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Besser leben mit der Hitze

Wie sich das soziale Leben besser an heißere und trockene Sommer anpassen lässt – im ländlichen und kleinstädtischen Raum

15.06.2020

Erfrischung willkommen. Ein Zweijähriger planscht im Juli 2019 bei Temperaturen nahe 40 Grad Celsius in einem städtischen Brunnen. In Innenstädten machen sich Hitzewellen und Rekordtemperaturen besonders stark bemerkbar.

Erfrischung willkommen. Ein Zweijähriger planscht im Juli 2019 bei Temperaturen nahe 40 Grad Celsius in einem städtischen Brunnen. In Innenstädten machen sich Hitzewellen und Rekordtemperaturen besonders stark bemerkbar.
Bildquelle: picture alliance/Federico Gambarini

Die vergangenen zwei Sommer in Deutschland haben eindrücklich vergegenwärtigt, dass der Klimawandel in vollem Gange ist. Selbst wenn das Ziel einer Beschränkung der Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius erreicht werden sollte, wird es hierzulande künftig häufigere Hitze- und Dürrewellen geben. „Beim Klimawandel geht es längst nicht mehr nur um mögliche Szenarien“, sagt Klaus Jacob vom Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin. „Wir haben es mit akuten Problemen zu tun, auf die wir als Gesellschaft reagieren müssen.“

Klaus Jacob forscht zur politischen Gestaltung von ökologischen Transformationen und berät politische Institutionen zu Umweltpolitik und Klimawandel. Gemeinsam mit drei Partnern leitet er ein Forschungsprojekt zum Thema Hitze im ländlichen und kleinstädtischen Raum. Unter dem Titel „GoingVis“ – kurz für „Governance durch integrative Visionen“ – arbeiten die Projektpartner zur Frage, wie das Zusammenleben in kleinen Städten besser gestaltet werden kann, damit die Menschen mit höheren Temperaturen zurechtkommen. Die Praxispartner dafür sind die Kleinstadt Boizenburg/Elbe in Mecklenburg-Vorpommern sowie die Kurstadtregion Elbe/Elster. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

„Wir wollen andere Wege aufzeichnen“

„In großen Städten ist die Anpassung an steigende Temperaturen längst ein wichtiges Thema“, sagt Klaus Jacob. Dort würden in der Verwaltung eigens Stellen geschaffen und Strategien entwickelt, oft gemeinsam mit nahe gelegenen Forschungseinrichtungen. „Diese Ressourcen haben kleine und peripher gelegene Städte nicht“, sagt der promovierte Politikwissenschaftler. „Die Verwaltung ist dort oft auf sich allein gestellt, das Personal hat kaum Kapazitäten, zusätzliche Aufgaben zu bewältigen.“ GoingVis setze daher auf die Beteiligung von Anwohnerinnen und Anwohnern statt allein auf die Verwaltung. Das sei auch eine Chance. „Die gegenwärtige Perspektive ist zusehends auf planerische und technische Lösungen fokussiert“, sagt Jacob. „Wir wollen andere Wege aufzeigen.“

Im Zentrum stehen konkrete Verhaltensänderungen und soziale Praktiken, mithilfe derer Städte und ihre Bevölkerung widerstandsfähig gegenüber dem Klimawandel gemacht werden können. „Diese ergeben aber nur dann Sinn,wenn sich alle gemeinsam beteiligen“, sagt Klaus Jacob. Ein Beispiel sei etwa die in der Mittelmeerregion verbreitete Siesta. Eine verlängerte Mittagsruhe in der Sommerzeit hält Jacob auch in Deutschland für sinnvoll. „Doch eine Siesta geht nur, wenn alle gemeinsam in die Pause gehen und sich darauf einlassen“, sagt der Wissenschaftler. „Das beinhaltet auch die Anpassung von Öffnungszeiten oder Kinderbetreuungsangeboten.“

Grünflächen pflegen und Pflanzaktionen starten

Bei GoingVis gehe es daher auch darum, wie man die dafür nötige Koordination leisten kann. Man versuche, Anwohnerinnen und Anwohner an einen Tisch zu bringen und gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. Dazu werden verschiedene Beteiligungsformate und Workshops angeboten. So werden etwa Grünflächen in der Stadt gemeinschaftlich gepflegt oder Waldspaziergänge und Pflanzaktionen miteinander unternommen. Dabei gehe es speziell darum, die Flora zu diversifizieren und auf diese Weise widerstandsfähiger gegenüber Trockenheit und Waldbränden zu machen. Ein anderes Beispiel ist ein Stadtplan, der Auskunft über kühle Orte und Wasserspender gibt und von Bürgerinnen und Bürgern in Boizenburg entwickelt wird.

„Sehr wichtig ist, dass wir in den Dialog auch sogenannte stille Gruppen einbeziehen“, sagt Jacob. „Also Menschen aus gesellschaftlichen Milieus, die an der politischen Debatte um den Klimawandel eher weniger teilhaben.“ Ein Fokus liege hier zum einen auf einkommensschwachen, bildungsfernen Schichten und migrantisch geprägten Gruppen. Doch die Erfahrung zeige, dass man sich verstärkt auch um eine andere soziale Gruppe bemühen müsse. „Das sind Menschen, die gemeinschaftlicher Lösungen nicht bedürfen“, sagt Klaus Jacob. „All jene, die ein großes Haus mit Klimaanlage und Garten haben, müssen sich nicht sorgen, wie man ihre Nachbarschaft hitzefreundlicher gestaltet.“

GoingVis verbindet Menschen

Für die Städte seien die Workshops von GoingVis auch eine Chance, dass Menschen verschiedener sozialer Gruppen zueinander finden. Boizenburg etwa sei eine typische Pendlerstadt. „Tagsüber arbeiten die Menschen in der Regel außerhalb“, sagt Klaus Jacob. „Und abends bleiben sie meist zuhause.“ Gemeinsame Aktionen für ein klimagerechtes Leben könnten nun die Begegnung und den sozialen Zusammenhalt fördern. In den kommenden Workshops hoffe man darauf, insbesondere auch das Wissen von Migrantinnen und Migranten zu erschließen. „Viele von ihnen kommen aus Ländern, in denen man einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit Trockenheit und Hitze hat“, sagt Klaus Jacob. „Von ihnen können wir einiges lernen.“

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