Prof. Dr. Ingrid Krau
„Die Zukunft der Stadt liegt nicht im radikalen Neubau“
Immer schon empfand Ingrid Krau sich als Wanderin zwischen verschiedenen Disziplinen: Nicht nur Architektin, sondern auch Stadtplanerin. Nicht nur an neue Gebäude denken, sondern auch an die Menschen, für die man baut. Die Alumna der Freien Universität Berlin treibt das Thema auch als emeritierte Professorin weiter um.
Ingrid Krau steckt voller Pläne: Sie will wieder Aktzeichnen. Und mindestens ein neues Buch will die Architektin, Stadtplanerin und Stadtforscherin noch schreiben. Ihre 83 Jahre hört man der Wissenschaftlerin nicht an, kaum zu glauben, dass die ehemalige Lehrstuhlinhaberin der Professur für Stadtraum und Stadtentwicklung an der Technischen Universität München (TUM) schon seit 15 Jahren emeritiert ist.
„Ich möchte mich noch einmal vertieft mit der Technologie von sauber, also, ressourcenschonend arbeitenden Stahlwerken mit Direktreduktion beschäftigen“, erläutert Krau ihr Buchvorhaben. „Das hat mich schon vor Jahren umgetrieben, als ich noch im Ruhrgebiet gearbeitet und geforscht habe.“ Wenn die Mutter einer Tochter und Großmutter einer dreizehnjährigen Enkelin das sagt, klingt das keineswegs nach „Oma erzählt Geschichten“, sondern, im Gegenteil, nach einem sehr neugiergetriebenen Blick nach vorne.
Ingrid Krau, die vor gut 50 Jahren an der Freien Universität promoviert wurde, gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Stadtplanung, wenn es um den behutsamen Umbau bestehender Städte, den Strukturwandel im Ruhrgebiet und die Rolle der Energieeffizienz im Städtebau geht. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande ist Verfasserin zahlreicher Bücher zum Thema.
Vor der Berufung an die TUM und nach ihrer Promotion lebte sie viele Jahre im Ruhrgebiet, war Referentin im Stadtplanungsstab der Stadt Duisburg. Parallel dazu forschte sie zu inner- und außerbetrieblichen Lebensverhältnissen von Stahlarbeitern im Hüttenwerk Rheinhausen der Krupp Stahl AG. Sie beriet das Vorbereitungsteam der Internationalen Bauausstellung Emscher Park und gründete schließlich ein eigenes Büro für Stadtplanung in Bochum.
Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählen Beiträge zur Umnutzung der Zeche Zollverein XII und der Zeche und Kokerei Hansa - Ikonen des Montanzeitalters, die durch neue Nutzungskonzepte zu kulturellen und städtebaulichen Ankerpunkten wurden.
Krau wurde 1942 in Berlin geboren, wuchs aber als Ruhrpottkind in Gelsenkirchen auf, Vater Bergbauingenieur, Mutter Apothekerin. Nach einem Austausch-Highschooljahr in den USA kehrte sie mit dem Berufswunsch Architektin zurück: „Ich sah diese tollen, irren Gebäude in New York – so etwas wollte ich auch bauen“. Sie lacht – denn später, als Architektin und Stadtplanerin, lag ihr nichts ferner, als Städte mit Wolkenkratzern dicht an dicht zu bebauen.
Studiert hat sie zunächst in Braunschweig, dann an der Technischen Universität (TU) Berlin, promoviert wurde sie 1973 an der Freien Universität zum Thema „Der Gegensatz zwischen Stadt und Land“. Nicht in Architektur, sondern in Sozialwissenschaften, bei dem damals jungen Professor Elmar Altvater († 2018) am Otto-Suhr-Institut.
Interdisziplinarität zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Denken als Wissenschaftlerin. „Früh war mir klar, dass die Zukunft der Stadt nicht im radikalen Neubau, sondern in der intelligenten Transformation des Bestands liegt und dabei das Soziale immer mitdenken sollte“, begründet sie. Heißt: Nicht nur Gebäude entwerfen und bauen, sondern lebenswerte Städte für Menschen planen. „Und für eine solche zeitgemäße Architektur braucht es einen interdisziplinären Ansatz.“
Ins Berlin der linken Studierendenbewegung der späten 1960er-Jahre passten Kraus Ideen gut. Nach dem Diplom folgt ein kurzer Abstecher in verschiedene Architekturbüros. Unter anderem arbeitete sie im Büro Candilis, Josic, Woods und hatte damit schon eine Verbindung zur Freien Universität, bevor sie dort ihre Doktorarbeit schrieb. „Das Architekturbüro hatte damals die Ausschreibung für die Planung eines neuen FU-Gebäudes, die heutige Rostlaube an der Habelschwerdter Allee, gewonnen“, erläutert Ingrid Krau.
Viele verbinden die Rostlaube vor allem mit ihrer charakteristischen, namensgebenden Fassade aus Cortenstahl. „Das Gebäudeensemble, zu dem später weitere Gebäude hinzukamen, ist für mich nach wie vor ein Meilenstein im Hochschulbau“, betont Krau. „Der modulare Aufbau und die klare Strukturierung des Gebäudes durch die drei Hauptgänge, mit viel Licht und vielen kleinen Grünflächen-Inseln zwischen den einzelnen Gebäudeteilen sind auch heute noch etwas Besonderes. Denn sie stehen für die Idee von einer nach allen Seiten offenen, nahbaren Universität.“
Danach war sie Wissenschaftliche Assistentin an der TU und diskutierte dort nächtelang mit ihren Studierenden über die Geschichte des Mietwohnungs- und sozialen Wohnungsbaus: Was war vorbildhaft in der Weimarer Republik gewesen - was war in der Gegenwart dringend reformbedürftig und wie konnten solche Reformen aussehen?
Kraus interdisziplinärer Ansatz kam später, als sie sich als Wissenschaftlerin etabliert hatte, nicht bei allen Fachkollegen und -kolleginnen gut an, speziell an der in Kraus Fachbereich damals eher konservativen TU München nicht. „Ich war denen immer viel zu progressiv, zu links und deshalb nicht ernst zu nehmen“, sagt Ingrid Krau und lacht. Indes: Auch in München setzte sie etliche städtebauliche Forschungsprojekte um, etwa „Transformationsraum München-Nord. Urbane Gärten“ und „Wissensstandort Münchner Innenstadt“.
Kürzlich kehrte sie zur Jubiläumsfeier ihrer Goldenen Promotion an die Freie Universität zurück. Und stellte fest: „Das Gebäudeensemble um die Rostlaube ist immer noch einer meiner Lieblingsorte auf dem Campus.“
Mareike Knoke

