Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Restitution von Raub- und Beutegut

Zwischen 1933 und 1945 enteigneten die Nationalsozialisten millionenfach Menschen und Institutionen innerhalb ihres Machtbereiches. Diese Konfiszierungen richteten sich gegen Juden, Sinti und Roma sowie Angehörige anderer religiöser oder ethnischer Minderheiten, politische Gegner des Nationalsozialismus, darunter Parteien, Gewerkschaften aber auch Künstler, Gelehrte, Homosexuelle u.v.m. Enteignungen wurden sowohl an Bürgerinnen und Bürgern des Deutschen Reiches vorgenommen und in den durch die Nationalsozialisten besetzten Ländern. Dieses beschlagnahmte Privateigentum wird als NS-Raub- und Beutegut bezeichnet. Außerdem sind auch die unter Zwang stattgefunden Verkäufe von Privatdingen durch die Verfolgten selbst hierunter zu zählen. Dabei wurden Bücher in sehr großen Mengen beschlagnahmt oder unter Zwang veräußert. Einzelne in Privatbesitz befindliche Bücher wurden ebenso ihren Eigentümern weggenommen oder zwangsverkauft wie ganze Bibliotheken. Bekannt sind etwa die systematischen Raubzüge des Einsatzstabes Alfred Rosenberg, bei welchen jüdische Bibliotheken in großem Umfang nach Deutschland verschleppt wurden.

Die gestohlenen Bücher wurden zwischengelagert für weitere Verwendungszwecke wie die Hohe Schule, eine geplante, jedoch nie gänzlich realisierte nationalsozialistische Elitehochschule, deren Bibliothek aus dem Fundus der enteigneten Bücher aufgebaut werden sollte. Sie blieben zum Teil im Besitz hochrangiger Nationalsozialisten, wurden über Antiquariate an private Sammler verkauft oder auch an Bibliotheken im Deutschen Reich veräußert oder verteilt. Die Millionen von konfiszierten Büchern wurden auf diesen Wegen über das ganze Reichsgebiet verstreut. Dies endete jedoch nicht mit der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945, sondern einmal in Gang gesetzt, wirkt diese Verstreuung von NS-Raub- und Beutegut bis in die Gegenwart über alle Kontinente fort. Bibliotheken, auch solche, die erst nach 1945 eingerichtet wurden, waren und sind hiervon betroffen, da über Umwege z.B. Schenkungen oder Käufe bei Antiquariaten geraubte Bücher bis heute in ihren Bestand gelangen können.

1998 und 1999 wurden mit den Washington Conference Principles on Nazi-Confiscated Art und Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes insbesondere aus jüdischem Besitz die Grundlagen für die heutigen Bemühungen öffentlicher Einrichtungen geschaffen, NS-Raub- und Beutegut zu identifizieren und an heutige Eigentümer zu restituieren. Auf ihnen beruht auch die Arbeit der Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin.

NS-Raub- und Beutegut in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin

1948 wurde die Freie Universität Berlin als eigene Universität der drei westlichen Sektoren Berlins gegründet. Die erste Sammeltätigkeit von Büchern und Zeitschriften fand in der sogenannten Bibliotheksleitstelle statt, aus der dann 1952 die Universitätsbibliothek hervorging. Der Aufbau eines wissenschaftlich relevanten Altbestands so kurz nach dem Krieg war trotz vieler Spenden schwierig. Die Universitätsbibliothek verfügt heute über einen Bestand von ca. 250.000 gedruckten Werken, die vor 1945 erschienen sind. In diesem Altbestand gibt es auch Bücher, die auf Enteignungen unter dem Herrschaftssystem des Nationalsozialismus zurückzuführen sind.

Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut

Aufgrund der Funde von Büchern mit eindeutiger Provinienz verstärken die Bibliotheken der Freien Universität Berlin seit 2012 ihre Bemühungen um die Suche nach NS-Raub- und Beutegut in ihren Beständen. Seit Oktober 2013 existiert in der Universitätsbibliothek eine Stabsstelle mit Klärungsfunktion. Hier können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Freien Universität verdächtige Funde melden. Ziel der Stabsstelle ist der Aufbau einer bibliothekssystemweiten Infrastruktur zur Erfassung und Restitution von NS-Raub- und Beutegut.

Im Juni 2014 wurde der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin eine Projektförderung durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung bewilligt. Damit ist es erstmals möglich, einen größeren Teilbestand der Universitätsbibliothek systematisch auf Raubgut hin zu sichten und Bücher ihren Eigentümern zurückzugeben. Von April 2015 bis März 2017 werden Erwerbungen der Universitätsbibliothek aus den Jahren 1952 bis 1968 untersucht. Angedacht ist eine Fortsetzung der Recherchen für die nach 1968 erworbenen Bestände.

Weitere Informationen finden Sie in der offiziellen Pressemeldung der Stiftung Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste.

Die Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets

Die erfolgreiche Restitution von NS-Raub- und Beutegut hängt nicht zuletzt von der Vernetzung mit anderen Projekten ab. Informations- und Dokumenteaustausch, Zusammenarbeit bei der Recherche und regelmäßiger Erfahrungsaustausch ermöglichen die stetige Verbesserung der eigenen Arbeit. Diesem Gedanken folgend führt die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin gemeinsam mit anderen Berliner und Brandenburger Bibliotheken alle in den eigenen Beständen gefundenen Provenienzen und die zugehörigen Rechercheergebnisse in der Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets zusammen. Aufgenommen werden alle Provenienzen unabhängig von ihrer Herkunft mit dem Ziel, nicht nur Auskunft über NS-Raub- und Beutegut zu geben, sondern auch über Raubgut aus der Sowjetischen Besatzungszone respektive der DDR und Provenienzen, die überhaupt keinen Enteignungshintergrund haben. Für Interessierte ist es möglich, Rechercheergebnisse aus den beteiligten Projekten frei und möglichst einfach im Internet abzurufen. Die Datenbank umfasst derzeit mehr als 28.000 Provenienzeinträge (Stand 12.2015).

Kontakt

Allgemeine Anfragen können Sie über restitution@ub.fu-berlin.de stellen. Einzelne AnsprechpartnerInnen finden Sie hier.


Weiterführende Literatur

  • Hambura, Jan: Wir haben eine besondere Verantwortung; in: Der Tagesspiegel 22.02.2014, S. B4; Url: http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2014/ts_20140222/tagesspiegel-20140222-41/index.html; letzter Zugriff: 24.02.2014
  • Hansen, Melanie: Zurück in die Heimat. Campus.leben 25.10.2010.
    Url: http://www.fu-berlin.de/campusleben/campus/2010/100525_buchrueckgabe_botanischer_garten/index.html, letzter Zugriff am 24.10.2013.
  • Heilmann, H. D.: Die Bibliothek in Zeit und Räumen I. In: Bibliotheksinformationen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. (1988), Nr. 18, S. 2-10.
  • Heilmann, H. D.: Die Bibliothek in Zeit und Räumen II. In: Bibliotheksinformationen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin(1992), Nr. 24, S. 7-8.
  • Heilmann, H. D.: Die Bibliothek in Zeit und Räumen III. In: Bibliotheksinformationen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin (1993), Nr. 25, S. 11-13.
  • Heilmann, H. D.: Die Bibliothek in Zeit und Räumen IV. In: Bibliotheksinformationen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin (1994), Nr. 26, S. 14-23.
  • Sylvia Kubina: Die "Sammlung Weiland" in der UB der FU Berlin.
    In: Bibliotheksinformationen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. Nr. 27
  • Sylvia Kubina: Die Bibliothek des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906-1978).
    Berlin: UB der FUB, 1995. - 135 S.: Ill.
    (Veröffentlichungen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin ; 4)
    ISBN 3-929619-07-5
  • Narewski, Ringo: Raub- und Beutegut in den Beständen des Bibliothekssystems der Freien Universität Berlin. In: Bibliotheksdienst 2013; 47(6): 408-425
  • Welt Online: In den Bibliotheken lagern Tausende Beute-Bucher. In: Welt Online (2008), Url: http://www.welt.de/regionales/berlin/article2444882/In-den-Bibliotheken-lagern-Tausende-Beute-Buecher.html, letzter Zugriff am 24.10.2013.