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LIT_2: Desaparecido(s). Die Darstellung erzwungener Abwesenheit in in den Literaturen und Kulturen Iberoamerikas

Sektionsleitung: Luz Souto (Universidad de Valencia), Albrecht Buschmann (Universität Rostock)

Link zum Sektionsprogramm (PDF)

Der juristische Fachbegriff erzwungenes Verschwinden meinte in seinen Anfängen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie sie während der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) verübt wurden. Mit den Jahren tauchte die Figur des Verschwundenen Gefangenen auch jenseits Argentiniens auf und wurde in gänzlich anderen Zeiten und Kontexten wahrgenommen, woraus schließlich “una imagen universal del desaparecido y del dolor provocado por la desaparición forzada” (Gatti, 2017: 20) entstand. 

Hieran anknüpfend möchte die Sektionsarbeit Figur und Konzept des desaparecido in unterschiedlichen Räumen und Hemisphären, Zeiten und Kontexten untersuchen. Gefragt wird nach den Rändern, Grenzen und Grenzüberschreitungen eines Konzepts, dessen Bedeutung etwas nicht Verstehbares, nicht Benennbares im Alltag repressiver Regime umreißt: von den Verschwundenen der Diktaturen des Cono Sur bis zur Verwendung des Begriffs in Spanien für die Misshandlung republikanischer Gefangener, für die geraubten Kinder während des Franquismus und der ersten Phase der Demokratie, für die Exilierten oder die “topos”. Ebenso ließe er sich anwenden auf Bevölkerungssgruppen, die den Bürgerkriegen in Zentralamerika zum Opfer fielen, auf die soziale Marginalisierung in Mexiko oder Kolumbien im 19. und 20. Jh., wenn nicht sogar nutzen für einen neuen Blick auf den Genozid an den Indigenen im 19. Jh.: “los indios ¿fueron los desaparecidos de 1879?” (Viñas, 1983: 12). 

Von theoretischer Seite wurde das “Verschwindenlassen” bisher vor allem in der Historiographie, Soziologie, der Anthropologie und in den Politikwissenschaften untersucht (etwa Gatti et al. 2017, Ferrándiz 2014, Espinosa 2012, Elsemann 2010, Gatti 2008, Calveiro 2001, Da Silva 2001). Zwar finden sich in den letzten Jahren vermehrt Arbeiten in den Literaturwissenschaften (etwa Feierstein/Zylberman 2016, Mahlke 2017, Basile 2016, Drucaroff 2011, Reati 1992), die vor allem argentinische Literatur bearbeiten, doch fehlt es an theoretischen Studien, die die Literatur über den desaparecido mit einer transatlantischen Pespektive in den Blick nehmen; hierzu finden sich bislang nur wenige Studien (etwa Macciuci 2015; Sánchez 2015).

Vor diesem Hintergrund lädt die Sektion zu einer transkulturellen Untersuchung der Darstellungen des desaparecido in der spanischsprachigen Welt ein, mit besonderm Fokus auf folgenden Aspekten:

  • Die Transformation des Konzeptes desaparecidozwischen verschiedenen Gesellschaften und Literaturen (desaparición als “travelling concept”).
  • Die Wechselwirkung zwischen den jeweiligen politischen und literarischen Diskursen, sowohl innerhalb der Amerikas, als auch zwischen Spanien und Iberoamerika, wobei die Eigengesetzlichkeiten solcher “construcciones hemisféricas” (véase Birle/Braig/Ette/Ingenschay 2006) mit zu bedenken sind.
  • Die vergleichende Analyse der Darstellung des desaparecido je nach literarischem Genre (Phantastistik, Krimi, dokumentarische oder dokufiktionale Genres, Familien- und Erinnerungsromane …)
  • Wie hängen Erzählverfahren und Verortung des Erzählers (Täter oder Opfer, Zeuge oder Beteiligter etc.) zusammen?
  • Inwieweit werden die Erzähltechniken vom Grad der Autonomie des Autors im jeweiligen literarischen Feld beeinflusst?
  • Die Bearbeitung in den darstellenden Künsten, in Theater, Kino und Comic/Graphic Novel.
  • Die Herangehensweise je nach literarischer Generation (Augenzeugen, deren Kinder oder Enkel).
  • Die Herausforderung, das Abwesende angemessen abzubilden.


Kontakt: luz.souto@uv.es , albrecht.buschmann@uni-rostock.de