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Absoluter und zeitloser Denker

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel wäre am 27. August 250 Jahre alt geworden. Seine Überlegungen sind auch heute aktuell – etwa die Frage, welche Rolle Anerkennung in der modernen Gesellschaft spielt.

19.04.2020

Ziemlich spät – oder etwa nicht? Auch mit Zeit und Zeiterfahrung hat sich Hegel auseinandergesetzt. Im Bild: das Kunstwerk „Zeitfeld“ von Klaus Rinke im Düsseldorfer Volksgarten, aufgenommen wenige Tage vor der diesjährigen Zeitumstellung.

Ziemlich spät – oder etwa nicht? Auch mit Zeit und Zeiterfahrung hat sich Hegel auseinandergesetzt. Im Bild: das Kunstwerk „Zeitfeld“ von Klaus Rinke im Düsseldorfer Volksgarten, aufgenommen wenige Tage vor der diesjährigen Zeitumstellung.
Bildquelle: picture alliance/Fabian Strauch/dpa 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt gemeinhin als der letzte große Systemphilosoph der Geschichte – der letzte Denker, der den Anspruch erhob, die gesamte Wirklichkeit erklären zu können. Von den Gesetzen der Natur bis zu jenen der Geschichte, der Staatstheorie, Kunst, Religion und den Gesetzen des Denkens selbst.

„Hegel gilt als der Denker des großen Ganzen“, sagt Dina Emundts, Professorin für Philosophie an der Freien Universität. „Das übt bis heute einen besonderen Reiz aus – wurde aber gerade in den vergangenen Jahrzehnten auch sehr kritisch gesehen.“

Niemand nach Hegel habe mehr einen derart holistischen Ansatz gewagt, sagt Philosophie-Professor Georg Bertram. Mitunter habe man solche Versuche später belächelt. Dem liege aber oft ein Missverständnis zugrunde: „Ja, Hegel war ein Denker des Ganzen“, sagt Bertram. „Aber nicht, weil er einen übertriebenen Systemanspruch hatte, sondern weil er sich dazu verpflichtet hat, einseitiges Denken zu vermeiden.“ Seine Philosophie rufe dazu auf, philosophische Probleme nicht isoliert zu betrachten, sondern in Zusammenhang mit all dem, „was uns als Menschen in unserem Weltverhältnis beschäftigt“. 

In diesem Jahr wäre Hegel 250 Jahre alt geworden. Anlässlich des Jubiläums erscheinen weltweit zahlreiche Bücher; in Berlin, Hegels zentraler Wirkungsstätte von 1818 bis zu seinem Tod im Jahr 1831, wollten Freie Universität und Humboldt-Universität gemeinsam eine große Konferenz abhalten: An Hegels Geburtstag am 27. August sollten dort insbesondere jüngere Generationen von Hegel-Forscherinnen und -Forschern zusammenkommen. So war es zumindest geplant – bevor zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie weltweit Veranstaltungen abgesagt wurden.

„Die Philosophie entdeckt Hegel gerade auf neue Weise“, sagt Dina Emundts. „Und zwar insbesondere wegen seines ganzheitlichen Ansatzes.“ Nachdem man sich in der Philosophie von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an verstärkt mit partikularen Fragen auseinandergesetzt habe, sei man nun wieder auf der Suche nach verbindenden Strukturen. „Das heißt etwa, dass man Fragen der theoretischen Philosophie nicht losgelöst von solchen der praktischen Philosophie betrachtet“, sagt Dina Emundts. „Die Frage etwa, was Wirklichkeit ist oder Zeit, rücken dann in Zusammenhang mit der Frage, was ein gutes Leben auszeichnet.“ 

Wissenschaftlicher Blick hat sich verändert 

Dina Emundts und Georg Bertram arbeiten seit vielen Jahren intensiv zu Hegel. Beide haben Werke über den Philosophen publiziert und betreuen an der Freien Universität mehrere Doktorarbeiten, die sich seinem Denken widmen (siehe unten). „Viele von Hegels Gedanken sind auch heute noch hochaktuell“, sagt Bertram. So die Frage von Anerkennung, mit denen sich die jüngere Sozialphilosophie in Anschluss an Hegel befasse. „Heute kämpft eine Vielzahl von Minderheiten um ihre soziale und rechtliche Anerkennung“, sagt Bertram. „Doch was bedeutet das eigentlich genau? Wer kann Anerkennung geben und wie?“ 

Der nur scheinbar triviale Begriff der Anerkennung, sagt Bertram, setze ein souveränes Subjekt voraus, das entscheiden könne, wen es als seinesgleichen an- erkenne oder nicht. Hegel drehe den Spieß um. „Er sagt, dass wir überhaupt nur jemandem Anerkennung zu spenden vermögen, weil wir von anderen anerkannt werden.“ Sozialität ergebe sich immer aus einem wechselseitigen Abhängikeitsverhältnis. Anders als in der Philosophie zuvor oft geschehen, sträube sich Hegel nicht gegen dieses Abhängigkeitsverhältnis.

„Hegel sagt nicht, wir müssten uns durch einen radikalen Schritt aus Abhängigkeitsverhältnissen lösen“, sagt Bertram, „sondern in ein bestimmtes Verhältnis zu diesen Abhängigkeiten setzen, was so etwas wie Selbstständigkeit ermöglicht.“ Hegel denke Gesellschaft auf diese Weise immer aus Konflikten heraus. „Er ist gerade kein Denker der Einheit, wenn man Einheit als Homogenität versteht“, sagt Georg Bertram. „Homogene Gesellschaften waren für ihn immer zum Scheitern verurteilt.“ Gemeinschaft ende für den Philosophen nicht mit Konflikten – sie entstehe aus solchen. „Allerdings nur, solange man miteinander ins Gespräch kommt, eine gemeinsame Sprache findet, in der man sich über die Unterschiede verständigen kann“, sagt der Wissenschaftler. „Es braucht für Hegel eine Kultur des Streits.“ 

Statt als statische Einheit habe Hegel die Dinge immer in Bewegung, in einem stetigen Werden gesehen, sagt Dina Emundts: „Er hat die Geschichtlichkeit des Denkens zum philosophischen Thema gemacht und die Frage gestellt, inwiefern unser Denken stets historisch und zeitgebunden ist.“

Für Hegel habe gegolten, dass Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfasse, ergänzt Georg Bertram. „Sicherlich“, sagt er, „hätte Hegel auch die derzeitige Coronavirus-Krise philosophisch als Herausforderung begriffen.“ Auf eine Reihe von Fragen, die sich der Gesellschaft in der gegenwärtigen Situation stellen, ließen sich diskussionswürdige Antworten bei Hegel finden, sagt Dina Emundts: Was macht eine Gemeinschaft aus? Welche Verantwortung hat der Einzelne für eine Gemeinschaft; inwiefern muss er seine Bedürfnisse unter diese stellen? Wer hat das zu entscheiden? Welche Werte darf oder muss man anderen Werten zumindest vorübergehend unterordnen? 

Für Hegel ist Zeit mehr als nur lineare Abfolge

Während Hegel die Philosophie stets als Philosophie ihrer Zeit begriffen habe, sagt Dina Emundts, habe er dabei immer mitbedacht, wie die Kategorie Zeit überhaupt beschaffen ist. Seine Philosophie biete Möglichkeiten, über einen Begriff von Zeit hinauszugehen, der nur eine lineare Abfolge darstellt.

„Hegel würde wohl zwar einerseits sagen, dass Zeit linear verläuft“, sagt Emundts, „er würde aber auch sagen, dass das eine sehr abstrakte Vorstellung ist, neben der es weitere Formen der Zeiterfahrung gebe.“ Ein klassisches Beispiel sei etwa die Erfahrung der Langeweile, in der Zeit gefühlt langsamer als gewöhnlich verlaufe, sich gewissermaßen ausdehne. „Für Hegel ist Langeweile keine bloß subjektive Erfahrung“, sagt Emundts, „sondern eine Erfahrung, die etwas zum objektiven Verständnis dessen beitragen kann, was Zeit ist“.

Innerhalb des grundsätzlich linearen Zeitverlaufs sehe Hegel eine Vielzahl von Verschachtelungen verschiedener Zeitlichkeiten: „Mit Hegel ließe sich sogar argumentieren, dass sich die Zeit mit gewissen Handlungen umkehren lässt“, sagt Dina Emundts. „Etwa, wenn wir verzeihen.“ Mit einer sozialen Praxis wie dem Verzeihen öffne sich eine Dimension der Zeit, die jenseits ihres physikalischen Ablaufs eine gewisse Umkehrbarkeit ermögliche: indem man im Verzeihen etwas in der Vergangenheit Geschehenes ungeschehen macht. 

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