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"Ich bin erstaunt, wie unkritisch viele das Social Web nutzen"

Aus der Artikelreihe „Der Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität“ / Interview mit der Datenschutzbeauftragten Ingrid Pahlen-Brandt

29.04.2013

Datenschutz und Social Web muss kein Gegensatz sein.
Datenschutz und Social Web muss kein Gegensatz sein. Bildquelle: Stephan Töpper / David Tonke

Wer soziale Netzwerke nutzt – ob es sich um eine Privatperson oder eine wissenschaftliche Einrichtung handelt –, muss sich auch mit Fragen zu Nutzungsrechten und des Urheber- und Persönlichkeitsrechts befassen. Über mögliche Gefahren sprach campus.leben mit der Datenschutzbeauftragen der Freien Universität Ingrid Pahlen-Brandt.

Frau Pahlen-Brandt, heute sind Wissenschaftler, Studierende aber auch Hochschulen insgesamt zunehmend in sozialen Netzwerken aktiv. Wie schätzen Sie als Datenschutzbeauftragte diese Entwicklung ein?

Ich finde es spannend zu beobachten, welche Möglichkeiten die sozialen Netzwerke bieten. Und ich bin sehr erstaunt, wie unkritisch viele das Social Web nutzen, obwohl die großen Anbieter die Datenschutzrechte ihrer Kunden absolut nicht ernst nehmen. Aber diese Gefahren werden einfach hinten angestellt.

Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Hier muss man unterscheiden: Diejenigen, die auf Privateinstellungen verzichten, setzen sich der Gefahr aus, dass ihnen aus unbedachten Veröffentlichungen Nachteile entstehen. Denken Sie nur an die Berichte über Partybilder und die Folgen ihrer Veröffentlichung auf Beruf und Einstellungschancen. Doch auch diejenigen, die sich genau überlegen, welche Daten Sie wem zugänglich machen, setzen sich Gefahren aus. Für Nutzer ist nicht transparent, welche Geschäftspartner ihres Anbieters Zugang zu Daten über ihre Aktivitäten in sozialen Netzwerken erhalten, in welcher Form und zu welchen Zwecken. Heute ist die Verarbeitung unvorstellbar großer Datenmengen in Echtzeit möglich, man spricht hier von Big Data. Die Nutzer können mangels Transparenz nicht sicher sein, dass diese technischen Möglichkeiten nur zu ihren Gunsten angewandt werden. Welche Auswirkungen Big Data auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft insgesamt haben wird, vermag ich noch nicht abzusehen.

Haben die sozialen Netzwerke Ihrer Ansicht nach auch Vorteile, gerade in der Wissenschaft?

Die schnelle und direkte Kommunikation ist sicher ein großes Plus. Heute müssen Wissenschaftler und sogar schon Studierende weltweit Kontakte pflegen und erreichbar sein. Da ist es verlockend, über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter zu kommunizieren. Aber dadurch, dass sich auch die Hochschulen als Gesamteinrichtungen an sozialen Netzwerken beteiligen, akzeptieren sie das Rechte missachtende Verhalten der Anbieter. Meiner Ansicht nach wäre es ein Zeichen gewesen, wenn sich die Hochschulen bewusst nicht am Social Web beteiligt hätten. Da das leider nicht der Fall ist, würde ich mir zumindest wünschen, dass sich alle Hochschulen auf einheitliche Forderungen einigten und gemeinsam auf Anbieter wie Facebook zugingen.

Wie könnten diese Forderungen aussehen?

Gefordert werden sollten datenschutzfreundliche Voreinstellungen sowie insbesondere das Einhalten der in der EU geltenden Datenschutzvorschriften. Heute gibt es keine datenschutzgemäß agierenden Konkurrenten, die von den großen Anbietern ernst genommen werden müssten. Aber vielleicht würde ja eine von der Wissenschaft unterstützte Nachfrage helfen. So wird zum Beispiel auch aus Datenschutz- und Sicherheitsgründen in einem gemeinsamen Projekt von Wissenschaft und Wirtschaft am Aufbau einer Wissenschaftscloud in Europa gearbeitet; beteiligt sind hieran unter anderem die Telekom und das CERN. Warum sollte da nicht auch einmal der Aufbau eines fairen sozialen Netzwerks auf dem Programm stehen?

Was können Nutzer derzeit tun, um Gefahren zu minimieren?

Nutzer sollten sich in zweierlei Hinsicht kümmern: Sie sollten zunächst genau überlegen, ob sie mit den Inhalten, die sie ins Netz stellen wollen, für alle Zeit in Verbindung gebracht werden möchten. Hierbei keinen Fehler zu machen, ist wohl kaum möglich. Für die Anwender aus dem Umfeld von Wissenschaft und Hochschulen gilt: Auf keinen Fall personenbezogene Daten, wie zum Beispiel Klausur-Ergebnisse, einstellen oder Informationen über Krankheiten und Ähnliches. Auch Evaluationsergebnisse haben im Netz nichts zu suchen. Außerdem sollten Nutzer durch technische Einstellungen dafür sorgen, dass ihre Aktivitäten im Netz nicht nachverfolgt werden können. Der Verzicht auf Social Plugins wäre hier besonders wichtig. Sehr gute Informationen hierzu gibt die Site „Verbraucher haben Rechte“ der Verbraucherzentrale Bundesverband sowie die Site “Verbraucher sicher online“.

Worauf sollten insbesondere Betreiber von Fan-Pages achten, die regelmäßig Bildinformationen veröffentlichen? 

Fanpagebetreiber müssen die Rechte derjenigen beachten, die die Bilder erstellt haben, aber insbesondere auch die Rechte der Abgebildeten. Fanpagebetreiber dürfen Bildnisse grundsätzlich nur mit Einwilligung der Abgebildeten einstellen, bei Minderjährigen ist sogar die Einwilligung der Eltern erforderlich. Ausnahmen von dieser Regelung bestehen bei Fotos der Zeitgeschichte, wenn das Hauptmotiv der Aufnahme nicht die Darstellung der Person ist oder wenn die Person Teilnehmer einer öffentlichen Veranstaltung war und in diesem Zusammenhang fotografiert wurde.

Die Freie Universität Berlin hat Grundregeln und Leitlinien für die Teilnahme am Social Web entwickelt, die unter www.fu-berlin.de/themen/social-media auf der Homepage eingesehen werden können. Wie bewerten Sie solche Leitlinien?

Ich halte solche Richtlinien für äußerst wichtig und hilfreich. Es ist sehr gut, dass die Universität sich wenigstens derartige Regeln gibt. Ich begrüße vor allem, dass ergänzend universitätsweit Informationsveranstaltungen angeboten werden und eine Evaluierung vorgesehen ist. Und ich finde es positiv, dass die Social Plugins, das heißt die Schaltflächen, die man nutzen kann, um eine Seite zum Beispiel auf Facebook zu empfehlen, erst mit einem Klick aktiviert werden müssen. So wird jedem Nutzer zumindest deutlich, dass er „sicheres Terrain“ verlässt. Die Richtlinien zeigen, dass die Universität zumindest versucht, verantwortlich mit dem Thema umzugehen.

Hat sich durch die sozialen Netzwerke das Verständnis von Datenschutz in der Gesellschaft verändert?

Ich denke, ja. Die Sicherheitsprobleme bei der weltweiten Kommunikation im Internet sind deutlicher geworden. Zumindest bei einem Teil der Anwender ist das Bewusstsein für einen sensibleren Umgang mit Daten im Netz gestiegen. Das Thema Datenschutz wird in Zukunft noch mehr Gewicht erlangen.

Die Fragen stellte Christa Beckmann


Weitere Informationen zum Datenschutz finden Sie auf der Seite der Datenschutzbeauftragten der Freien Universität: www.datenschutz.fu-berlin.de/dahlem

Links, die die Datenschutzbeauftragte empfiehlt:

Beschluss der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder „Orientierungshilfe Soziale Netzwerke“:

Artikel-Reihe zum Social Web

Lesen Sie in den nächsten Tagen in der campus.leben-Reihe „Der Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität“ mehr zu dem Thema

  • erfolgreiche Beispiele aus der Praxis.

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