Freie Universität Berlin


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„Ein unvergesslicher Mentor und Lehrer“

Weggefährten und Schüler zum Tod von Eberhard Lämmert anlässlich der Trauerfeier am 12. Mai

11.05.2015

Prof. Dr. Eberhard Lämmert (20. September 1924 bis 3. Mai 2015)
Prof. Dr. Eberhard Lämmert (20. September 1924 bis 3. Mai 2015) Bildquelle: Freie Universität Berlin / Inge Kundel-Saro

Mit Eberhard Lämmert, Präsident der Freien Universität von 1976 bis 1983, verliert die Freie Universität eine herausragende Persönlichkeit: einen großen Literaturwissenschaftler, einen unvergesslichen Mentor und Lehrer, einen außergewöhnlichen Menschen. Lämmert habe denen, die bei ihm studierten oder mit ihm zusammenarbeiteten, „den Funken der analytischen Begeisterung ins Herz gelegt“, sagt Georg Witte, Geschäftsführender Direktor des Peter-Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, das Lämmert selbst von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1992 leitete. Campus.leben hat Erinnerungen von Weggefährten, Schülern und Kollegen gesammelt: Peter-André Alt, Klaus Scherpe, Sigrid Weigel, Jürgen Kocka, Hartmut Eggert, Irmela von der Lühe, Lothar MüllerClaudia Schmölders und Oliver Lubrich.

Peter-André Alt

Ich begegnete Eberhard Lämmert zum ersten Mal als Student im Wintersemester 1981/82. Er hielt eine Vorlesung zum „Europäischen Roman des 19. Jahrhunderts“. Ich war neugierig: Von Lämmert kannte ich die Bauformen des Erzählens und die Studie über den „Dichterfürsten“. Dass er damals Präsident meiner Universität war, interessierte mich wenig. Das Amt blieb für den Normalstudenten kaum greifbar, anders als die Wirksamkeit des Philologen Lämmert, dessen Denkstil mich faszinierte.

Eberhard Lämmert blieb für meine Reise durch den modernen Roman fortan ein Anreger und Cicerone – ein Philologe, der das Wunder der verstehenden Lektüre auf sanft geschwungenen, dem schönen Gegenstand angemessenen und doch begriffsfesten Annäherungswegen anzubahnen wusste. Und mein Glück war es, dass ich ihm in den folgenden Jahren wiederbegegnen durfte, in wechselnden Rollen hüben wie drüben, in Marbach und Princeton, vor allem aber in Dahlem an der Freien Universität!*

Der Literaturwissenschaftler Professor Peter-André Alt ist Präsident der Freien Universität Berlin, an der er von 1979 bis 1984 studierte, 1984 promoviert wurde und sich 1993 habilitierte. Sein ausführlicher Nachruf auf Eberhard Lämmert erschien am 6. Mai unter dem Titel „Ein Diplomat der Literatur" in campus.leben. 


Klaus Scherpe

„Ich habe zu keiner Zeit das Gefühl gehabt, nicht Professor von Studenten zu sein“, sagte Eberhard Lämmert im Rückblick auf die stürmische Zeit seiner FU-Präsidentschaft in den 1970er Jahren. Und noch 2003 gab er dem Beitrag für eine Veranstaltung des AStA die Überschrift „Marcuse, Studentenbewegung, FU-Identität“. Viele hatten ihm, dem wohlbestallten Heidelberger Ordinarius, abgeraten, das Berliner Amt anzunehmen. Als einer der wenigen seines Faches hatte Lämmert in seiner früheren Berliner Zeit damit begonnen, die Geschichte der in der Nazizeit als „deutsche Wissenschaft“ propagandistisch aufgewerteten Germanistik kritisch aufzuarbeiten. Jetzt ergab sich die Gelegenheit – wo anders als an der Berliner Freien Universität, der in ihren Grundfesten erschütterten Universität – dieses Wissen und seine Erfahrungen als Hochschullehrer einzubringen für eine Reform der deutschen Universität: über die Grenzmarkierungen der Fachdisziplinen hinaus, weltoffen, jenseits der nationalen Beschränkungen. Reformen waren durchzusetzen gegen den Beharrungswillen der Institutionen und ihrer Repräsentanten. Die Anfeindungen nahm er in Kauf, die Störmanöver radikaler Studentengruppen und mehr noch die Angriffe einer Professorenschaft, die, in Not geraten, glaubte, sich in einer Gemeinschaft zusammenschließen zu müssen.

Ja, es stimmt, Eberhard Lämmert hat dank seiner persönlichen Integrität und Souveränität der Freien Universität zu neuem Ansehen verholfen. Aber es stimmt auch, dass diese Universität, die in den Konflikten des Kalten Krieges als eine „freie“ Universität gegründet wurde, ohne die konfliktreiche Zeit der Achtundsechziger-Studentenbewegung sich nicht zu dem zusammengefunden hätte, was sie heute ist. Dafür steht nicht zuletzt das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, das Eberhard Lämmert, der als Präsident stets Wissenschaftler blieb, aufgebaut hat. Mehr „institutionelle Phantasie“, mehr „Selbstbeteiligung“ an den öffentlichen Angelegenheiten, das war stets sein Wunsch, eine Ermutigung, derer wir, wie er gerne sagte, „eingedenk“ sein sollten.

Klaus Scherpe, emeritierter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin, war von 1968 bis 1972 wissenschaftlicher Assistent von Eberhard Lämmert in Berlin und Heidelberg. 1973 wurde er als Professor für Neuere deutsche Literatur an die Freie Universität berufen, wo er bis 1993 lehrte.


Sigrid Weigel

In etlichen Szenen hatte ich Eberhard Lämmert in der Arena der Wissenschaftspolitik als klugen, weitsichtigen Akteur erleben dürfen, immer offen für neue Ideen: wie er Anfang der 1990er Jahre als Kuratoriums-Vorsitzender des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) agierte, wo ich, als Jüngste und einzige Frau im Vorstand, in ihm einen interessierten Gesprächspartner fand; dann etliche Jahre später bei den gemeinsamen Gängen zum Brandenburger Ministerium, er in derselben Funktion wie in Essen, ich als Direktorin des Einstein-Forums, wo es uns gelang, deren Stutzung auf eine Zwerginstitution abzuwenden. Insofern hatte ich seine souveräne Autorität wie auch seine menschliche und intellektuelle Großzügigkeit schon erfahren, als er mir die Leitung des von ihm initiierten ZfL überantwortete.

Dennoch war es eine überraschende und unvergessliche Erfahrung, mit welchem Einvernehmen – über den Generationensprung hinweg – der Wechsel möglich war: Lange vor meinem offiziellen „Amtsantritt“ bezog er mich ein, um den DFG-Antrag mit dem Forschungsprogramm der nächsten Jahre mit ihm zusammen auszuarbeiten und gab mir darüber hinaus zu verstehen, dass er die zukunftsrelevanten inhaltlichen Akzente mir überlasse. Am Tag, als ich das Amt von ihm übernahm, war er in das Büro eines Projektleiters gewechselt. In dieser Rolle nahm er noch viele Jahre als Engagierter an vielen Diskussionen des ZfL teil, später als Beobachter, der mit seiner Freude darüber, dass seine Gründung die Testzeit überlebte, ebenso großzügig war wie mit seiner Anerkennung.

Professorin Sigrid Weigel ist seit 1999 Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL), dessen Gründungsdirektor Eberhard Lämmert war, und Vorstandsvorsitzende der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin.


Jürgen Kocka

Was ich am meisten bewundere: Eberhard Lämmert als eine einzigartige Gestalt, die wissenschaftliche Könnerschaft mit wirkungsvollem politischem Engagement und gebildeter Eleganz der Lebensführung verbindet. Dass die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg so viel besser verlief als nach dem Ersten, lag an mächtigen Konstellationen, aber auch an denkenden und handelnden Zeitgenossen, an Persönlichkeiten wie Eberhard Lämmert.*

Jürgen Kocka lehrte von 1988 bis 2009 am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, von 2001 bis 2007 war er Präsident des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.


Hartmut Eggert

Aus seiner frühzeitigen Auseinandersetzung mit der Verstrickung der Germanistik in die deutschen nationalistischen Bewegungen – sie gipfelten in der NS-Diktatur – sah Eberhard Lämmert hellsichtig voraus, dass aus der Reform eines Germanistikstudiums auch ein reformierter Deutschunterricht hervorgehen müsse. Er, der nach eigenem Bekunden nie „Lehrer an einer Schule“ hatte werden wollen – die Berufsperspektive von 80 Prozent der Germanistik-Studenten seiner Generation – hat sich gleichwohl darauf eingelassen, die Grundlagen eines Literaturunterrichts zu bedenken, der sich aus dem prägenden Verständnis einer Genieästhetik löst und deren Texte nicht mehr nur als „Lebenshilfe“ und zum Zwecke moralischer Indoktrination pädagogisch verbraucht würden.

Im Juni 1974 auf dem Höhepunkt des Streites über die „Hessischen Rahmenrichtlinien“ für den Deutschunterricht richtete Eberhard Lämmert mit der Akademie der Künste im Hanseatenweg eine kleine Tagung zu einem zukünftigen Literaturunterricht aus. (Wo gäbe es das heute noch!) Im Zentrum standen Schülertexte, die in einem von mir geleiteten und von ihm geförderten Schulforschungsprojekt entstanden waren. Sein einleitendes Referat, das noch immer nachlesenswert ist, zeigt seine ganze intellektuelle Kontur: Ohne Anmaßung als „Oberlehrer“ auftretend, denkt er öffentlich über „literarische Kompetenz“ nach, die außerhalb der Fachwissenschaft im Umgang mit Poesie auch zukünftig zu gewinnen sei.

Über fünf Jahrzehnte verband uns das Nachdenken darüber, wie Literatur zu vermitteln sei in einer sich völlig verändernden Medienlandschaft, dabei zunehmend auch im Austausch verschiedener Kulturen. Meine frühen Lehrerfahrungen in den USA, die späteren als FU-Germanist im damals ganz fernen China und in europäischen Ländern gehen auf Impulse Eberhard Lämmerts zurück. Kürzlich berichtete ich ihm noch von meiner geplanten Rede vor polnischen Studenten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Diese Perspektive hatte ihm, der uns gelehrt hat, kritisch mit der deutschen Geschichte umzugehen und auch fachlich daraus Konsequenzen zu ziehen, sehr zugesagt.

Hartmut Eggert arbeitete während seines Studiums an der Freien Universität 1963/64 zunächst als studentische Hilfskraft und von 1969 bis 1975 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem „Romantheorie"-Projekt bei Eberhard Lämmert. Von 1981 bis 2002 war er Professor für „Literarische Sozialisation“ am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin.


Irmela von der Lühe

Die junge Studentin der Geschichte, vorzugsweise der mittelalterlichen, der die Literatur ein allenfalls „schöner Überfluss" und die Wissenschaft von ihr ein bürokratisch verlangtes „Zweitfach" mit unerträglichem Hang zur einfühlsamen Spekulation gewesen war – in den bald beginnenden politischen Zeiten überdies sträflich „untheoretisch" und, schlimmer noch, „unpolitisch" –, sie begegnete im Sommersemester 1969 an der Freien Universität Berlin in Vorlesung, Haupt- und Oberseminar einem Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte, der all diese zuvor in Tübingen und Münster kultivierten Vorurteile mit wenigen Sätzen hinwegzufegen vermochte.

Es begann im siebten Fachsemester das Studium einer Literaturwissenschaft, die Texte und Theorien, geschichtsphilosophische und sozialgeschichtliche Kontexte lange vor jeglichem „turn" zu exponieren vermochte; und dies immer aus einer gleichermaßen geschichts- wie gegenwartsorientierten Perspektive.*

Irmela von der Lühe kehrte immer wieder an die Freie Universität zurück, an der sie von 1969 bis 1971 studiert hatte. Von 2004 bis zu ihrer Emeritierung 2012 war sie Professorin für Germanistik.


Lothar Müller

Der Kern der Philologie ist Kritik. Bei Eberhard Lämmert war sie nicht nur Textkritik und unterscheidende Lektüre in schriftlicher Form, sondern ebensosehr leibhaftig-dialogische, im Gespräch entwickelte Kritik. Dass hier der Ton eine entscheidende Rolle spielt, liegt auf der Hand, besonders, wenn bei der allmählichen Verfertigung der Kritik im Reden der Kritisierte anwesend ist. Eines der Bilder, in die Eberhard Lämmert in Prüfungsverfahren oder nach Vorträgen kritische Anmerkungen zu fassen wusste, ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Sie haben, sagte er zu einem Vortragenden, dessen Argumentationsgang zusammenfassend, eine lange Reihe sehr gut ausgestatteter Waggons zu einem Zug von beeindruckender Länge zusammengekoppelt. Und es ist unverkennbar, dass Ihre Lokomotive beträchtlich Zugkraft besitzt. Jetzt müssen Sie nur noch losfahren.    

Lothar Müller war von 1989 bis 1994 Mitarbeiter am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete in dieser Zeit eng mit Eberhard Lämmert zusammen, unter anderen bei einem gemeinsamen Seminar. Seit 2001 ist er Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, seit 2010 Honorarprofessor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin.


Claudia Schmölders

Eberhard Lämmert begegnete mir erst einmal eher als guter Geist denn als Lehrer. Meiner Wahldozentin Katharina Mommsen, später Autorin großer Bücher über „Goethe und den Islam“, verhalf er 1962 zur Habilitation an der Freien Universität, nachdem sie durch den Mauerbau nach West-Berlin verschlagen worden war; um 1970 „erbte“ er einige Doktoranden, deren Lehrer Berlin verließen, weil sie unglücklich mit der neuen Verfassung der Universität waren. Deswegen musste ich das Rigorosum in Heidelberg absolvieren.

Gelesen habe ich damals die „Bauformen des Erzählens“, Lämmerts Hauptwerk von 1955. Als Zeitzeugin der aggressiv bestürmten Seminare um 1968 sprach mir das Schlusskapitel aus der Seele. Lämmert bestand darauf, dass Dichtung sich vor allem „im ‚Gespräch‘ des Dichters mit dem Zuhörer bzw. Leser vollzieht“. Das konnte man formalästhetisch, aber auch praktisch verstehen. Was er schon damals beschwor, hatten wir 1968 erlebt: den Niedergang des Gesprächs als Kulturtechnik. 1979 erschien dazu meine Anthologie über „Die Kunst des Gesprächs“. Er hat sich wirklich darüber gefreut. 2010 schenkte er mir sein Buch „Respekt vor den Poeten“ – und als Alumna seines Wirkens empfinde ich heute herzlichen und dankbaren Respekt vor diesem Exegeten.

Claudia Schmölders studierte von 1967 bis 1970 an der Freien Universität und wurde 1973 bei Eberhard Lämmert promoviert. Sie arbeitet als Kulturwissenschaftlerin in Berlin.


Oliver Lubrich

Eberhard Lämmert war Ordinarius, Institutsleiter und Universitätspräsident. Ich habe ihn als Student erlebt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter und schließlich als junger Professor – ohne dass sich an seinem Verhalten zu mir etwas geändert hätte. Unabhängig von Amt, Alter und Ansehen begegnete er einem stets mit seiner großzügigen Freundlichkeit, liberalen Offenheit und intellektuellen Eleganz. Ich habe seine Vorlesung über den europäischen Roman gehört, bin seiner Lektüre literarischer Wolkenbildung gefolgt und war mit ihm zusammen als Alumnus der Freien Universität aktiv.

Aber wichtiger noch, als dass einen seine Schriften beeinflussten, seine Lehrveranstaltungen und seine hochschulpolitische Diplomatie – das vielleicht Schönste überhaupt, das man von einem akademischen Lehrer sagen kann, ist: dass man seine Haltung und ihn als Menschen bewunderte.

OIiver Lubrich ist Ordinarius für Neuere deutsche Literatur und Komparatistik an der Universität Bern. Er studierte von 1990 bis 1996 und promovierte 2003 an der Freien Universität Berlin. Vor seiner jetzigen Tätigkeit arbeitete er dort als Juniorprofessor.

Weitere Informationen

Die mit * markierten Beiträge sind Auszüge aus Texten die erstmals in „Vielfacher Blick. Eberhard Lämmert zum 90.Geburtstag" (hrsg. von Ralf Schnell, Petra Boden und Justus Fetscher im Universitätsverlag Siegen, 2014) erschienen sind.