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Ein Diplomat der Literatur

Zum Tod Eberhard Lämmerts / Ein Nachruf von Professor Peter-André Alt

06.05.2015

Professor Dr. Eberhard Lämmert (20. September 1924 – 3. Mai 2015)
Professor Dr. Eberhard Lämmert (20. September 1924 – 3. Mai 2015) Bildquelle: Mike Wolff
Eberhard Lämmert, hier auf einer Aufnahme von 1989, lehrte als Professor für Deutsche Philologie sowie Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und der Freien Universität, deren Präsident er von 1976 bis 1983 war.
Eberhard Lämmert, hier auf einer Aufnahme von 1989, lehrte als Professor für Deutsche Philologie sowie Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und der Freien Universität, deren Präsident er von 1976 bis 1983 war. Bildquelle: Inge Kundel-Saro

Am vergangenen Sonntag ist Eberhard Lämmert im Alter von 90 Jahren gestorben. Der renommierte Literaturwissenschaftler war 1965 Mitbegründer des Peter-Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität und von 1976 bis 1983 deren Präsident. Ein Nachruf seines Schülers Peter-André Alt, Literaturwissenschaftler und amtierender Präsident der Freien Universität Berlin.

Vor 100 Jahren mussten Germanisten, die an der Universität Karriere machen wollten, das ganze Spektrum ihrer Disziplin ausmessen. Von ihnen wurde erwartet, dass sie Sprachgeschichte, ältere und neuere Literatur gleichermaßen beherrschten. Das war gemeint, wenn es mit einer bis heute verbreiteten Formel hieß, Professoren hätten das Fach „in seiner ganzen Breite“ zu vertreten. Eberhard Lämmert, der am Sonntag in Berlin neunzigjährig verstorben ist, gehörte zu den Letzten, die der hier formulierten Erwartung noch gerecht wurden. Als Germanist und Komparatist hat Lämmert seit seiner zum Standardwerk gewordenen Dissertation über Bauformen des Erzählens (1955) die ganze Bandbreite des deutschen und europäischen Literaturkanons ab dem Mittelalter durchschritten. Seinem Selbstverständnis als Vertreter des Fachs Deutsche Philologie entsprach es, dass er sich nach einer neugermanistischen Dissertation 1960 in Bonn mit einer Untersuchung über Reimsprecherkunst im Spätmittelalter habilitierte. Das war schon damals, im Anschluss an eine Arbeit zur neueren Erzähltheorie, durchaus ungewöhnlich und verriet viel über das fachliche Selbstverständnis, das Eberhard Lämmert vertrat.

In seinen Arbeiten hat Lämmert stets die Gesamtheit des europäischen Literatur-Ensembles beleuchtet. Die Legitimation für diesen hohen Anspruch liegt in der Sache selbst. Wer die Welt der Fiktion analytisch erfassen möchte, benötigt ein profundes Wissen über die Querverbindungen und Netzwerke, die sie ausbildet. Er muss die verschlungenen Strebungen und Gitterlinien kennen, die Texte miteinander verknüpfen und in ein manchmal schwebendes, manchmal stabiles Gefüge von Korrespondenzen versetzen. Lämmert war ein Meister des Beziehungsdenkens, der eine umspannend gelehrte Literaturwissenschaft als vergleichende Philologie betrieb.

Nach Professuren in Berlin und Heidelberg kehrte Eberhard Lämmert 1976 an die Freie Universität zurück – in der Doppelfunktion als ihr Präsident und Ordinarius. Der Weg in die Hochschulpolitik verlief bei ihm über die Beschäftigung mit der Geschichte der Deutschen Philologie und ihrer zahlreichen Verirrungen, auch jenen zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Erforschung der Fachgeschichte führte Lämmert zur Rolle des öffentlichen Intellektuellen, des kritischen Reformators und Gestalters. Aus ihr hat er ab Mitte der 60er Jahre die Konsequenz gezogen und in wachsendem Umfang Verantwortung für Institutionen übernommen. Als Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes (1964-1976), als Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft, als Kuratoriumsmitglied und Angehöriger des Vorstands im DAAD (1970-1999), als Chef der Deutschen Schillergesellschaft (1988-2002) und, nicht zuletzt, als Präsident der Freien Universität (1976-1983) hat Lämmert sein intellektuelles Gewicht und seinen Einfluss auf institutioneller Ebene zur Geltung gebracht. Er tat das, in oft schwierigen Zeiten, mit der festen Überzeugung, dass Dialog und Diskurs auch im politischen Feld die einzig angemessenen Formen der Auseinandersetzung beim Ringen um die richtigen Argumente und die besten Lösungen sind. Er hat dabei, geduldig und eloquent, fair und offen, zahlreiche Konflikte moderiert, Kompromisse auch in kompliziertesten Konstellationen gefunden und sich höchstes Ansehen als Hochschulpolitiker, Reformator und Impulsgeber erworben.

Die Freie Universität befand sich, als sie ihn 1976 zu ihrem Präsidenten wählte, in einer Situation heilloser politischer Zerrüttung. Denunziationen, Intrigen, öffentliche Anfeindungen, Dauerstreiks und Gesinnungsterror von links wie rechts ließen einen geregelten Lehrbetrieb in diesen Jahren kaum noch zu. Gemeinsam mit Peter Glotz, der seit 1977 als Wissenschaftssenator in Berlin wirkte, trat Lämmert für ein neues Hochschulrahmengesetz ein, das eine verfaßte Studierendenschaft vorsah, zugleich aber auf eine Verkürzung der exorbitant angewachsenen Studienzeiten zielte. Durch engagierten Einsatz gelang es Lämmert, die Freie Universität aus ihren jahrelangen Dauerquerelen zu befreien und die Berufungspolitik am Maßstab strikter Qualität neu zu entwickeln. Als er 1983 die Leitungsfunktion abgab, war es ihm geglückt, das akademische Leben zu konsolidieren, ohne kritische Ideen zu unterdrücken.

Als Botschafter seiner Disziplin hat Lämmert stets eine internationale Wirkungsdimension gesucht, wie sie sich auch in seinen literaturwissenschaftlichen Studien spiegelt. In seiner Rolle als Gutachter für die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Mitglied des Auswahlausschusses für deren renommierte Leibniz-Preise, als Berater zahlreicher Universitäten des Auslands und Präsident der Schillergesellschaft öffnete er sein Fach für die internationale Arena. Nur folgerichtig war es, dass ihn Gastprofessuren frühzeitig an renommierte Universitäten auf dem gesamten Globus führten – nach Princeton und Cambridge, nach St. Louis und São Paulo, mehrfach nach Asien. Schon als Präsident der Freien Universität konnte Lämmert 1981 ein Abkommen mit der Peking-Universität ratifizieren und damit den Grundstein für eine jahrzehntelange Kooperation legen. China, aber auch Japan, Thailand und Südkorea, Ägypten und Brasilien bildeten wichtige Partnerländer für den akademischen Diplomaten Lämmert, der ein glänzender Vertreter der ‚deutschen Wissenschaft‘ im Ausland war.

Zu den großen institutionellen Leistungen Lämmerts gehören nicht zuletzt universitätsinterne Aufbauerfolge. Nach seiner Zeit als Präsident leitete er ab 1983 an der Freien Universität das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Mit großer Ernsthaftigkeit und Ausdauer widmete sich Lämmert bis zu seiner Emeritierung 1992 der Lehre, den von ihm initiierten Partnerschaften und Austauschrogrammen. Wenn das Szondi-Institut heute eine weltweit anerkannte Institution ist, so verdankt es das Lämmerts umsichtiger Steuerung, seiner vorausschauenden Berufungspolitik und der Entwicklung internationaler Netzwerke.

Zum Szondi-Institut gesellte sich nach dem Mauerfall das Zentrum für Literaturforschung (ZfL) in Berlin-Mitte, dessen Gründungsdirektor Eberhard Lämmert zwischen 1996 und 1999 war. Was er an der Universität im Zusammenspiel von Lehre und Forschung entwickelt hatte, lebte in einem neuen Konzept fort. Es erweiterte die Literaturwissenschaft zur Basisdisziplin für fachübergreifende Grenzgänge und verband in zahlreichen Projekten theoretischen Ehrgeiz mit philologischer Präzision. Die von Lämmert frühzeitig gepflegte Allianz zwischen Wissens- und Literaturgeschichte entfaltete hier ihre besondere Programmatik. Aufs Glücklichste spiegeln die Themen des Zentrums ein Leitgestirn in seinem gelehrten Kosmos: die wissenshistorische Fundierung der Literatur im Sinne einer Funktionsgeschichte ihrer Formen.

Der Impulsgeber Lämmert ließ sich vom weltläufigen Philologen so wenig trennen wie der Reisende vom Leser, der Vermittler vom Analytiker, der Historiker vom Systematiker. Was er anstieß, gewann in beharrlicher Ausdauer und gedankenreicher Gestaltungskraft reale Kontur. Auch als öffentlich Handelnder operierte Lämmert argumentativ brillant, sachlich und dialogisch. Das passte zum intellektuellen Duktus seiner Schriften, in denen er sich als sprachmächtiger, dabei stets analytischer Anwalt der Literatur ausweist. Weder dem Taumel der Spekulation noch der Sterilität kunstferner Abstraktion anheimfallend, zeigte Lämmert, dass die Philologie eine strenge Wissenschaft ist. Geistesgegenwart und Rationalität, Kunstsinn und historisches Wissen bildeten die Zutaten für seine Arbeit am Text. Zu seinen intellektuellen Kennzeichen gehörten Eleganz in anstrengungslos scheinender Genauigkeit, rationales Urteil und stupende Gelehrsamkeit, nicht zuletzt ein analytischer Verstand, der sein Objekt begreift, ohne es dabei stillzustellen. So entstand in seiner Bücherwelt das Geheimnis der Poesie von Neuem, jedoch im Licht vergleichender Erkenntnis, zum Gegenstand deutender Annäherung erhoben. Einen Botschafter wie diesen wird die Literatur so schnell nicht wieder finden.

Peter-André Alt

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin und Professor für Neuere deutsche Literatur

Weitere Informationen

Der Nachruf ist auch in der aktuellen Ausgabe des Tagesspiegels erschienen. Erinnerungen von Weggefährten, Schülern und Kollegen Eberhard Lämmerts hat campus.leben für einem weiteren Artikel gesammelt.