Freie Universität Berlin


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„Wir haben eine besondere Verantwortung“

19.02.2014

Ringo Narewski, Bibliothekar an der Freien Universität
Ringo Narewski, Bibliothekar an der Freien Universität Bildquelle: Jan Hambura

Bibliothekare suchen in den Bücherbeständen der Freien Universität Berlin nach NS-Raub- und Beutegut

Wenn Ringo Narewski seine Kollegen schult, taucht der Bibliothekar in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte ein: In den Schulungen geht es um NS-Raub- und Beutegut, das auch seinen Weg in die Bibliotheken der Freien Universität Berlin gefunden hat. Ringo Narewski ist an der Universität erster Ansprechpartner für dieses Thema.

Bei NS-Beutegut handelt es sich um Gegenstände, die während des Zweiten Weltkrieges in den von Deutschland überfallenen Gebieten geraubt wurden. Unter den Begriff des NS-Raubguts fallen dagegen Gegenstände, die zwischen 1933 und 1945 von deutschen Behörden aus dem Eigentum von Privatpersonen und Organisationen im Inland entwendet wurden. „Es gibt keine seriösen Schätzungen darüber, wie viele Bücher geraubt und enteignet wurden“, sagt Ringo Narewski. „Man ist sich jedoch darüber einig, dass Bücher die meistgeraubten Gegenstände in dieser Zeit darstellen.“

Obwohl die Freie Universität erst 1948 gegründet wurde, gibt es auch in ihren Bibliotheken NS-Raub- und Beutegut. „Viele ihrer Bücher erhielt die Hochschule von Berlinern, dem US-Militär sowie durch Ankäufe. Dabei wurde nicht auf verdächtige Vorbesitzervermerke geachtet, etwa auf Namen, Stempel oder künstlerisch gestaltete Exlibris“, erklärt Ringo Narewski.

„Das ist leider keine Seltenheit. Keine Bibliothek, die nach 1945 gegründet wurde, kann ohne Weiteres von sich behaupten, sie besitze kein NS-Raub- und Beutegut.“ Mindestens 500 000 der heute rund 8,5 Millionen katalogisierten Bücher der Freien Universität wurden vor 1946 herausgegeben. „Hinzu kommen geschätzt weitere rund anderthalb Millionen noch nicht im elektronischen Katalog verzeichnete Bücher“, erklärt Narewski. „Im Grunde genommen müssen wir jedes der Bücher in die Hand nehmen.“

Einwände, die betreffenden Bücher würden häufig keinen besonderen Wert haben, lässt Ringo Narewski nicht gelten. „Wiedergutmachung ist nicht mehr möglich, da die meisten Vorbesitzer nicht mehr leben“, sagt der Bibliothekar. „Als Universität haben wir aber eine besondere Verantwortung, die heutigen Anspruchsberechtigten ausfindig zu machen.“ Für Narewski macht es auch einen Teil des eigenen Berufsethos‘ aus, Verantwortung zu übernehmen.

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Denn auch Bibliothekare waren aktiv am Bücherraub beteiligt. Ringo Narewski widmete sich dem Thema zum ersten Mal im Sommer 2012 mit einem eigenständigen, dreiwöchigen Projekt im Rahmen seines Bibliothekar- Referendariats. Seit dieser Zeit sucht er gemeinsam mit seinem Kollegen Ulrich Benkenstein von der Bibliothek für Sozialwissenschaften und Osteuropa- Studien der Hochschule nach NS-Raub- und Beutegut in den Bibliotheken der Freien Universität – sogar in seiner Freizeit.

Gab es zuvor keinen zentralen Verantwortlichen, ist Narewski seit Oktober 2013 offizieller Ansprechpartner der Universität für Fragen zu diesem Thema. Im Januar 2014 kamen zwei Mitarbeiterinnen hinzu. Im Rahmen eines Feldversuchs, der zugleich der Beginn der systematischen Suche nach NS-Raub- und Beutegut war, werden derzeit mehr als hundert Bücher aus der Bibliothek für Sozialwissenschaften und Osteuropa-Studien überprüft. Einige davon sind bereits als enteignet identifiziert worden. Daneben haben in den vergangenen Monaten wiederholt Mitarbeiter weiterer Bibliotheken der Hochschule Funde gemeldet.

Kurz nachdem Narewski mit seiner Arbeit begonnen hatte, wurden auch Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München auf das Thema aufmerksam. In der Zeitschrift „Bibliotheksdienst“ informierten sie darüber, dass sie in einem Antiquariat ein aus den Beständen der Freien Universität ausgesondertes Bucherstanden hatten, bei dem es sich um NS-Raubgut handelte.

Es gehörte dem jüdischen Apotheker und Büchersammler Leopold Scheyer aus Berlin, der es bei seiner Flucht 1939 zurücklassen musste. „Das war ein weiterer wichtiger Impuls, auch bei der Aussonderung von Büchern verstärkt auf auffällige Vorbesitzervermerke zu achten“, sagt Ringo Narewski.

Bevor Ringo Narewski und Ulrich Benkenstein ihre Arbeit aufnahmen, gab es an der Hochschule nur Zufallsfunde von NS-Raub- und Beutegut: etwa Ende der 1980er Jahre durch einen Bibliotheksnutzer. Dieser konnte mehrere Bücher aus der Bibliothek des Journalisten und DDR-Widerstandskämpfers sowie politischen Häftlings Alfred Weiland als NS-Raub- und Beutegut identifizieren.

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Weiland, der als Gegner des Nationalsozialismus selbst enteignet worden war, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken, die Bücherbestände in Berlin aufspürte und sicherstellte. Dabei soll er Bücher aus dem Fundus entwendet haben, die ein Jahr nach seinem Tod, 1979 als Teil seiner Bibliothek wiederum an die Universitätsbibliothek der Freien Universität verkauft wurden.

Viele dieser und der in den Folgejahren an der Hochschule gefundenen Bücher konnten bereits zurückgegeben werden. Zuletzt im Jahre 2012, als der Botanische Garten und das Botanische Museum der Freien Universität Bücher an Russland restituierten.

Eine frei zugängliche Datenbank ist geplant

Als öffentliche Einrichtung ist die Hochschule wie andere Institutionen unter anderem durch die Washingtoner Erklärung aus dem Jahre 1998 dazu verpflichtet, in ihren Beständen aktiv nach NS-Raub-und Beutegut zu suchen und es zurückzugeben. Eine Aufgabe, die aufgrund der fehlenden Bereitstellung von Geldern auf Bundes- und Länderebene bislang nur in wenigen Bibliotheken zur alltäglichen Arbeit gehört.

„Eigentlich müsste diese Aufgabe gesetzlich, personell und finanziell besser geregelt werden, um auch die Langfristigkeit der Suche nach NS-Raub- und Beutegut sicherzustellen“, sagt Ringo Narewski. Denn es gelte, Hunderttausende Bücher durchzuschauen, die Funde zu dokumentieren, das Schicksal der Vorbesitzer zu recherchieren und vor allem Anspruchsberechtigte ausfindig zu machen. Eine gewaltige Aufgabe, da die Erwerbungsunterlagen der Bibliotheken der Hochschule hierüber nur selten Aufschluss geben.

Probleme bereiten dem Bibliothekar zudem häufig vorkommende und unleserlich geschriebene Namen in den Vorbesitzer vermerken, die eine korrekte Zuordnung fast unmöglich machen. Doch Ringo Narewski und Ulrich Benkenstein lassen sich davon nicht beirren und leisten mit ihrer Suche nach den Vorbesitzern der Bücher echte Detektivarbeit.

Immer wieder stoßen sie dabei auf neue Erkenntnisse über mittlerweile Verstorbene: Darunter sind Opfer, aber auch Personen, die sich im nationalsozialistischen Deutschland politisch einbrachten, wie zuletzt der promovierte Jurist Heinrich Martin Elisabeth Rütten. Der 1901 geborene und 1957 verstorbene ehemalige Oberkreisdirektor von Euskirchen – dort trägt heute noch eine Promenade seinen Namen – war nicht nur Mitglied der NSDAP und von 1938 bis 1943 Landrat des Kreises Bielefeld, sondern auch Rechtsberater der SA und Ehrenmitglied der SS. Allein diese Recherche nahm insgesamt rund zwei Monate in Anspruch.

„Man wartet oft auch lange auf Antworten von Archiven, Gemeindeämtern und anderen Bibliotheken“, sagt Narewski. Für die Zukunft plant er, eine frei zugängliche Datenbank aufzubauen, die alle bislang bearbeiteten Fälle sowie deren aktuellen Recherchestatus enthält. Es sollen auch Hinweise aus der Bevölkerung aufgenommen werden, um noch mehr rechtmäßigen Eigentümern ihre Bücher zurückzugeben.

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Weitere Informationen

Im Internet: www.ub.fu-berlin.de/bibliothek/sammlung/raubgut