„Wissenschaft lebt von Austausch und Vernetzung“

Auftakt der Artikelreihe „Der Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität“ / Interview mit Professorin Juliana Raupp über den Einfluss sozialer Medien auf die öffentliche Kommunikation

22.04.2013

Die einzelnen Bausteine für den Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität lernen Sie in den nächsten Tagen in der gleichnamigen campus.leben-Reihe kennen.
Die einzelnen Bausteine für den Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität lernen Sie in den nächsten Tagen in der gleichnamigen campus.leben-Reihe kennen. Bildquelle: Stephan Töpper / David Tonke
Prof. Dr. Juliana Raupp ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Arbeitsstelle Organisationskommunikation am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
Prof. Dr. Juliana Raupp ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Arbeitsstelle Organisationskommunikation am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Bildquelle: privat

Rund eine Milliarde Menschen weltweit sind im größten sozialen Netzwerk Facebook aktiv. Über den Microblogging-Dienst Twitter, der gerade seinen siebten Geburtstag feierte, werden täglich circa 500 Millionen Tweets versendet. Soziale Medien sind zu einem festen Bestandteil heutiger Kommunikation geworden – auch für viele Einrichtungen an der Freien Universität. Die Universität hat dazu Grundregeln und Leitlinien veröffentlicht.

In der campus.leben-Artikelreihe „Der Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität“ werden Fragen zur offiziellen Nutzung sozialer Medien sowie spezielle Herausforderungen und Risiken, die der Einsatz sozialer Medien an einer komplexen Wissenschaftseinrichtung mit sich bringt, erläutert. Zum Auftakt sprach campus.leben mit der Kommunikationswissenschaftlerin Juliana Raupp von der Arbeitsstelle Organisationskommunikation am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft über den Einfluss sozialer Medien auf die öffentliche Kommunikation.

Wie haben die sozialen Medien die Kommunikation verändert?

Die sozialen Medien haben unser Zusammenleben und die Art, wie wir miteinander kommunizieren, radikal verändert. Und wir stehen noch mitten in diesen Veränderungsprozessen. Die sozialen Medien ermöglichen neue Formen der Interaktion und der Vernetzung – ob sich die Qualität des öffentlichen Diskurses dadurch verändert, steht aber auf einem anderen Blatt. Auf die Hoffnungen der Internet-Euphoriker der ersten Stunde folgt mittlerweile vielfach Ernüchterung.

Haben Interaktion und Vernetzung Vorteile für die Wissenschaftskommunikation?

Auf jeden Fall. Wissenschaft lebt von Austausch und Vernetzung. Dieser Austausch ist durch soziale Medien nun auch orts- und zeitunabhängig möglich. Man kann sich auf verschiedenen Plattformen - sei es in Blogs oder auf Facebook – themenspezifisch zusammenfinden und kommunizieren. Und das nicht nur innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft.

Die Nutzung sozialer Medien macht die Wissenschaftskommunikation durchlässiger; sie erleichtert den Austausch mit Wissenschaftsjournalisten und mit allen, die an Wissenschaft interessiert sind. Die Spielregeln der Wissenschaftskommunikation – beispielsweise Plausibilitätsprüfungen oder Nachvollziehbarkeit der Argumentation – haben aber weiterhin Bestand.

Wie haben die sozialen Medien das Kommunikationsverhalten von öffentlichen Einrichtungen verändert?

Öffentliche Einrichtungen sind längst im Internet präsent. Welche der verschiedenen Anwendungen genutzt werden, hängt aber stark von der Art der Einrichtung ab. Viele Einrichtungen nutzen Online-Kommunikation, um Informationen zu verteilen, zur Selbstdarstellung und zu Marketingzwecken. Anwendungen, die eigentlich für den Dialog gemacht sind, werden so trotzdem wie Einwegkommunikationskanäle genutzt.

Das heißt, es besteht Nachholbedarf bei vielen Einrichtungen, die Instrumente dann auch richtig zu nutzen?

Die Einrichtungen sollten sich die spezifischen Möglichkeiten, die die verschiedenen Anwendungen bieten, genau ansehen und sich dann fragen, wen sie mit welchen Kommunikationsangeboten über welche Kommunikationskanäle erreichen können und wollen. Und die verschiedenen Kommunikationsangebote müssen aufeinander abgestimmt werden. Wenn Organisationen Social Media nutzen wollen, müssen sie sich auch fragen, ob sie das leisten können: Diese Art der Kommunikation ist sehr aufwendig und hat in vielen öffentlichen Einrichtungen noch keine Tradition.

Würden sie sagen, dass Social Media die Bereiche Forschung und Lehre schon beeinflusst haben? Wie sieht es bei Ihnen am Institut aus?

Am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft erforschen wir im weitesten Sinne öffentliche Kommunikation. Insofern ist Online-Kommunikation ein wichtiger Untersuchungsgegenstand für uns. Wir fragen zum Beispiel danach, wie sich die Rolle des Journalismus durch Social Media wandelt oder wie die Nutzung von Online-Angeboten die politische Partizipation verändert.

In der Lehre werden Social Media bei uns – wie wahrscheinlich bei den meisten Instituten an der Freien Universität – in unterschiedlichem Maß und abhängig von den jeweiligen Lehrenden und der Lehrveranstaltung eingesetzt.

Sehen sie Gefahren, wenn Wissenschaftseinrichtungen soziale Medien nutzen? 

Ich sehe mehr Potenziale als mögliche Gefahren. Man sollte allerdings sehr genau reflektieren, was man tut und neuen Trends nicht blind hinterher laufen. Wenn eine Universität – und ich spreche hier von der Universität als Organisation und nicht von einzelnen Universitätsangehörigen – Social Media nutzt, dann sollte das in die Kommunikationsstrategie der Universität eingebettet sein.

Social Media erleichtern es, mit der Organisation in Kontakt zu treten und auch Kritisches öffentlich anzusprechen. Und damit ist eine Wissenschaftseinrichtung dann nicht mehr der Taktgeber.

Haben Organisationen auch Angst vor diesem "Kontrollverlust"?

Kommunikation konnte man noch nie kontrollieren. Das wird in sozialen Medien nur sichtbarer. Kontrollverlust finde ich ein schwieriges Wort in diesem Zusammenhang. Wichtiger ist ein angemessenes "Erwartungsmanagement": Soziale Medien sind eben keine Verlautbarungsmedien, die Nutzer erwarten, dass sie auf diesen Plattformen auch partizipieren können.

Kann es sich heutzutage eine Wissenschaftseinrichtung leisten, soziale Medien nicht zu nutzen?

Die Menschen erwarten heute einfach, dass sie Organisationen und Personen im Netz finden. Präsenz bedeutet aber nicht automatisch, dass die ganze Palette an sozialen Medien genutzt werden muss. Die Nutzung dialogorientierter Kommunikationsformen gleich welcher Art stellt für eine Organisation aber immer auch die Chance dar, wertvollen Input zu erhalten, von den Nutzern zu lernen und sich zu verbessern. Wenn Wissenschaftseinrichtungen in diesem Sinne zu lernenden Organisationen werden, dann würde das gut zu ihnen passen.

Die Fragen stellte Melanie Hansen.

Weitere Informationen

Lesen Sie in den nächsten Tagen in der campus.leben-Reihe „Der Einsatz sozialer Medien an der Freien Universität“ mehr zu den Themen

  • Grundregeln und Leitlinien zur offiziellen Nutzung sozialer Medien,
  • Datenschutz in sozialen Netzwerken,
  • erfolgreiche Beispiele aus der Praxis.