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Verfolgten des NS-Regimes ihren Namen und ihre Geschichte zurückgeben

„Looted Cultural Assets“: Am 10. März stellen vier Bibliotheken eine gemeinsame Datenbank mit NS-Raub- und Beutegut vor

10.03.2016

Über Ex-Libris-Aufkleber kann die Spurensuche zum Eigentümer eines Buches beginnen. Die „Looted Cultural Assets Datenbank“ bündelt alle bislang bearbeiteten Fälle aus drei Berliner und einer Potsdamer Bibliothek.
Über Ex-Libris-Aufkleber kann die Spurensuche zum Eigentümer eines Buches beginnen. Die „Looted Cultural Assets Datenbank“ bündelt alle bislang bearbeiteten Fälle aus drei Berliner und einer Potsdamer Bibliothek.
Ringo Narewski leitet an der Freien Universität die Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut. Die Universitätsbibliothek in Dahlem bemüht sich seit 2013 im Rahmen ihrer NS-Raub- und Beutegutforschung um eine stärkere Vernetzung der Projekte in der Region.
Ringo Narewski leitet an der Freien Universität die Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut. Die Universitätsbibliothek in Dahlem bemüht sich seit 2013 im Rahmen ihrer NS-Raub- und Beutegutforschung um eine stärkere Vernetzung der Projekte in der Region. Bildquelle: Jenny Jörgensen
Die Bibliothek des Physikers und Politikers Leo Arons war vermutlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden. Als 2014 in der Campusbibliothek in Dahlem ein Buch mit dem Stempel „Dr. Leo Arons“ auftauchte, nahmen Mitarbeiter die Fährte auf.
Die Bibliothek des Physikers und Politikers Leo Arons war vermutlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden. Als 2014 in der Campusbibliothek in Dahlem ein Buch mit dem Stempel „Dr. Leo Arons“ auftauchte, nahmen Mitarbeiter die Fährte auf. Bildquelle: Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Arons

Als die Jüdin Johanna Arons, die Witwe des 1919 verstorbenen Physikers und sozialdemokratischen Politikers Leo Arons, 1938 in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg Selbstmord beging, hatten die Nationalsozialisten bereits das Vermögen der bekannten Familie beschlagnahmt. Darunter war vermutlich auch die umfangreiche Familienbibliothek, in der die Arons über Jahrzehnte schöne Literatur und andere Werke gesammelt hatten. Johanna Arons' Sohn Hans Albert konnte 1939 mit seiner Ehefrau und seinen Söhnen nach Panama fliehen und 1941 in die USA emigrieren. Nach dem Tod Hans Albert Arons kehrten die Witwe und Söhne in den 1950er Jahren nach Berlin zurück. Die Bibliothek der Familie blieb verloren.

2014 entdeckten Mitarbeiter in den Beständen der Campusbibliothek der Freien Universität mehrere Bände, die einen Adressstempel „Dr. Leo Arons“ und eine Unterschrift „Hans Albert Arons“ trugen. Über welche Wege sie dorthin gelangt waren, ist nicht bekannt. Die 1948 gegründete Freie Universität erwarb nach dem Krieg viele Bücher von Antiquariaten oder bekam sie von Angehörigen des US-Militärs und von Berliner Bürgern geschenkt. „Auf verdächtige Vorbesitzmerkmale achtete damals niemand“, sagt Ringo Narewski, Leiter der Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut der Universitätsbibliothek der Freien Universität.

Die Stabsstelle recherchierte die Identität und Geschichte der ursprünglichen Besitzer und ihrer Erben über zahlreiche öffentlich zugängliche Quellen im Internet. In einem Artikel in der Tageszeitung taz von 2003 fanden die Mitarbeiter schließlich den entscheidenden Hinweis: einen Bericht über die Lebenserinnerungen des Enkelsohnes Klaus Arons. Über die Verlegerin des Buches konnte die Universitätsbibliothek Klaus Arons kontaktieren und ihm die Bücher übergeben.

Aufwendige und detaillierte Detektivarbeit

Wie von den Arons raubte und erbeutete das NS-Regime unzählige Kulturgüter von verfolgten Menschen und von Einrichtungen. Die am häufigsten gestohlenen Gegenstände der Zeit waren Bücher. Bis heute sind nur wenige von ihnen an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben worden. Viele stehen weiterhin unerkannt in Bibliotheken in ganz Deutschland. Denn die Bücher und ihre heutigen Eigentümer zu finden, ist eine aufwendige und detaillierte Detektivarbeit, die einzelne Institutionen kaum angemessen leisten können. Deshalb haben nun vier Bibliotheken die gemeinsame Datenbank „Looted Cultural Assets“ entwickelt – und suchen dafür weitere Kooperationspartner.

In der Datenbank werden alle bisher gefundenen Informationen gesammelt

Am heutigen 10. März stellen im Centrum Judaicum die Universitätsbibliotheken der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam, die Bibliothek der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin die Datenbank der Öffentlichkeit vor. Das Besondere: Die Datenbank „Looted Cultural Assets“ bündelt alle bislang bearbeiteten Fälle aus den vier Bibliotheken, hält ihren aktuellen Recherchestatus und jede zu ihnen gefundene Information fest – unabhängig davon, ob sie sich tatsächlich als NS-Raub von Kulturgut herausstellen oder nicht. So lassen sich Buchdiebstähle auch auf Enteignungen in der DDR und Beschlagnahmungen durch die Rote Armee zurückführen. Oft stellt sich aber auch heraus, dass ein Buch nicht geraubt oder erbeutet worden ist. Diese Erkenntnisse sind ebenso nützlich, damit dasselbe Wissen nicht immer wieder neu zusammengetragen werden muss.

Transparent und öffentlich

Eben darin unterscheidet sich die neue Datenbank von der bekannteren „Lost Art“-Datenbank des in Magdeburg angesiedelten Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Letztere hält nur Informationen über die Kunstwerke und Gegenstände fest, die tatsächlich als NS-Raub- und Beutegüter identifiziert werden konnten. „Um unser mühevoll gesammeltes Wissen zu sichern, ist die Datenbank transparent. Sie ist offen für die Mitarbeit anderer öffentlicher Institutionen und in Teilbereichen auch für interessierte Laien“, sagt Narewski.

In dem unscheinbar wirkenden Archiv verbergen sich viele Tausend Spuren zu den oft verworrenen Wegen geraubter Bücher durch die deutsche Geschichte. In mühevoller Kleinstarbeit haben Bibliotheksmitarbeiter Bücher auf Stempel, Exlibris, Autogramme oder Widmungen untersucht und recherchiert, ob diese Vorbesitzermerkmale (Provenienzen) darauf schließen lassen, dass es sich bei den Büchern um Raub- oder Beutegut handelt, das das NS-Regime entweder zwischen 1933 und 1945 Menschen und Einrichtungen in Deutschland entwendete oder während des Zweiten Weltkriegs in den Ländern, die es überfiel, erbeutete.

Dafür greifen die beteiligen Bibliotheken auf eine ständig wachsende Linksammlung zurück, die sie zu Suchmaschinen, Archiven weltweit, Beschaffungslisten der Nationalsozialisten und der Roten Armee, zu Passagierlisten von Schiffen, alten Stadtplänen, Adressverzeichnissen, Zeitungsinseraten und vielen anderen Informationsquellen führt. „Manchmal sind es Zufallsfunde, die uns weiterbringen“, sagt Narewski.

Eine Million Bücher müsste untersucht werden

Die Aufgabe ist gewaltig: „Insgesamt müssten wir nach einer ersten Schätzung etwa eine der rund acht Millionen Bücher an der Freien Universität untersuchen, wenn wir alle verdächtigen Bände finden wollten“, sagt Narewski, der nur mit 20 Prozent seiner Arbeitszeit die Stabsstelle leitet. Seine Motivation, die schier endlose Arbeit voranzubringen, ist eine moralische: „Wir wollen den Opfern ihre Geschichte und ihren Namen zurückgeben.“

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