt

Wintersemester im Pandemie-Modus

Wie viel Normalität ist an einer Universität in einer Pandemie möglich?

30.09.2020

Wissen, was Erstsemestern hilft. Rebecca Krause (r.) und ChristopherWelz sind studentische Mentoren. Die beiden Studierenden am FachbereichWirtschaftswissenschaft begleiten Neuimmatrikulierte in der Studieneingangsphase.

Wissen, was Erstsemestern hilft. Rebecca Krause (r.) und ChristopherWelz sind studentische Mentoren. Die beiden Studierenden am FachbereichWirtschaftswissenschaft begleiten Neuimmatrikulierte in der Studieneingangsphase.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Was erwartet die mehr als 6000 Studentinnen und Studenten, die mit Beginn der Vorlesungszeit am 2. November zum Wintersemester ihr Studium an der Freien Universität aufnehmen? Können die bereits immatrikulierten Studierenden in die Hörsäle und Seminarräume zurückkehren?

„Mit ihren 178 Studiengängen ist die Freie Universität Berlin fachlich sehr breit aufgestellt“, sagt Professor Hauke Heekeren, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Freien Universität. Auch aufgrund dieses großen Spektrums in den geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Fächern gebe es keine einheitliche Antwort auf die Frage, wie viel Präsenz- und wie viel Digitallehre im Wintersemester stattfinden wird. „Wir tragen den jeweiligen Anforderungen in den Studiengängen Rechnung und entscheiden differenziert.“

Eine Mischung aus digitalen Einführungen und Präsenzveranstaltungen für die neuen Studierenden

Ob ein Seminar oder eine Übung digital oder vor Ort stattfinden kann, hängt beispielsweise von den Räumen ab, die zur Verfügung stehen: Unter Einhaltung des vorgegebenen Abstands von mindestens 1,50 Metern zwischen zwei Studierenden bieten sie weniger Platz als zuvor. Dies hat zur Folge, dass Seminare und Übungen ab einer Gruppengröße von 40 Studierenden größtenteils digital stattfinden müssen. Aber auch die unterschiedlichen Anforderungen der Studiengänge wirken sich auf das Verhältnis von Lehre vor Ort und in digitaler Form aus – so geht etwa ein naturwissenschaftliches Studium mit einem erhöhten Praxisanteil einher.

„Wir setzen uns auf jeden Fall mit vereinten Kräften dafür ein, im kommenden Wintersemester so viel Lehre in Präsenz wie möglich anzubieten und unseren Campus für Studierende, Beschäftigte und Gäste wieder erlebbar zu machen“, sagt Hauke Heekeren. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den jungen Menschen, die im Wintersemester ihr Studium an der Freien Universität beginnen werden. Alle Fachbereiche bieten für die neuen Studierenden eine Mischung aus digitalen Einführungen und Präsenzveranstaltungen in kleinen Gruppen an, die zumeist von Mentorinnen und Mentoren organisiert werden.

Kommilitoninnen, Kommilitonen und Gebäude kennenlernen

Wie das Studium an sich wird auch das Mentoring in diesem Semester anders ablaufen als gewohnt; das Ziel bleibt jedoch dasselbe: die Erstsemester in einem neuen Lebensabschnitt und an ihrer Universität willkommen zu heißen. Am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft wurde dafür ein Konzept erarbeitet, das so viel Präsenz wie möglich schaffen soll: „Wir haben die Gruppen verkleinert und zeitlich versetzte Mentorien erarbeitet“, sagt Johann Voigtsberger, Mentoring-Referent am Fachbereich. „Damit reduzieren wir die Kontakte auf dem Campus, wir wollen dennoch allen Studierenden die Chance bieten, herzukommen, Kommilitonen kennenzulernen und sich im Gebäude zurechtzufinden. Denn vor Ort zu sein, bedeutet auch, verbunden zu sein.“

Das sehen auch Rebecca Krause und Christopher Welz so. Die beiden studieren Betriebswirtschaftslehre und haben während des digitalen Semesters selbst erlebt, wie sehr ihnen der Austausch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen auf dem Campus gefehlt hat. Als Mentoren haben sie für das Wintersemester daher noch mehr Arbeit und Zeit in das Mentoring- Programm investiert als üblich. „Wir wollen, dass sich die neuen Studierenden trotz der Umstände wohlfühlen und gut informiert sind“, sagen sie.

Während die Planungen an den Fachbereichen weiterlaufen, sind die Ersten bereits an der Freien Universität angekommen. Mehr als 900 Austauschstudierende aus dem Ausland begrüßt die Freie Universität normalerweise zum Wintersemester – in diesem Jahr sind es mit 500 deutlich weniger. 100 von ihnen nehmen seitdem 14. September bis zum 23.Oktober an Präsenz-Deutschkursen teil, die sie auf das Studium vorbereiten sollen. „Bisher hat alles gut geklappt“, sagt Gesa Heym, die das Referat Studierendenmobilität der Freien Universität leitet. „Ich bin daher optimistisch, dass wir unseren Austauschstudierenden auch im Wintersemester Präsenzveranstaltungen bieten können.“

Auf Abstand auf dem Campus: Durch das Einhalten von Coronaregeln konnten Studierende wieder in die Campusbibliothek.

Auf Abstand auf dem Campus: Durch das Einhalten von Coronaregeln konnten Studierende wieder in die Campusbibliothek.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Wir haben ein gutes Hygienekonzept für Praxisveranstaltungen ausgearbeitet"

Diesen Optimismus teilt auch Jörg Aschenbach. „Wir haben ein gutes Hygienekonzept für Praxisveranstaltungen ausgearbeitet und abgestimmt“, sagt der Direktor des Instituts für Veterinär-Physiologie am Fachbereich Veterinärmedizin. Aufgrund des vorgeschriebenen unbedingt notwendigen Praxisanteils des veterinärmedizinischen Studiums habe der Fachbereich bereits im vergangenen eigentlich „digitalen Semester“ erste Erfahrungen mit Präsenzveranstaltungen unter besonderen Rahmenbedingungen sammeln können. „Wir planen, alle Praxisformate, die für die Studierenden der Veterinärmedizin in der Ausbildung zwingend erforderlich sind, auch anzubieten“, sagt Jörg Aschenbach. In der theoretischen Lehre werde man hingegen – wie die meisten anderen Fachbereiche auch – auf digitale Formate setzen.

Geplant sind zudem sogenannte hybride Veranstaltungen, etwa am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie; dort sollen sich Präsenz- und Digitalunterricht abwechseln: Ein Teil der Studierenden folgt einer Vorlesung im Hörsaal, eine andere Gruppe nimmt digital teil. Wöchentlich wird gewechselt.

Im Sommer Erfahrungen gesammelt für das kommende Wintersemester

Unterstützung für solche Lehrformate bietet an der Freien Universität das Center für Digitale Systeme – kurz CeDiS. Karoline von Köckritz koordiniert dort den Arbeitsbereich „Consulting & Support“ und sieht die Freie Universität für das Wintersemester in der digitalen Lehre sehr gut aufgestellt. „Wir sind Mitte März quasi in das Live-Experiment, 100 Prozent Online Lehre’ geschubst worden und waren durch die Situation gezwungen, sehr viele neue Services einzuführen und Lehrende darin zu unterstützen, neue rein digitale Lehrkonzepte auszuprobieren“, sagt sie. „Für das Wintersemester können wir somit auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.“

Auch was die technischen Voraussetzungen anbelangt: Die Infrastruktur wurde bereits zum Sommersemester ausgebaut, zum Wintersemester wurden häufig nachgefragte Funktionen in dem an der Freien Universität für Lehrveranstaltungen und Konferenzen eingesetzten Videokonferenz- Tool Cisco Webex ergänzt. Zudem ermöglicht VBrick Rev, die zentrale Videoplattform der Freien Universität, Video- und Audiodateien zugriffsbeschränkt ausschließlich Studierenden eines Kurses oder auch der Allgemeinheit im Internet zur Verfügung zu stellen.

Neben den verbesserten und neuen digitalen Werkzeugen sollen Studierende im Wintersemester aber auch wieder die Möglichkeit haben, die PC-Arbeitsplätze in Universitätsgebäuden zu nutzen. „Dabei müssen natürlich die entsprechenden Hygienevorschriften eingehalten werden“, sagt Harald Scheelken, kommissarischer Leiter des Hochschulrechenzentrums ZEDAT. Diese Möglichkeit soll Studierende unterstützen, denen die technische Ausrüstung für ein digitales Studium fehlt. Vor allem aber geht es darum, wieder direkte Kontakte zu ermöglichen. Denn der persönliche Austausch und Netzwerke sind grundlegend für eine Campus-Universität. „Wir arbeiten an Lösungen, um dem breit geteilten Wunsch nach Interaktion und Miteinandersein vor Ort auch jenseits der Lehrveranstaltungen gerecht zu werden“, sagt Vizepräsident Hauke Heekeren. Eine Möglichkeit wären Lern- und Aufenthaltsräume, die unter Pandemie-Bedingungen genutzt werden können.

Hygienemaßnahmen wie das Tragen von Masken machten die Rückkehr auf den Campus und die Gebäude teilweise wieder möglich.

Hygienemaßnahmen wie das Tragen von Masken machten die Rückkehr auf den Campus und die Gebäude teilweise wieder möglich.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Auch deshalb bietet die Studienberatung zum Start des Wintersemesters drei Termine der Veranstaltung „Neu an der Freien Universität“ sowohl digital als auch auf dem Campus an – jeweils 150 Studierende können im Henry-Ford-Bau teilnehmen. „Uns war es wichtig, den Neustudierenden auf diese Weise zumindest ein Gefühl von Universität vermitteln zu können“, sagt Stefan Petri, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung.

Hinter Petri und seinem Team liegen turbulente Monate. Die abrupte Umstellung der Präsenzlehre auf digitale Formate im Sommersemester war für viele Studierende eine schwierige Zeit mit vielen Fragen – die auch an die Studienberatung herangetragen wurden. „Ich bin überzeugt, dass die Lehrkonzepte der einzelnen Fachbereiche für das Wintersemester gut durchdacht sind und bin optimistisch, dass alles auch so umgesetzt werden kann“, sagt Stefan Petri. Was bleibt, sei natürlich die Ungewissheit, wie sich die Pandemie im Herbst und Winter entwickeln werde.

Unisport im Präsenzbetrieb und digital

Diese Frage treibt auch den Leiter der Zentraleinrichtung Hochschulsport Christian Mundhenk in seiner Planung für das Wintersemester um: „Wir werden wieder einige Sport-Präsenzkurse anbieten können, allerdings sind es bei Weitem nicht so viele wie in einem normalen Wintersemester.“ Vereinzelt fänden auch Outdoor- Kurse statt, allerdings sei das bei den Berliner Witterungsverhältnissen im Herbst sehr schwierig. Neben digital etablierten Formaten wie „Unisport@home“ erarbeitet das Team Hochschulsport hybride Kursmodelle für das Wintersemester, bei denen ein Kursleiter in einem Raum mit einer kleinen Gruppe Studierender trainiert, während weitere digital teilnehmen.

Ein Übergangssemester

Nein, ein normales Wintersemester wird es nicht werden. Es wird vielmehr ein Semester, dessen Möglichkeiten von der Pandemie vorgegeben werden. Eine Übergangssituation, in der sich an der Universität viele darum bemühen, sie so positiv wie möglich innerhalb der aktuellen Rahmenbedingungen zu gestalten. Und von der wohl dennoch alle hoffen, dass sie im Semester darauf überwunden sein wird.


Für einen guten Start

Vieles ist in diesem Wintersemester anders als sonst – eines bleibt: Der Freien Universität ist es wichtig, ihren Neuimmatrikulierten den Einstieg ins Studium so einfach wie möglich zu machen. Am 19. Oktober findet die zentrale Einführungs- und Informationsveranstaltung statt: Neben der Präsenzveranstaltung für 150 zuvor angemeldete Studierende im Henry-Ford-Bau wird es zusätzlich ein digitales Angebot geben. Vom 19. Oktober an heißen die Fachbereiche und Institute ihre Studentinnen und Studenten mit fachspezifischen Einführungsveranstaltungen willkommen. Studierende aus dem Ausland werden vom 20. Oktober an bei virtuellen Orientierungstagen begrüßt. Unterstützung für Erstsemester bietet das Mentoringprogramm, bei Fragen hilft das Team der Zentraleinrichtung Studienberatung und psychologische Beratung.

Infos:
www.fu-berlin.de/sites/studienberatung/index.html 
sowie www.fu-berlin.de/sites/qualitaetspakt/mentoring/mentoring-referate/index.html

Schlagwörter

  • Coronavirus
  • Lehre
  • Studium